"Rommel" in der ARD Hitlers Hamlet

Verführter? Zweifelnder? Mitwisser? In dem NS-Drama "Rommel" versucht Ulrich Tukur, den Generalfeldmarschall als innerlich zerrissenen Helden darzustellen - und scheitert. Denn seinem tragischen Supersoldaten kann man nichts übelnehmen, er ist einfach zu gut, um wahr zu sein.

SWR

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Da steht er auf einer Betonfestung des Atlantikwalls und schaut unbeirrt gen Westen, wo die Alliierten gerade ihre Truppen zum Sturm auf die "Festung Europa" zusammenziehen. Sollen sie doch kommen! So ist der Blick zu lesen, den Generalfeldmarschall Erwin Rommel für das Kamerateam der "Wochenschau" aufgesetzt hat im Frühjahr 1944. Dann steigt er runter von der Wallanlage und scheint selbst ein wenig peinlich berührt über seine Performance.

Entschlossener Feldherr oder großer Zweifler - was denn nun? Eine sinnige Szene für einen Film, der versucht, die historische Figur Rommel in Nahperspektive zu zeigen. Denn die Filmemacher mussten sich für ihr zweistündiges TV-Biopic, das am Donnerstag in der ARD läuft, durch ein Dickicht von zweifelhaften Informationen oder gar Fehlinformationen schlagen. Manipulierte Bildproduktionen, die der geltungsbedürftige General von sich anfertigen ließ. Mythische Überhöhungen, mit der die NS-Propaganda Hitlers Lieblingsgeneral erst zum Wüstenfuchs und dann zum Schutzheiligen der "Festung Europa" aufbaute. Und schließlich die Überlieferungen, mit der hohe NS-Militärs Rommels Handeln beschrieben - die jeweils eigene Legitimierung im Blick.

Regisseur Niki Stein und Produzent Nico Hofmann wollen Erwin Rommel nun in seiner ganzen Ambivalenz zeigen. Als Soldaten, der an seinen strengen Tugenden scheitert. Als Verführten, der für seine Privilegien im NS-Staat deutliche Hinweise auf die Judenverfolgung übersieht. Als Hitler-Bewunderer, der erst spät und halbherzig gegen den "Führer" aufbegehrt.

Mehr Rommel geht nicht

Bewusst haben sie sich dabei auf die letzten Monate im Leben Rommels beschränkt, auf jene Zeit, als er erkannte, dass Hitlers Krieg nicht mehr zu gewinnen ist; als er Kontakt hielt zu den Verschwörern um Stauffenberg. Zu 90 Prozent, betont Produzent Hofmann, habe man beim Verfassen der Dialoge auf Protokolle von Lagebesprechungen oder ähnlichem zurückgegriffen. Mehr Rommel geht nicht.

Mehr Milde gegenüber dem bis zum Jahr 1944 überzeugten NS-Feldherren Rommel geht aber auch nicht. Denn in der machtvollen Interpretation von Hauptdarsteller Ulrich Tukur - Originalzitate hin oder her - funktioniert die schwierige Figur vor allem als eines: als tragischer Held.

Als Hitlers Hamlet.

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Das Zaudern bestimmt hier sein Scheitern. Rommel wird als jemand gezeigt, der eisern an seinen soldatischen Tugenden festhält - selbst als er erkennt, dass diese Deutschland in den Untergang führen. Ein Großteil der Szenen spielt in Rommels französischem Hauptquartier, Schloss La Roche-Guyon, wo er mit anderen Uniformträgern erst über das Für und Wider des Aufbegehrens streitet, später dann über die Form des Aufbegehrens.

So ist man zwar ganz dicht am psychologischen Konflikt dran - betrachtet ihn aber streckenweise fast losgelöst vom kriegerischen Kontext. Erstaunlich: Die Gräuel des Zweiten Weltkriegs wehen in der ARD-Produktion nur als Gerüchte hinter das Mauerwerk des schönen Schlosses.

Teetrinken statt Folter

Einmal sieht man Tukurs Rommel gramgebeugt über Fotos des Massakers von Oradour, bei dem die Waffen-SS 1944 während einer Strafaktion 642 Menschen ermordet hat. Der General ist aufrichtig erschüttert, als lägen solche Verbrechen tatsächlich außerhalb seines Vorstellungsvermögens. Vom Hörensagen waren ihm solche Erschießungen bekannt, glauben wollte der Rommel im Film daran nicht so recht. Doch schon 1940 verübte die Waffen-SS beim Westfeldzug Verbrechen - konnte der Wehrmachtsheld vier Jahre später wirklich so unwissend gewesen sein? Konnten Rommel wirklich erst in seinen letzten Monaten die Augen aufgehen, welchem verbrecherischen Regime er diente?

Ein anderes Mal rettet er einen britischen Soldaten, der während einer nächtlichen Landung gefangengenommen wurde und von der SS gefoltert wird. Der fiese SS-Befehlshaber will den Briten notfalls zu Tode quälen, um ihm Informationen zu entlocken. Auftritt Rommel. "Wir haben andere Methoden", spricht stolz der Feldmarschall. In der Folgeszene trinkt er mit dem Feind auf seinem Schloss Tee und tauscht sich kultiviert über die neuesten Entwicklungen des Krieges aus. La Roche-Guyon als Hort soldatischer Tugenden, das ist dann doch ein bisschen viel.

Der Fokus auf das Zerbröseln ebendieser Tugenden macht den Film zu einem interessanten psychologischen Drama. Er droht dabei aber die Frage nach der Kollektivschuld am Zweiten Weltkrieg - und am Holocaust - wegzudrücken in einzelne Organisationsbereiche des NS-Staates. Die Wehrmacht? Kommt hier über Strecken wie eine moralische Anstalt daher. Waren denn etwa SS und reguläre Truppe wirklich so wenig miteinander verbandelt, wie es "Rommel" suggeriert?

Rommel-Darsteller Tukur verstärkt diesen Eindruck von Sauberkeit, ja fast Harmlosigkeit, indem er anheimelnd durch den Film schwäbelt. Eine überwältigende Performance des Schauspielstars, sicher. Aber will man von einer Rommel-Performance überwältigt werden? Als bei der Rückfahrt von einer Truppeninspektion die Bomben der Alliierten einschlagen, will der Feldmarschall sofort zurück zu seinen Soldaten eilen. Bei Tukur wird Rommel zum Schwaben mit Korrektheitsgen, der nur das tun kann, was er für richtig hält. Ein Mann mit Tugenden - Tugenden, die ihn schließlich ohnmächtig werden lassen. Eine tragische Figur, eine sympathische Figur. Sehr riskant.

"Jetzt ischs Ende do", sagt Tukurs Rommel irgendwann verzagt. Man würde ihn da gerne in den Arm nehmen. Will man wirklich mit diesem Gefühl entlassen werden?


"Rommel", Donnerstag, 20.15 Uhr, ARD (Im Anschluss läuft eine Dokumentation zum Thema)

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jan.dark 01.11.2012
1. Hurra-Patrioten
Nach dem Krieg flüchteten sich enorm viele in das "Wir konnten nicht anders". Nüchtern betrachtet verstecken Hurra-Patrioten wie Rommel und Stauffenberg ihre Verbrechen. Rommel hat entscheidend an dem Angriffskrieg gegen Belgien, Frankreich und Holland beteiligt. Man war begeistert, mit den Panzern schnell zur Nordsee vorzustoßen um dann die Briten aus Dünkirchen zu vertreiben. Man war stolz, dass es geklappt hat, ohne auf die Infanterie zu warten, das Modell Blitzkrieg etabliert zu haben. Kriegsverbrecher, die fremde Völker überfallen. Stauffenberg war dann mit Rommel in Afrika. Was haben deutsche Soldaten in Afrika zu suchen, ausser einen verbrecherischen Angriffskrieg zu machen. Wie jeder Imperialist versucht man mit Waffengewalt zu rauben, zu plündern und ein fremdes Volk zu unterwerfen. England war stärker und hat den Osmanen Ägypten, Palästina udn vieles mehr geklaut. Die Beute haben sie dann z.T. noch großzügig verschenkt udn damit Konfliktherde geschaffen, die es über 60 Jahre später nicht zu einer normalen Zivilisation gebracht haben und nicht im Frieden mit den Nachbarn leben. Diese Soldaten unterscheiden sich nicht von den Plünderern und Mördern des dreissigjährigen Krieges. Besodners zynisch ist dann, Helden_Epen im Nachhienin zu dichten. Stauffenberg, der mit Rommel Afrika überfallen hat und dort verwundet wurde, wollten ihr eigenes militärisches Versagen, dass sie großzügig dem Führer Sieg beim Angriffskrieg versprochen hatten aber nicht liefern konnten, dem Führer dann als Sündenbock unterschieben. Stauffenberg plante den Mord, um anschließend eine Militärdiktatur errichten zu wollen. Großmäulighes Junkertum, Mittäter beim Angriffskrieg, kein Held sondern Hasardeur, der seine Arbeitskraft dazu verschwendet hat, das Deutsche Reich zu vernichten durch realitätsfremden Militarismus, der gegen die Demokratie gewandt war. Rommel war nicht Held. Er war Mehrfachtäter im verbrecherischen Angriffskrieg. Feige hat er sich durch Selbsttötung jeder Verantwortung entzogen. Auf solche Soldaten kann Deutschland verzichten.
huettenfreak 01.11.2012
2. Moralkeule?
Ist es nicht so, dass sich Soldaten immer in einem Gewissenskonflikt befinden, egal für welche Macht sie unterwegs sind? Unseren Bundeswehrsoldaten auf den aktuellen Kriegsschauplätzen dieser Welt geht es ja nicht anders. Den Ruf Rommels zu diskreditieren wird nicht gelingen, dafür genießt er selbst unter unseren ehemaligen Feinden im Ausland viel zu viel Anerkennung. Ich bin sehr gespannt auf die filmische Umsetzung mit Tukur, der Erwin Rommel ja wirklich zum verwechseln ähnlich sieht...
fatherted98 01.11.2012
3. Sind wir jetzt....
...schon wieder so weit die Verantwortlichen Generäle des 2. Weltkriegs zu Helden zu stilisieren und von Schuld freizusprechen? Alles aufrechte Deutsche die nur dem Wohl des Volkes gedient haben oder was...? Da schüttelts einen ja....
niska 01.11.2012
4.
Zitat von sysopSWRVerführter? Zweifelnder? Mitwisser? In dem NS-Drama "Rommel" versucht Ulrich Tukur den Generalfeldmarschall als innerlich zerrissenen Helden darzustellen - und scheitert. Denn seinem tragischen Supersoldaten kann man nichts übelnehmen, er ist einfach zu gut, um wahr zu sein. "Rommel": Ulrich Tukur als Hitlers "Wüstenfuchs" in der ARD - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/rommel-ulrich-tukur-als-hitlers-wuestenfuchs-in-der-ard-a-863956.html)
Also doch nur ein geschichtsrevisionistisches Nico-Hoffmann-Drama, das einen Heldenmythos für die Nation der fehlenden Kriegshelden basteln soll. Ein Rommel, der schon 1943 in Norditalien (z.B. Boves) von ihm unterstellten SS-Einheiten ganze Dörfer niederbrennen und Alte, Kranke und Kinder töten lies, wusste sicher nichts von den ganzen Kriegsverbrechen und war bestimmt ganz erschüttert, als er 1944 Fotos aus Oradour gesehen hat... Rommel war alles andere als dumm. Ihn als nichtwissendes, verblendetes Opfer Hitlers hinzustellen funktioniert absolut nicht. Er wusste was er tat und er tat es bewusst und freiwillig.
veermaster 01.11.2012
5. Gute Frage
Zitat: "Der General ist aufrichtig erschüttert, als lägen solche Verbrechen tatsächlich außerhalb seines Vorstellungsvermögens. Doch schon 1940 verübte die Waffen-SS beim Westfeldzug Verbrechen - konnte der Wehrmachts-Held vier Jahre später wirklich so unwissend gewesen sein? Konnten Rommel wirklich erst in seinen letzten Monaten die Augen aufgehen, welchem verbrecherischen Regime er diente?" Zitat Ende. Den Effekt kennen wir doch alle: unser ganzes Wissen um tausende verhungernder Menschen in - egal wo - Biafra z.B. berührt uns nicht so, wie ein einzelnes eines vor Hunger sterbenden Kindes. Es berührt uns. Vielleicht -bitte, wohlgemerkt vielleicht - ist das Rommel beim betrachten der Bilder von Oradour genauso gegangen? Zumal der Urschwabe in seiner Pflichterfüllung - so einen haben wir z.Zt. ja auch als Finanzminister - und der General in preußischer Tradition eines bestimmt gelernt hat: keine Gefühle an sich heranzulassen und keine zu zeigen. Dies soll nun wirklich keine Wertung oder irgendwie geartete Rechtfertigung darstellen. Vielleicht könnte es eine Antwort sein - auf Ihre gute Frage.
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