Neue "Bauer sucht Frau"-Staffel "Die Kühe sprechen ja nicht mit mir"

Droht die Vertreibung aus dem Quoten-Paradies? Die Kuhstall-Kuppelshow "Bauer sucht Frau" startet in die achte Staffel - und verliert dabei eine Million Zuschauer. Enttäuscht RTL nun etwa die Landlust des Publikums? Ein Schnellcheck zur ersten Ausgabe.

RTL

Von Aleksandar Jozvaj


Deutschland erkaltet, der Herbst ist da, der Winter naht. Doch auf die Menschenfreunde von RTL ist Verlass, sie erwärmen unsere Herzen mit der inzwischen achten Staffel "Bauer sucht Frau". Außerdem ist die Agrarierverpaarungsshow mit den abgeschmacktesten Alliterationen im Abendprogramm des Abendlandes auch ein absoluter Abräumer (höhö, haben Sie's gemerkt?) was die Quote angeht - zumindest war das bisher so.

Denn mit 6,98 Millionen Zuschauern holte die Auftakt-Folge der achten Staffel zwar den Quotensieg am Montagabend, blieb damit aber eine stattliche Million hinter dem Vorjahr zurück - eine überraschend schlechte Ernte. Lahmt da etwa der landlustige Fremdscham-Lieferant? So wie andere Zugpferde des Kölner Privatsenders ("Deutschland sucht den Superstar" oder "Das Supertalent")? Und warum könnte das so sein? Schauen wir mal hin, wie's war.

Was ist neu?

Pffff. Nix so richtig natürlich. Wer choreographierte Fettnäpfchentreterei ohne allzu hohen Fingerzeig-Faktor sucht, wird doch hier bestens bedient! Den Joker Homosexualität haben die Macher schon im letzten Jahr gezogen. Das hindert sie aber nicht daran, den Denny aus der Lausitz schon im Werbetrailer-Park des Senders den Klischee-Schwulen geben zu lassen. Was in einer Beziehung nicht auszustehen sei, wird er gefragt und muss hyper-agitiert antworten: "Wenn jemand tranfunzelig ist!". Eine Überraschung ist aber: Jeder Bauer nimmt freiwillig nur eine Frau mit auf den Hof. Neue deutsche Bescheidenheit?

Bei wem droht Landfrust?

"Liebe, Zoff und ganz viel Romantik" - so bejubelt der Kölner Sender die Show auf seiner Homepage. Dieser Slogan soll sich in jeder Staffel schnell auf "Zoff" zuspitzen. Und dafür müssen Liebeshungrige nicht aus Zu-, sondern aus Abneigung übereinander herfallen. In Folge eins herrscht aber die Harmonie vor, da lässt sich die Frage schwer beantworten. Ein vorsichtiger Tipp: Hans-Georg aus dem Schwarzwald muss sich als "herzlicher Hobby-Bauer" erst noch beweisen. Der hauptberufliche Schreiner verschenkte zwar hausgemachte Ziegenwurst. Er antwortete aber auf die Frage, ob er die denn extra für seine spätere Wahlfrau Bettina habe schlachten lassen, mit dem ernüchternden Satz: "Nee, das ist schon ein paar Jahre her."

Beim wem lockt Landlust?

Am meisten hat's wohl Heinrich erwischt, der im frisch gewaschenen Hemd die Zuschriften seiner (vermeintlichen) Verehrerinnen vorstammeln muss. Eine Nahaufnahme erlaubt dabei den Blick auf einen mit Rechtschreibfehlern gespickten Brief. Doch wo die Liebe hinfellllt, verliert der Duden seine Macht. Das wissen wir im Herzen ja alle, wir ollen Romantiker - und RTL erinnert uns zum Glück daran. Auf dem Scheunenfest wählt Heinrich daher ganz schnell Emine aus, die nur gebrochen deutsch spricht und untertitelt werden muss. Heinrichs Urteil: "Ich glaube, ich könnte mich in dich verlieben, ganz schnell." Freuen Sie sich auf die flankierende Berichterstattung. Da geht erst gaaaanz viel zwischen den beiden, hofft man jetzt. Und dann geht plötzlich gar nichts mehr!?!

Welcher Kandidat sollte mit Extra-Agrarsubventionen belohnt werden?

"Der kernige Kartoffelbauer" Clemens. Überzeugt mit Sprüchen, die nicht von der Regie erzwungen wirken. Hinterlässt beim Scheunenfest den Eindruck, dass er weiß, was er tut. Und zeigt auch auf der Tanzfläche Haltung.

Was sagt Frau Bause so?

Jürgen ist "der heitere Hühnerwirt" und nun der "Hahn im Korb". "Heinrich hat zwar Brote geschmiert, greift aber lieber zur Post". Und eine etwas beleibtere Kandidatin wird von Inka Bause gewohnt ungezwungen gefragt: "Du hast dich mal bei Beate Uhse beworben. Als was?!" Eine TV-Frau im Alliterationsrausch, die sich in Wortspielen für Kinder ab fünf Jahren ergeht. Nehmen wir für einen leicht irren Moment nur mal an, eine staatlich examinierte Erzieherin, die im Eigenverlag Bände mit unlesbarer Liebeslyrik veröffentlicht, gerät versehentlich auf eine Partnertausch-Party des Deutschen Tierschutzbundes…

Was könnte Herr Sonnleitner so sagen?

Der ehemalige Präsident und jetzige Ehrenpräsident des Deutschen Bauernverbandes, der zudem gerade Präsident des europäischen Bauernverbandes (Modell: Altersweide) ist, hat sich sehr früh als Kritiker der Show positioniert, denn Gerd Sonnleitner fürchtet um das Image seines Berufsstandes. Nur: Warum?

Milchbauer Dieter gesteht bei Bauses Bauernsause herrlich unverstellt: "Die Kühe sprechen ja nicht mit mir." Der Landwirtschaftslobbyist Sonnleitner spricht dagegen Subventionssprech: "Das Einkommen der Milchbauern ist verglichen mit den übrigen Bevölkerungsgruppen nach wie vor noch zu niedrig." Wem würden Sie jetzt lieber ein paar Steuer-Euro zuschanzen? Dem Kuhflüsterer Dieter? Oder dem Bevölkerungsgruppenvergleicher Sonnleitner?

Und wie schmeckt's nun?

In einer Szene drückt "der heitere Hühnerwirt" Jürgen zwei wehrlose Küken aneinander. Manche mögen so eine Zwangszusammenführung als Ausdruck seiner Sehnsucht deuten - und wohlig aufseufzen. Andere sehen darin eine entlarvende Metapher auf "Bauer sucht Frau" an sich. Wird denn der wehrlose Jürgen in dieser Show nicht selbst an ein anderes Wesen gepresst werden? Von Bause? Von RTL? Wer als Zuschauer nicht weiß, wo hier die eigene Wahrheit liegt, möge sich an Inka Bauses Worte halten, mit denen sie Schweinewirt Heinrich verabschiedet: "Danke, ich finde alleine raus!"



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