"Zeit für Helden" auf RTL II "Na ja, man muss a bisserl mit Niveau darangehen"

RTL II

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RTL II und die Bundeszentrale für Politische Bildung - passt das zusammen? Mit "Zeit für Helden" wagen beide eine gemeinsame Sendung über Zivilcourage. Bemerkenswert: Das Experiment gelingt einigermaßen.

Selbst die treuesten Zuschauer von RTL II würden kaum unterschreiben, dass der Sender sich der Förderung des Gemeinwohls und des gedeihlichen Miteinanders verschrieben hat. Nun hat RTL II aber gerade beim Publikum unter 50 Jahren eine so treue Zuschauerschaft, dass es in diesem Segment mehr Menschen erreicht als etwa ARD oder ZDF - und damit genau die jugendliche Zielgruppe bindet, denen die Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) etwas über Rassismus, Vorurteile und Diskriminierungen erzählen will.

Dies geschieht in gestellten Alltagsszenen mit Schauspielern, deren zufällige Zeugen die eigentlichen Hauptdarsteller sind. Etwa im Baumarkt, wo der Verkäufer eine weibliche Aushilfe lauthals dafür niedermacht, dass sie eine weibliche Aushilfe ist. Gibt es Kunden, die Einhalt gebieten? Die gibt es, sie werden mit versteckter Kamera gefilmt und zur Belohnung sogleich von Moderatorin Sandra Schneiders überfallen: "Sie sind sofort eingeschritten! Warum haben Sie das gemacht?" - "Na ja, man muss a bisserl mit Niveau darangehen…"

Auf die Misogynie folgt die Homophobie, eine weitere Geißel der Gesellschaft. Denn: "Es gibt noch immer Menschen, die schauen weg, wenn ein Schwuler oder eine Lesbe dumm angemacht werden!" Diesmal verbittet sich der Besucher eines Fitness-Studios vehement, von einem schwulen Mitarbeiter angefasst zu werden. Ein tatenloser Zeuge wird zur Rede gestellt ("Meinst du nicht, in so einer Situation ist es besser, wenn man mal was sagt?"), bleibt aber die Ausnahme. Andere Kunden reagieren auf das Gezeter ("Willst du, dass der dich berührt und dir Krankheiten gibt?") eher handfest: "Ey, du kriegst gleich von mir eine Krankheit!"

"I hob gdacht, huifst'm hoit"

So soll's sein. Es werden nicht, wie bei den vergleichbaren "heimlichen Tests" von "stern tv" bei RTL, die Sünder an den Pranger gestellt. Stattdessen werden vorbildhafte "Helden" präsentiert, die im Anschluss gelobt ("Guten Tag, Sie haben sich gerade supergut eingesetzt. Woher haben Sie den Mut genommen?") und nach den Motiven für ihr Handeln befragt werden. Natürlich wird dabei ein gewisser Widerspruch offenbar: Einerseits wird Zivilcourage als Selbstverständlichkeit eingeklagt, andererseits die Heldenhaftigkeit von Testpersonen betont, die dem Rassisten im Restaurant in die Quere gekommen sind oder verhindert haben, dass Gauner einen Blinden bestehlen. Aber was soll's, es ist ja für den guten Zweck.

Einmal muss einer zeternden Kundin Paroli geboten werden, die sich über einen Obdachlosen vor der Apotheke beschwert. Als einer der Helfer ein paar Tränen vergießt, weil er "selbst schonamal, kurz davor, Scheidung gehabt und so", ist RTL II wieder ganz in seinem Element. Ein anderer Held beharrt geduldig: "Das ist kein Penner, das ist ein Mensch, der hat auch seine Würde!" Zum Nachlesen eingeblendet wird dazu komischerweise nicht der Artikel mit der Würde, sondern der 1. Absatz von Artikel 3 des Grundgesetzes: "Jeder Mensch ist vor dem Gesetz gleich."

Überhaupt wird sehr viel und sehr schnell eingeblendet, beispielsweise lange Handreichungen darüber, wann man nicht eingreifen sollte, nämlich "wenn der Täter bewaffnet ist". Zu heldenhaften Charaktertests aufgepumpt werden auch alltägliche Hilfestellungen, bei denen einem Rollstuhlfahrer oder einer Mutter mit Kinderwagen die Treppe hinuntergeholfen wird. Nach vollbrachter Heldentat rauscht wieder die Kavallerie mit Kamera an: "Hallooo, wir müssen hier aufklären, weil: Das war eine gestellte Szene, und das war super, was du gemacht hast!" - "I hob gdacht, huifst'm hoit." Es folgt eine sekundenschnelle Einblendung, wie man sachgerecht und ohne Knochenbrüche einen Rollstuhl die Treppe runterbekommt.

Eine Umdrehung zu viel

Stets repräsentiert eine onkelige Stimme aus dem Off sozusagen das Über-Ich der Bundeszentrale und sagt Sachen wie: "Ob allein oder mit anderen: So schnell ist einem Rollstuhlfahrer geholfen!" Oder: "Zivilcourage verbindet. Eine schöne Erfahrung!" Der belehrende Ton erinnert an "Der siebte Sinn" und klingt häufig wie direkt aus einer Broschüre der bpb abgelesen: "Warum unser Schauspieler nicht aussieht, wie wir uns einen Neonazi meistens vorstellen, mit Springerstiefeln und Glatze? Ganz einfach: Rassismus und Islamfeindlichkeit können uns hinter jeder Fassade begegnen."

Womöglich muss das Publikum - wir erinnern uns, wir sind bei RTL II - genau so angesprochen werden, mit Propaganda für das Gute. Wobei die wünschenswerten Werte unserer Gesellschaft allzeit als gesetzt gelten. Nur selten schert eines der Versuchskaninchen aus diesem Impro-Ballett der Wohlanständigkeit aus, wie einer der Kunden im Baumarkt: "Ich war lange selbstständig und weiß, wie man mit Mitarbeitern umgeht. Drum habe ich mir gedacht, das geht mich nichts an."

Eine Drehung zu viel bleibt die Idee, wiederum anderen Passanten die Standbilder der Testpersonen zu zeigen und zu fragen, wie sie sich wohl im Verlauf des Experiments verhalten werden. Hier gibt es keinen Erkenntnisgewinn, wo doch Erkenntnis und "Empowerment" der Zielgruppe das pädagogische Ziel dieser Sendung sind. Ob das "ankommt" bei denen, die es angeht? Der Versuch ist es wert, auch wenn es weder lustig noch wirklich krawallig zugeht. Denn "Verstehen Sie Spaß?" gab es ja schon. "Zeit für Helden" will eher wissen: "Verstehen Sie keinen Spaß?".

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7 Leserkommentare
stephan herrmann 24.07.2014
PeterLublewski 24.07.2014
enivid 24.07.2014
Esebian 24.07.2014
PeterLublewski 24.07.2014
mangeder 24.07.2014
svenduweweber 21.06.2015

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