Rundfunkdebatte Nichts ist umsonst, nicht mal das Internet

Es lebe die Serie, es sterbe der Produzent? Der neue Telemedienauftrag für ARD und ZDF fördert die Fernsehkunst - und beutelt die Hersteller. Es müssen neue Gewinnmodelle für die private Filmwirtschaft her.
Mediatheken-Hit "Hindafing"

Mediatheken-Hit "Hindafing"

Foto: BR/ Günther Reisp

Wie soll das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Zukunft aussehen? Über welche Kanäle muss es ausgespielt werden? Und welche Aktivitäten sollen den Sendern überhaupt im Internet gestattet werden? Die zaghaften Digitalstrategien von ARD und ZDF wurden bislang immer wieder ausgebremst, da der Telemedienauftrag, in dem die Netz-Befugnisse der Anstalten gesetzlich geregelt sind, unzureichend oder nebulös formuliert war. Das soll jetzt geändert werden.

Am Donnerstag beschlossen die Ministerpräsidenten in Berlin, dass der Telemedienauftrag novelliert werden soll. Mit der neuen Fassung wird unter anderem der lange schwelende Streit zwischen den Fernsehanstalten und den Verlegern geregelt; es wird klar definiert, wo die Grenze zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und privater Presse verläuft. Das ist ein Gewinn für beide Parteien, bringt aber auch endlich Klarheit für Publikum und Kundschaft.

Auch der zweite zentrale Punkt der Neubeauftragung weist in die richtige Richtung: TV-Produktionen sollen künftig länger in den Mediatheken von ARD und ZDF stehen dürfen. Bislang gilt formal die sogenannte Sieben-Tage-Regel, nach der die Sender die Produktionen nach einer Woche aus ihren Mediatheken nehmen müssen. In Wahrheit galten längst schon verschiedene Zeitspannen, je nach Format und Arrangement mit den jeweiligen Produzenten.

Von "Hindafing" lernen

Laut dem neuen Telemedienauftrag soll die Zeitspanne jetzt auf grundsätzlich 30 Tage ausgeweitet werden. Eine Maßnahme, die den Sichtungsgewohnheiten des Publikums im Zeitalter der Serie und des Binge Watching entgegenkommt. Eine Maßnahme, über die sich im Prinzip auch die kreative Seite freut; finden ihre Produktionen auf diese Weise doch eine optimale Ausspielung.

Bei der Serie "Hindafing" wurde letztes Jahr schon eine breitere Netzauswertung ausprobiert - sehr zu ihrem Vorteil. Im linearen Fernsehen lief sie eher schwach, im Netz war sie nachweisbar ein Hit. Die grotesk komische Loser-Story um einen zugekoksten Provinzbürgermeister wurde unerwartet zu einer gigantischen Erfolgsstory. Auch "Bad Banks" oder "Ku'damm 59" hatten sensationelle Abrufzahlen in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken.

Mediatheken-Hit "Ku'damm 59"

Mediatheken-Hit "Ku'damm 59"

Foto: ZDF/ Stefan Erhard

Schönes goldenes Fernsehzeitalter also? Nicht ganz. Die privatwirtschaftliche Film- und Fernsehbranche läuft nun Sturm gegen den neuen Telemedienauftrag. Alfred Holighaus, Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft, zeigte sich in einem ersten Statement "fassungslos" darüber, dass die Politik die Bedenken der audiovisuellen Kultur- und Kreativwirtschaft komplett ignoriere: "Die Ausweitung der Mediatheken verbaut der mittelständischen Filmwirtschaft regelrecht den Zugang zum Online-Markt." Der Bundesverband Regie, der Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. und die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm äußern sich ebenso kritisch.

Auswertung muss neu geregelt werden

Die Aufregung ist nachvollziehbar, denn durch die längere Verweildauer von Filmen und Serien in den Mediatheken verschieben sich die Auswertungsmöglichkeiten der Produzenten. Damit sich deren Investitionen rechnen, sind sie darauf angewiesen, dass sie ihre Arbeiten nach der Auswertung auf den öffentlich-rechtlichen Plattformen weiter verkaufen können, etwa an private Streaming-Anbieter. Doch je länger ARD und ZDF die Produktionen anbieten, desto geringer werden die Verkaufschancen.

Ein Problem, dessen sich Teile der Politik durchaus bewusst sind. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE wies der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda, der mit Vertretern aus fünf anderen Bundesländern einen Vorschlag zur generellen Neubeauftragung von ARD und ZDF ins Spiel brachte, schon auf die wichtige Neuaufstellung im Digitalen hin. Die neue Mediathekenregelung sieht er als unumgänglich an: "Sie ist eine längst fällige Anpassung. Die Bürgerinnen und Bürger, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk durch ihre Beiträge tragen, erwarten zu Recht, dass sein Programm auch im Digitalen verfügbar ist. Bewegtbild im Digitalen darf nicht allein Netflix, Amazon und anderen starken Playern überlassen werden, auch die öffentlich-rechtlichen Angebote müssen hier attraktiv verfügbar sein. So stärken wir die duale Medienordnung, auf der unsere demokratische Öffentlichkeit gründet."

Brosda weiß aber auch, dass die Umstellung eine Herausforderung für die Hersteller ist und verlangt, dass sich die Anstalten mit den Produzenten einigen müssen, um neue Verdienstmodelle zu erarbeiten: "Der entscheidende nächste Schritt ist, dass Sender und Produzenten Vergütung und Rechteverwertung zügig und angemessen regeln. Es ist die klare Erwartung der Länder, dass das ernsthaft angegangen wird."

Im Klartext: Nichts ist umsonst, nicht mal das Internet - jedenfalls für die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die den potenziellen Einahmeverlust der Produzenten durch die Novellierung des Telemedienauftrags in der Beauftragung oder im Einkauf kompensieren müssen. Sonst wird es - allen neuen schönen deutschen Serien zum Trotz - nichts mit dem Goldenen Zeitalter des Fernsehens.

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