RTL sucht Schwiegertöchter Liebe Deinen Schrägsten

Wenn aus der Kuppel- eine Freakshow wird: Keine andere Sendung nutzt die Überlegenheit des Mediums gegenüber seinen Protagonisten so schamlos aus wie die vorgebliche Single-Vermittlung "Schwiegertochter gesucht". Und wir lachen auch noch darüber. Warum eigentlich?

RTL

Von Peer Schader


"Schäm dich", hat jemand in die Kommentarspalte auf der Facebook-Seite von Vera Int-Veen geschrieben, wo sich die Moderatorin an die "liebe Fangemeinde" wendet, um die Sendetermine ihrer Shows bekanntzugeben.

Die zweifellos erfolgreichste heißt derzeit "Schwiegertochter gesucht", wurde zuletzt von bis zu sechs Millionen Menschen gesehen - und sorgte in der vergangenen Woche zumindest auf Facebook und Twitter für einen kleinen Eklat. Im Special "Jetzt sind die Frauen dran" (Teil 2 am Sonntag um 19.05 Uhr) war zuvor bei RTL gezeigt worden, wie sich Kandidatin Beate bereits zum vierten Mal vor laufenden Kameras zu verlieben versucht und sich zwei Herren nach Hause einladen durfte, von denen einer - der "Regalauffüller" Stefan - sichtlich Mühe hatte, sich zu artikulieren. Und zwar offensichtlich nicht nur aus Aufregung.

"Stefan hat lediglich eine Lernbehinderung."

Das ging den meisten Zuschauern dann doch zu weit. "Ich mochte die Sendung echt gerne - bis gestern", schrieb einer auf Facebook - "das ist sowas von unmoralisch" ein anderer. Die beiden waren mit ihrer Empörung nicht allein.

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärt RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer: "Stefan hat uns bestätigt, dass er lediglich eine Lernbehinderung hat. Er braucht einfach für alles ein wenig länger, ist aber keineswegs so behindert, wie manche glauben." Der Kandidat habe eine Sonderschule besucht, seinen Hauptschulabschluss gemacht und danach eine Ausbildung zum Beikoch. "Und dass er lernbehindert ist, bedeutet ja nicht, dass er sich nicht auch verlieben darf", sagt Eickmeyer.

Das Verlieben ist aber auch gar nicht das Problem. Das Problem ist, dass sich Stefan dafür RTL anvertraut hat, wo vor der Liebe erst noch die Quote kommt.

Keine andere Sendung im deutschen Fernsehen nutzt die Überlegenheit des Mediums gegenüber seinen Protagonisten so schamlos aus wie "Schwiegertochter gesucht". Oberflächlich geht es in der Doku-Soap tatsächlich darum, dass sich Menschen finden und verlieben - in erster Linie Männer, die noch bei Mutti wohnen und langsam mal auf eigenen Füßen stehen müssten. Das hat RTL als Clou aber noch nicht gereicht. Deshalb ist aus der Kuppelshow eine Freakshow geworden, die einzig und allein darauf abzielt, Menschen und ihre Eigenarten auszustellen.

Auf der Sitzbank thront eine Kuscheltierarmee

Einschaltimpuls ist für viele Zuschauer, dass sie sich über die Schlichtheit der Kandidaten amüsieren können: über den 30-Jährigen, der in seiner Freizeit Kratzbilder anfertigt, über erwachsene Frauen, deren größte Leidenschaft Malen nach Zahlen ist, die Instant-Ingwertee mit Cola trinken oder Pullover mit Tiermotiven tragen und in Wohnungen leben, in denen auf der Sitzbank in der Küche eine ganze Kuscheltierarmee thront.

Viele Situationen funktionieren über Versprecher und unfreiwillige Komik: "Dann würd ich sagen, wir stoßen mal auf - äh: an!", verspricht sich eine Gastgeberin beim Sekteinschenken. "Wie lange bist du schon Single?", wird einer der Bewerber gefragt. "Seit meiner Geburt."

Die meiste Zeit muss RTL aber nachhelfen: Die scheinbare Ernsthaftigkeit, mit der das Geschehen kommentiert wird, ist eigentlich beißende Ironie, angereichert mit Hauptsätzen auf Grundschulniveau.

Wenn Int-Veen die Kandidaten zu Hause besucht und durch vollgeramschte Apartments mit Möbeln aus dem Billigbaumarkt geführt wird, sagt sie: "Schön hast du's hier." Die Kandidatin, die bisher von den Männern immer wieder weggeschickt wurde, fragt sie nach ihrem Schönheitsideal: "Muss dein Traummann aussehen wie George Clooney?" Zu dem blassen Personalausweisfoto des schnauzbärtigen Liebesbriefschreibers sagt sie: "Der hat was!" Und wenn die "Raumpflegerin" für ihren Schwarm kocht, darf sie "eine köstliche Lasagne zubereiten", während im Bild zu sehen ist, dass sie lediglich Fertigtüten aufreißt.

Zweiter Besuch bei den Übriggebliebenen

Umarmungsszenen werden mit den größten Liebesschnulzen aller Zeiten unterlegt, und es fällt kein einziges böses Wort über die Protagonisten - weil die vermeintlich positiven Kommentare viel treffsicherer Lacher produzieren.

"Im letzten Herbst hat Altenpflegerin Susanne in der Männerwelt für viel Aufsehen gesorgt", kündigte RTL am Sonntag eine korpulente Kandidatin an, die ganze drei Zuschriften interessierter Männer bekommen hat - denn Übriggebliebene besucht das Team ein paar Monate nach dem Ende jeder Staffel für ein "Special" noch mal. Anschließend durfte Susanne der Kamera ihre neuen Zähne zeigen, die vom Sender künstlich zum Glitzern gebracht wurden - wie im Cartoon.

Als sich in einer älteren Staffel eine andere kräftige Kandidatin ständig durch eine enge Tür zwängen musste, wurde jedes Mal ein Quietschgeräusch eingespielt - "damit wir alle noch ein bisschen mehr Spaß haben", verriet Moderatorin Int-Veen im vergangenen Jahr bei Stefan Raabs "TV total". Und legte ein Geständnis ab: "Am Anfang war es ein Fluch, ich hab gesagt: Was tust du da, das darfst du nicht. Dann hab ich aber gemerkt: Die Leute wollen, dass ich das tue." Ob sie nur die Zuschauer meinte oder auch die Kandidaten, hat sie offen gelassen.

Schadenfreude und schlechtes Gewissen

Dabei ist "Schwiegertochter gesucht" keineswegs ein Phänomen des sogenannten "Unterschichtenfernsehens". Eher im Gegenteil, sagt Eva Ullmann, Leiterin des Deutschen Instituts für Humor in Leipzig: "Je näher eine solche Sendung an die Lebenswelt der Zuschauer herankommt, je mehr sie mit dem eigenen Leben zu tun hat, desto unwitziger findet man sie." Gelacht wird eher aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus: "Wenn ich etwas verstehe, was jemanden anderen schlecht aussehen lässt, entsteht Schadenfreude. Durch den Humor, die Humoraktion, fühle ich mich überlegen gegenüber einer anderen Person."

Auf die Schadenfreude folgt bei "Schwiegertochter gesucht" nicht selten das schlechte Gewissen, sich über jemanden zu amüsieren, der das vielleicht nicht durchschaut, auf jeden Fall aber nicht verdient hat. "RTL überschreitet da zum Zweck der Aufmerksamkeit ganz bewusst eine Grenze von Schadenfreude und Humor", glaubt Ullmann.

Sicher gibt es auch Kandidaten, die den Auftritt vor Millionen Zuschauern genießen und den Spott dafür in Kauf nehmen. Andere profitieren nachher von der Bekanntheit und nutzen diese, um sich was dazuzuverdienen - sei es auch nur als Schlagersänger auf Partys im örtlichen Supermarkt. Und die, denen sich noch niemand zu sagen getraut hat, dass RTL mit ihnen als Running Gag ordentlich Geld verdient?

Die haben halt einfach Pech, dass wir im Fernsehen so gern über sie lachen.



insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
richter_berlin 27.02.2011
1. Und?
Das geht doch schon seit zehn Jahren so. Aus dem selben Pool Minderbemittelter, aus dem RTL Talkshowteilnehmer und Abschusskandidaten für DSDS rekrutiert. Ich frage mich immer, was gerade die jeweiligen Vormünder machen. Oder sind die Personen, die ich da sehe, tatsächlich geschäftsfähig???
rockin rebel, 27.02.2011
2. Nix gesehen
Diesen ganzen RTL über SAT1 bis RTL2 TV Schrott tue ich mir nicht an. Oder braucht man das um mitreden zu können? rockin rebel
Andre3000 27.02.2011
3. Auch in den sozialen Netzwerken erfreuen sich die Kandidaten großer Beliebtheit!
Es gibt Fanseiten, Diskussionen und selbst Highlight Beate ist inzwischen mit einer Fanseite auf Facebook vertreten! http://www.facebook.com/pages/Beate-Fanpage-Schwiegertochter-gesucht/112304542180774
tristram175 27.02.2011
4. o.T.
@ Herrn Schader: Könenn Sie es nicht einfach mal lassen von "Unterschichtenfernsehen" zu schreiben? Es ist mit, ebenso wie ohne Anführungszeichen einfach nur herablassend!
Volker Zorn, 27.02.2011
5. Widerlich
und geschmacklos, was gibt es da mehr zu sagen.
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