Rücktritts-Talk bei Plasberg Lasst den Guttenberg mal in der Garage

Die Herausforderung war groß: Was sagt man, wenn alles gesagt ist? Bei "Hart aber fair" bemühten die Diskutanten alte Argumente zur Plagiatsaffäre. CDU-Mann Bosbach fuhr immerhin noch eine Attacke gegen die eigenen Leute. Christoph Twickel fordert dennoch einen Guttenberg-freien Sonntag.

WDR

Ein Vorschlag mal vorneweg: Wie wäre es mit einem Guttenberg-freien Tag am Wochenende? In den siebziger Jahren, als uns das Öl auszugehen drohte, gab es mal autofreie Sonntage. Nicht alle, aber viele Deutsche haben ihre Wagen damals für einen Tag stehen lassen. Mal wieder den Auslandsteil der Zeitung lesen (Libyen!), Kölsch oder Altbier trinken (Karneval!), oder mit den Eltern telefonieren und dabei den KT einfach in die mentale Garage verbannen!

Vorläufig jedenfalls scheint das deutsche Fernsehpublikum noch nicht reif für derlei Entsagung zu sein. Am Dienstag bei Maischberger war "Der Rücktritt" das Thema, am Donnerstag wird Maybrit Illner die Frage "Gutt-Bye - Held gestürzt, Kanzlerin gerettet?" stellen. Und zwischendurch, am Mittwochabend, rätselte Frank Plasberg in "Hart aber Fair": "Geht da ein Lügner oder ein Märtyrer?"

Überraschenderweise saßen in der Runde diesmal weder der "Bild"-Journalist Nikolaus Blome noch der Gestikulier-Historiker Arnulf Barning, von denen man zuletzt annehmen musste, die ARD habe ihnen eine Festanstellung im Talk-TV gegeben. Trotzdem hätte man die Plasberg-Show über weite Strecken mitsprechen können. Dass Guttenberg mit seiner Fake-Dissertation "die Werte verletzt hat, die er bannerartig vor sich hergetragen hat" (Michael Spreng, Ex-"BamS"-Chef), dass er einen "großen Fehler ehrlich eingestanden" habe (Wilfried Scharnagl, Ex-Chef des "Bayernkurier"), dass das "politische System Schaden genommen" habe (Klaus Wowereit), dass das "Krisenmanagement schlecht" war, aber der "Verlust eines politischen Talents" zu bedauern sei (Johannes B. Kerner), welches "hervorragende Arbeit" geleistet habe (Wolfgang Bosbach, CDU): All das ist zum Teil wortgleich und nicht bloß in der ARD in den vergangenen Tagen und Wochen immer und immer wieder ventiliert worden.

Ein bisschen Kritik und ein lautes Hallelujah

Erkenntnisfortschritte in der Causa Guttenberg waren bei Plasberg denn auch kaum zu verzeichnen. Stattdessen schlug der CDU-Innenpolitiker Bosbach auf seine Parteigenossen Schavan und Lammert ein: Er hätte die Wortmeldungen, mit denen die Bildungsministerin und der Bundestagspräsident am Montag aus der Pro-Guttenberg-Phalanx ausgeschert waren, "nicht vermisst, wenn sie nicht gekommen wären". Dem angeschlagenen Verteidigungsminister im Bundestag frenetisch zu applaudieren, um hernach den Medien Distanzierungserklärungen zuzuraunen - "das mag ich nicht", so Bosbach.

Demütiger gab sich CSU-Mann Scharnagl: "Wir alle wissen, wenn wir Christen sind, um unsere Fehlerhaftigkeit, unsere Sündhaftigkeit, um unser Versagen." Hallelujah. Dass man den Gestrauchelten nicht so sehr als Ehrenmann denn als Populisten schätzte, ließ der Franz-Josef-Strauß-Weggefährte auch noch durchblicken: Guttenberg sei eine "Ausnahmegestalt", so Scharnagl, weil er eben "irgendwie mit dem Volk eine Allianz gebildet hat gegen die üblichen politischen Schichten."

Etwas vornehmer drückte es Johannes B. Kerner aus: Der "Graben" zwischen Politikern und Bürgern werde "größer, wenn solche beliebten Politiker zurücktreten". Herausragende Persönlichkeiten seien "so etwas wie ein politisches Lagerfeuer".

Auch für Deutschlands Konsens-Talker Kerner ist der Verteidigungsminister "zu Recht zurückgetreten" - doch das Bedauern darüber, dass er in Zukunft auf das mediale Lagerfeuer mit Guttenberg verzichten muss, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Nein, der Feldlager-Talk in Afghanistan sei kein "Theater für einen Strahleminister" gewesen, so Kerner, "sondern wir haben uns mit dem Leben von deutschen Staatsbürgern auseinandergesetzt, die da ja nicht freiwillig hinfahren." Scharnagl adjutierte: "Kein deutscher Verteidigungsminister hat sich so um die Soldaten gekümmert."

Wo wird eigentlich Deutschlands Freiheit verteidigt?

Vielleicht ist das das politische Vermächtnis des Ex-Ministers: Dass er die Frage, warum und ob Deutschlands Freiheit eigentlich am Hindukusch zu verteidigen ist, durch sein medienwirksames Menscheln mit "unseren Soldaten" ins Abseits gedrängt hat. Kerner wusste zu berichten, dass die Truppe "nachgerade begeistert" über den schmucken Verteidigungsminister in Camel-Boots war. Und man habe es "sehr gemocht, dass er seine Frau mitgebracht hat." Ex-"Bild"-Mann Sprenger wandte ein, die "Bild" habe doch gerade "nicht über die traumatisierten Soldaten berichtet, sondern nur über Guttenberg und seine Frau."

Am Ende gab's noch einen hübschen Einspieler aus einem Merkel-Podcast des Jahres 2008, in dem die Kanzlerin deutliche Worte gefunden hatte: "Raubkopien sind kein Kavaliersdelikt!" Und man erörterte ausführlich die Frage, ob und unter welchen Umständen Guttenberg ein Comeback wagen könne.

"Er hat die Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob er Opfer war oder Täter", gestand ihm Berlins Bürgermeister Wowereit zu. "Wenn er sich als Märtyrer versteht, wird er keine Chance haben." Plasberg zitierte eine Umfrage von Infratest-dimap, wonach 72 Prozent finden, er solle nach einer Pause zurückkommen. Und eine weitere Erhebung, in der festgestellt wurde, dass 60 Prozent den Rücktritt richtig finden. Der Mann vom "Bayernkurier" machte aus seinem Herzen keine Mördergrube: "Er wird wiederkommen - und nicht als Hinterbänkler!"

In der Zwischenzeit werden sich die Guttenberg-Fans vielleicht mit einem zweiteiligen TV-Roman über Aufstieg und Fall des Hauses Guttenberg über die Zeit retten können, der sicherlich schon bei Sat.1 oder RTL in Planung ist. Möglicherweise holt Florian Henckel von Donnersmarck den Stoff ja auch nach Hollywood. Tom Cruise spielt den Freiherrn, Cameron Diaz seine schöne Gattin.

Aber jetzt erst mal einen Guttenberg-freien Sonntag.

insgesamt 140 Beiträge
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dayo, 03.03.2011
1. plörre
spon:"Kölsch oder Altbier trinken.." hätten sie jemals diese grauenvollen bierimitationen probiert, wären sie nicht mit diesem vorschlag gekommen.
unente, 03.03.2011
2. Abgesang
Zitat von sysopDie Herausforderung war groß: Was sagt man, wenn alles gesagt ist? Bei "Hart aber fair" bemühten die Diskutanten alte Argumente zur Plagiatsaffäre. CDU-Mann Bosbach fuhr immerhin noch eine Attacke gegen die eigenen Leute. Christoph Twickel fordert dennoch einen Guttenberg-freien Sonntag. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,748751,00.html
Ja, das ist mir auch belustigt aufgefallen. Der scheint aber auch so gar nichts vom Nachfolger zu halten, der ja nun immerhin sogar CDU-ler sein darf. Der Kerner hat seinen dämlichen Afg.-Auftritt dafür in den Himmel gehoben und der Wowi durfte bestätigen, dass "Idol sein" auch Nebenwirkungen haben kann. Plasberg hat als Moderator mal wieder total versagt - und wird wohl nach dessen Abklingphase und wenn alle Prozesse überstanden sind, von "KTFvuzG" abgelöst werden. Das könnte ich mir direkt vorstellen, dass der demnächst von TV-Sendern angesprochen wird, ob er sich nicht vorstellen könne, "so etwas, wie der Friedmann auch machen zu wollen"? Wäre mir jedenfalls lieber, als wieder zurück in die Politik - im TV kann der schwafeln, bis zum abschalten. Da kann der von mir aus über jeden Politiker lästern, 'um wie vieles besser er das gemacht hätte'.
teekaysevenfive 03.03.2011
3. Lieber Herr Twickel
Ich möchte gerne an dieser Stelle auch Herrn Twickel und SPON dazu ermuntern, bei der Wahrheit zu bleiben und die gleichen Maßstäbe an sich an zu legen, wie an Herrn zu Guttenberg. Das bedeutet auch Meinungen vollständig wiederzugeben! Die folgende Aussage ist nämlich irreführend und definitiv falsch. Sie zeichnet nicht die Aussage von Herrn Bosbach genau nach. "Stattdessen schlug der CDU-Innenpolitiker Bosbach auf seine Parteigenossen Schavan und Lammert ein: Er hätte die , mit denen die Bildungsministerin und der Bundestagspräsident am Montag aus der Pro-Guttenberg-Phalanx ausgeschert waren, "nicht vermisst, wenn sie nicht gekommen wären". Dem angeschlagenen Verteidigungsminister im Bundestag frenetisch zu applaudieren, um hernach den Medien Distanzierungserklärungen zuzuraunen - "das mag ich nicht", so Bosbach." Herr Bosbach hat im Verlauf der Sendung Frau Schavan und Herrn Lammert ausdrücklich in Schutz genommen. Er hat darauf verwiesen, dass es Aufgabe der Wissenschaftsministerin ist, sich zu dem Thema zu äußern und auch Aufgabe des Bundestagspräsidenten sich im Zusammenhang mit der Inanspruchnahme des wissenschaftlichen Dienstes zu der Thematik zu äußern. Das war seine Aussage. Er hat sich vielmehr über andere Politiker aus den eigenen Reihen erregt. Was Sie hier konstruieren ist absichtliches Weglassen von Inhalten um ein bestimmtes Stimmungsbild zu erzeugen. Wenn dann kommen Sie bitte auch Ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht nach udn zitieren Sie bitte auch richtig und vollständig.
Florian Geyer, 03.03.2011
4. ...
Zitat von sysopDie Herausforderung war groß: Was sagt man, wenn alles gesagt ist? Bei "Hart aber fair" bemühten die Diskutanten alte Argumente zur Plagiatsaffäre. CDU-Mann Bosbach fuhr immerhin noch eine Attacke gegen die eigenen Leute. Christoph Twickel fordert dennoch einen Guttenberg-freien Sonntag. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,748751,00.html
Der Spiegel kann doch mit gutem Beispiel vorangehen: Schließung aller zu Guttenberg-Threads, warum macht er das nicht? Dann haben wir zwar keinen zu Guttenberg freien Sonntag sondern ein zu Guttenberg freies Online-Forum. Wieso wurde hier "hart aber fair" dann überhaupt zum Thread? Und immer dieselben Gäste, gibt es denn keine Möglichkeit andere interessante Leute einzuladen, wie Spreng, Wowereit usw. Auch Bosbach war jetzt schon zweimal zu dem Thema im FS.
si_tacuisses 03.03.2011
5. Das Pfeiffen der CDU - CSU Camarilla im dunklen Walde.
Zitat von sysopDie Herausforderung war groß: Was sagt man, wenn alles gesagt ist? Bei "Hart aber fair" bemühten die Diskutanten alte Argumente zur Plagiatsaffäre. CDU-Mann Bosbach fuhr immerhin noch eine Attacke gegen die eigenen Leute. Christoph Twickel fordert dennoch einen Guttenberg-freien Sonntag. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,748751,00.html
Den kleinen Heiligen geht sowas von die Muffe, dass der Wähler doch vielleicht, eventuell, so langsam doch nicht so strohdoof ist wie die christlichen Volksverdummer annehmen. Pöstchen weg heisst das Angstgespenst, dass diesen schlechten Schauspielern im Gesicht geschrieben steht. Mimik, Gestik und die gesamte Körpersprache machen es überdeutlich. Ich freue mich über dieses spannende Wahljahr. Durch meine Stimme sehe ich mich als Zitterverstärker.
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