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WDR-Intendanz: Der neue Mann

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Neuer WDR-Intendant Buhrow Erst nett, dann bissig

Kann ein Vollblutjournalist die größte deutsche ARD-Anstalt managen? Als Intendant des WDR muss Tom Buhrow sparen und den Laden rigoros fürs Internetzeitalter umkrempeln. Geht klar: Harte Hand bewies er schon in den "Tagesthemen", wenn er mit sanftem Lächeln Politiker auflaufen ließ.

Am Ende lachte er, zeigte die Zähne. Tom Buhrow hatte sich warm geredet, Anekdoten erzählt, Herzen erwärmt. Gerade war der "Tagesthemen"-Moderator zum neuen Intendanten des Westdeutschen Rundfunk (WDR) gewählt worden. Mit überwältigender Mehrheit. Buhrow erhielt 41 von 47 Stimmen. "Ich wusste schon, ich musste nicht mit einer Blamage rechnen", sagt Buhrow. Jetzt saß er auf der Pressekonferenz vor lauter Journalisten, die schon seit Jahren über ihn und sein "Liftboy-Lächeln" schreiben.

Dabei hatte er doch zu Beginn so ernst gewirkt, wahrscheinlich weil er als Journalist wusste, dass Journalisten nichts mehr lieben, als Journalisten beim Scheitern zuzuschauen. Von links nach rechts waren seine Augen gewandert, in der Hand hatte er einen Kugelschreiber gehalten, später hatte er die Finger geknetet. Es schien, als müsste er seine neue Stellung erst begreifen.

Er - der mächtigste Mann beim WDR? Er - der in der öffentlichen Darstellung tunlichst darauf achtet, als freundlicher Typ rüberzukommen. Als einer der Guten. Zuhause spielt Buhrow Klavier und Gitarre. Er mag Rock, Jazz und Klassik. Und Sport mag er auch. Schon mehrmals nahm er an Marathonläufen teil. Und mit seiner Ehefrau Sabine Stamer (auch Journalistin) schreibt er Bücher über die Zeit in den USA. Buhrow gibt gerne den Aktiven - aber nie so, dass es auf die Sesselhocker vor dem Fernsehen provozierend wirken könnte.

Ein Chef zum Anfassen

Als der Sender ihn am Mittwoch als neuen Chef vorstellte, spielte er sogleich die Rolle des Netten, des Umarmers, des Berührbaren. "Ich liebe den WDR", sagte er. Er wolle "zum Anfassen sein", durch das Land reisen und Marktplätze besuchen. Meint er das ernst? Ja, tut er. Der bekennende Katholik will kein Alphatier sein. Seine Botschaft am Mittwoch auf der Pressekonferenz lautet: "Macht ruhig Fehler. Ich sage allen meinen Leuten 'Macht Fehler, sonst lernt ihr nichts'."

Das sind so Buhrow-Sätze, mit den er schon in den "Tagesthemen" Interviewpartner ins Messer rennen ließ. In dem Nachrichtenmagazin kann er, der Sanfte, aus dem Nichts ganz bissig nachfragen. Und wenn einer seiner Interviewpartner zu ausladend antwortet, geht er dazwischen, schneidet Sätze ab. Entscheidet klar, wohin das Gespräch gehen soll.

Eine Fähigkeit, die ihm jetzt auch als Intendant der größten ARD-Anstalt zugute kommen könnte, wo er nicht nur zwischen den Interessen sehr mächtiger Player des öffentlich-rechtlichen Fernsehen moderieren muss, sondern vor allem auch sehr unpopuläre Entscheidungen zu treffen hat. Er muss sparen und einen Laden managen, der einen Etat von rund 1,4 Milliarden Euro im Jahr zur Verfügung hat und durchschnittlich etwa 4200 feste Mitarbeiter beschäftigt.

Begnadeter Netzwerker

Buhrow sagt, er wolle die Kommunikation stärken, die Marke verkörpern, die Zusammenarbeit ausbauen. Eine Aufgabe, der er gewachsen scheint. Gilt er doch als beflissener Netzwerker, der gerade in seiner Heimatanstalt WDR auf viele effektive Kontakte zurückgreifen kann.

Buhrows größte Herausforderung, so formuliert er es am Mittwoch selbst, wird das Internet sein. Wie kann man Inhalte multimedial präsentieren? Journalisten sollten nicht mehr in Sparten denken, sondern aus einer Idee das Beste rausholen. Am besten gleich eine App zum Thema. Erstmal wird allerdings von ihm erwartet, dass er den Dauerstreit mit den Verlegern um die "Tagesschau"-App und die Internetpräsenz befriedet.

Doch in juristischen und unternehmerischen Kategorien musste Buhrow bislang eben nicht denken. Das ist die offene Flanke, die seine Kritiker nutzen werden. Nach seinem Studium der Geschichte und Politikwissenschaften in Bonn volontierte er 1985 bis 1986 beim WDR, zunächst arbeitete er als Redakteur, später als Reporter. 1992 wechselte er in die "Tagesschau"-Redaktion und berichtete ab 1993 als Korrespondent aus Washington.

Doch wer Buhrow vorwirft, er sei ein Vollblutjournalist und verfüge deshalb nicht über genug Management-Erfahrung, der ignoriert, dass vor ihm mit Friedrich Nowottny und Fritz Pleitgen zwei ausgewiesene Journalisten beim WDR zu starken Intendanten gewachsen sind.

Und kann es wirklich schaden, dass Tom, der rheinisch' Jung, als Politbeobachter Buhrow die Welt gesehen hat? Mit Unterbrechungen lebte er bis zum Jahr 2006 in den USA. Er liebt das Land, die Freiheit, manchmal sogar die oberflächliche Freundlichkeit der Amerikaner. Besser als die deutsche Griesgram-Stimmung, hat er mal in einem Interview gesagt. "Arbeit muss Spaß machen", das ist sein Motto.

Hoffentlich bleibt es dabei, wenn der wohlgemute Journalist die ersten harten Entscheidungen als WDR-Boss treffen muss.

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