RTL-II-Reihe Politiker üben scharfe Kritik an "Tatort Internet"

Die Sendung selbst sei eine Form des Missbrauchs, sie schüre ausschließlich Ängste: Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger und EU-Parlamentarierin Verheyen haben "Tatort Internet" gegenüber dem SPIEGEL gerügt. Die Ministerin nannte das Anliegen der Reihe "völlig verfehlt".

Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Kein Ruhmesblatt" für die Macher
picture alliance / dpa

Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Kein Ruhmesblatt" für die Macher


In CDU und FDP mehrt sich die Kritik an der RTL-II-Reihe "Tatort Internet". Die Sendung sei für deren Macher "kein Ruhmesblatt", sagte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) dem SPIEGEL. Es könne der Eindruck entstehen, dass es dabei "mehr um Quote denn um Sachaufklärung" gehe.

Die Sendung "Tatort Internet", die auch von der Ministergattin Stephanie zu Guttenberg vor der Kamera unterstützt wurde, steht seit ihrer Erstausstrahlung vor knapp zwei Wochen in der Kritik - unter anderem auch von Kinderschutzvereinen. Aufsehen erregte jüngst der Fall des 61-jährigen Leiters eines Würzburger Kinderdorfs: Er wurde von der Redaktion beim Versuch entlarvt, Kontakt mit einer Minderjährigen aufzunehmen. Sein Arbeitgeber, die Caritas, hatte den Mann wegen der Vorwürfe fristlos entlassen. Inzwischen ist er wieder aufgetaucht. Ein anderer Mann war unzureichend anonymisiert worden und konnte enttarnt werden.

Sabine Verheyen, die sich als CDU-Abgeordnete im EU-Parlament für die Bekämpfung des Kindesmissbrauchs einsetzt, bezeichnet das Format gegenüber dem SPIEGEL als "viel zu reißerisch": "Tatort Internet" schüre ausschließlich Ängste, ohne den Gefährdeten zu helfen. Die Sendung verzichte weitestgehend auf Information, wo und wie sich Jugendliche und ihre Eltern schützen und helfen lassen können.

"In meinen Augen ist das auch eine Form des Missbrauchs"

Selbst die Rechte der Opfer, für die sich die von Guttenberg unterstützte Sendung starkmachen will, sieht Sabine Verheyen verletzt: Die Täter würden zwar unkenntlich gemacht, ein junges Mädchen, das belästigt worden war, sei hingegen ganz offen interviewt worden. "In meinen Augen ist das auch eine Form des Missbrauchs, wenn ein Mädchen vor der ganzen Republik darstellen muss, wie unangenehm ihr die ganze Situation war."

Aus Sicht von Leutheusser-Schnarrenberger ist schon das vorgebliche Anliegen der Reihe, das Anbahnen sexuell motivierter Kontakte zu Kindern im Internet künftig unter Strafe zu stellen, "völlig verfehlt": Dieses sogenannte Cyber-Grooming stehe in Deutschland bereits seit 2004 "bezüglich aller relevanten modernen Kommunikationsmittel" unter Strafe.

Kritik übt Leutheusser-Schnarrenberger deshalb auch an ihrer bayerischen Ministerkollegin Beate Merk (CSU). Dass diese ebenfalls gefordert hatte, Cyber-Grooming künftig unter Strafe zu stellen, sei ihr "unverständlich". Um feststellen zu können, dass dies bereits heute strafbar ist, "hätte ein Blick in das Strafgesetzbuch genügt", so Leutheusser-Schnarrenberger an die Adresse Merks: "Gerade von den Handwerkern des Rechts hätte ich erwartet, dass sie der Öffentlichkeit die Rechtslage hinreichend vermitteln."



insgesamt 76 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pulegon 23.10.2010
1. da wird schon was dran sein...
Zitat von sysopDie Sendung selbst sei eine Form des Missbrauchs, sie schüre ausschließlich Ängste: Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger und EU-Parlamentarierin Verheyen haben "Tatort Internet" gegenüber dem SPIEGEL gerügt. Die Ministerin nannte das Anliegen der Reihe "völlig verfehlt". http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,724906,00.html
Es wird so getan, als würde hinter jeder Ecke der nächste Kinderschänder warten, der auf Opfer lauert. Was dieses Bedrohnungsszenario für den unbescholtenen Bürger bedeutet, kann jeder sich vorstellen, wenn er mit seiner zehnjährigen Nichte an der Hand durch den Urlaubsort spaziert und die Blicke der Einheimischen auf dem Rücken spürt. Oder mit seinem Neffen vor dem Schwimmbad von der Polizei abgefangen wird (http://www.fixmbr.de/tatort-internet-und-die-folgen/). Wird schon was dran sein sagen Sie immer, bei solchen Sendungen. Was es hauptsächlich bewirkt, ist die Zerstörung des unschuldigen Umgangs mit unseren Kindern, weil jeder Mann mittleren Alters, der ohne Frau in der Nähe mit einem Kind zusammen ist/ redet/ seine Hand hält, möglicherweise ein Kinderschänder sein könnte. Zumindest in den Köpfen der Anderen.
Bravofox 23.10.2010
2. ja ja die FDP
Zitat von sysopDie Sendung selbst sei eine Form des Missbrauchs, sie schüre ausschließlich Ängste: Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger und EU-Parlamentarierin Verheyen haben "Tatort Internet" gegenüber dem SPIEGEL gerügt. Die Ministerin nannte das Anliegen der Reihe "völlig verfehlt". http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,724906,00.html
Schön wie die Politiker wiedermal vertuschen wollen . Nicht nur in Belgien . Auch bei uns ,wie man sieht . Ich sag ja Kinder haben nicht nur bei der FDP keine Lobby .
moderne21 23.10.2010
3. leider alternativlos
Selbst wenn RTLII mit unlauteren Mitteln arbeiten sollte - was ich persönlich nicht glaube - ziehen viele Zuschauer dies dem oftmals zynisch anmutenden staatlichen Umgang mit Gewalt (http://www.gewalt-geht-immer.de)kriminalität ('Das müssen wir aushalten' - Marie-Luise Beck) vor. Da kann Frau Leutheusser-Schnarrenberger moralisch nicht wirklich gegenhalten.
Indigo76 23.10.2010
4.
Was Panikmache bewirgt, sieht man ja in den USA. Dort wird den Bürgern bei jeder Gelegenheit eingetrichtert, dass hinter jeder Häuserecke ein potentieller Mörder lauern kann, und dass sie sich wehren müssen. Das Ergebnis ist, dass sich jeder eine Waffe kauft und es kein Land auf der Erde gibt, wo (in Friedenszeiten) mehr Menschen durch Schusswaffen sterben. Wir brauchen Aufklärung und keine Panikmache. Wir müssen die Polizei ihren Job machen lassen. Fernsehsender, die für die Quote Selstjustiz verüben, sind in meinen Augen ebenso verachtenswert, wie die "Täter", die sie jagen.
splotch, 23.10.2010
5. Ist das Ironisch gemeint?
Zitat von moderne21Selbst wenn RTLII mit unlauteren Mitteln arbeiten sollte - was ich persönlich nicht glaube - ziehen viele Zuschauer dies dem oftmals zynisch anmutenden staatlichen Umgang mit Gewalt (http://www.gewalt-geht-immer.de)kriminalität ('Das müssen wir aushalten' - Marie-Luise Beck) vor. Da kann Frau Leutheusser-Schnarrenberger moralisch nicht wirklich gegenhalten.
Meine Güte, vor 1 1/2 Jahren hatten wir diese Diskussion bereits wegen Frau von der Leyen. Informieren Sie sich bitte auch aus anderen Quellen. http://ak-zensur.de/2010/09/wegsehen-statt-handeln.html
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.