Rupert Murdochs neuer Sender TalkTV Die Anti-BBC

Mit einer Gruppe berüchtigter Talk-Söldner will der rechte Medienmogul Rupert Murdoch Großbritanniens Fernsehebetrieb aufmischen: Wird sein neuer Sender das britische Fox News?
Eine Analyse Christian Buß
Morgan (l.), Murdoch (M.) und Kyle: Manipulativ und populistisch

Morgan (l.), Murdoch (M.) und Kyle: Manipulativ und populistisch

Foto: Hollie Adams; Daniele Venturelli; Anthony Harvey / Getty Images

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Rupert Murdoch ist gerade 91 Jahre alt geworden. Man sollte denken, er habe alle seine Lebensziele erreicht. Über das britische Boulevardblatt »Sun« hat er den Weg in den Brexit bereitet, sein US-Nachrichtensender Fox News hat den Politikaußenseiter Donald Trump mit ins Weiße Haus befördert. Kurz, der gebürtige Australier mit US-Pass hat mehr auf die Weltpolitik eingewirkt als jeder andere Medienunternehmer.

Aber jetzt will er es noch einmal wissen. Am Montag geht sein schon länger geplanter Sender TalkTV an den Start. Wie der Name schon sagt, wird es dort fast ausschließlich um Gesprächsformate gehen; abrufbar ist das 24-Stunden-Programm in Großbritannien über Anbieter wie Sky oder Virgin Media, aber auch über Videoplattformen wie YouTube oder über die eigene Homepage des Senders.

Murdoch hat dem Vernehmen nach viel Geld in die Hand genommen, um sich sein persönliches Dream-Team an Kampftalkern zusammenzustellen. Bei vielen von ihnen handelt es sich um große Namen, die von anderen Sendern geschasst worden sind, nachdem es zu voyeuristischen Exzessen oder rassistischen Entgleisungen gekommen war. Murdoch deutet die Rausschmisse in Ruhm um, nach dem Motto: TalkTV ist die Bastion furchtloser Moderationsstimmen, für die andere Sender zu feige seien.

Talkshows in ihrer dreistesten Form

Ganze drei Stunden Programm sollen bei TalkTV nachmittags zum Beispiel von Jeremy Kyle bespielt werden. Kyle, 56, war jahrelang das Zugpferd des britischen Senders und Dschungelcamp-Lizenzgebers ITV, für den er mit größter Perfidie im Intimleben seiner Gäste rumstocherte. Die »Jeremy Kyle Show« stellte eine drastisch zugespitzte Form jener Nachmittagstalks dar, mit der RTL in den Achtziger- und Neunzigerjahren medienunerfahrene Menschen vorführte. Demütigungsfernsehen im Turbo. Die Show wurde 2019 eingestellt, nachdem sich einer der Gäste nach der Sendung das Leben genommen hatte. Sein Engagement bei TalkTV bedeutet für Kyle ein Comeback nach fast drei Jahren Zwangspause.

Sharon Osbourne (M.) mit Talk-Kolleginnen am CBS-Set von »The Talk«: Nach dem Zoff um Megan Markle war Schluss.

Sharon Osbourne (M.) mit Talk-Kolleginnen am CBS-Set von »The Talk«: Nach dem Zoff um Megan Markle war Schluss.

Foto: CBS Photo Archive / Getty Images

Zu einer Zwangspause sah sich auch Sharon Osbourne verdonnert. Osbourne, 69, ist die Ehefrau von Ozzy Osbourne und wurde durch etliche Personalityshows bekannt. Bis 2018 saß sie im erfolgreichen Panel-Format »The Talk« des US-Senders CBS . Dort musste sie gehen, nachdem sie die rassistischen Äußerungen ihres Kollegen Piers Morgan gegen Meghan Markle verteidigt hatte. Morgan hatte in seiner ITV-Sendung »Good Morning Britain« eine Hasstirade gegen Markle gehalten und beschimpfte sie als Lügnerin, nachdem diese bei Oprah Winfrey Rassismusvorwürfe gegen den Buckingham Palace erhoben hatte. Osbourne bekommt nun bei Murdochs Plapperbude ein Format, das den gleichen Titel trägt wie die Show, bei der sie rausgeflogen ist: »The Talk«.

»To cancel cancel culture«

Morgan selbst ist schon länger mit Murdoch verbandelt. Nachdem er wegen seiner Pöbelei in Richtung Markle seinen Job bei ITV verloren hatte, schloss er einen globalen Deal mit den Unternehmen News Corp. und Fox News Media, die zu Murdochs Medienimperium gehören. Bei TalkTV, das von Murdochs Mediengruppe News UK betrieben wird, wird Morgan, 57, die Sendung »Piers Morgan Uncensored« moderieren. Sein selbst erklärtes Ziel: »to cancel cancel culture«. Er begibt sich also mit großen Worten auf den Kreuzzug gegen jene gesellschaftlichen Gruppen, die angeblich die Meinungsfreiheit bedrohen.

Trump (l.) und Morgan im Jahr 2010: Best friends forever oder neue beste Feinde?

Trump (l.) und Morgan im Jahr 2010: Best friends forever oder neue beste Feinde?

Foto: Mathew Imaging / WireImage

Eine Inszenierung, die er schon vor dem Start von TalkTV zu einem ersten Höhepunkt führte: Vor wenigen Tagen stellte Morgan via Twitter ein Teaser-Video zu einem Interview mit Donald Trump ins Netz, das am Montag in Gänze bei TalkTV laufen soll. Morgan gilt eigentlich als Buddy von Trump, aber das Vorabfilmchen suggeriert, dass er sich so heftig in die Haare mit dem Ex-Präsidenten bekommt, bis dieser aufgebracht das Gespräch abbricht.

Die Botschaft des Videos: Seht her, ich treibe es mit der freedom of speech so weit, dass ich mich sogar mit meinen mächtigen Freunden überwerfe, wenn es der Wahrheitsfindung dient. Murdochs »Sun« brachte zu dem Vorfall denn auch gleich eine Titelgeschichte, die Morgan zum Helden der Meinungsfreiheit stilisierte. Doch laut dem Sender NBC News, dem ein Audiomitschnitt der gesamten Sendung vorliegt , endete die Alte-Männer-Sause gar nicht im Eklat. Der sei nur vorgetäuscht worden, um die Erwartungen an Morgans neues Format hochzuschrauben.

Erratische Talk-Söldner-Gruppe

Manipulativ, infam, populistisch – TalkTV wird aller Voraussicht nach wie die meisten anderen Murdoch-Medien arbeiten. Doch der Sender ist mehr als der Zeitvertreib eines greisen Pressemoguls. Murdoch wird mit ihm, so erratisch zusammengewürfelt seine Talk-Söldner-Gruppe auf den ersten Blick auch anmutet, in die gesellschaftliche Debatte eingreifen und sie in seinem Sinne lenken.

Er gibt jenem eher im ländlichen Raum verorteten Teil des TV-Publikums eine Heimat, der sich von den urbanen Eliten unterdrückt fühlt, und glaubt, dass der in der Metropolregion London fabrizierte liberale Medienmainstream dem Rest des Landes sein Denken und Sprechen aufzudrücken versucht. Der Feind ist die BBC.

Dass erst im Juni vergangenen Jahres der rechtspopulistische Sender GB News mit einer ähnlichen Agenda  angetreten und inzwischen weitgehend in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist, heißt keineswegs, dass es mit TalkTV genauso laufen muss. GB News wollte die neue Stimme der angeblich ungehörten Mehrheit der Briten werden, doch schon nach zwei Wochen verließ der prominente Ex-BBC-Journalist und GB-Frontmann Andrew Neil die Pöbel-Klitsche im Streit. Die Zuschauerzahlen bewegen sich inzwischen im nicht messbaren Bereich.

Dazu wird es bei TalkTV wohl nicht kommen – hier fließt einfach zu viel Geld. Murdoch wollte seinen Sender eigentlich früher launchen, wartete dann aber ab und schaute sich die Entwicklung von GB News an. Gut möglich, dass er aus dem Misserfolg der Konkurrenz schloss, dass eine politische Agenda allein nicht reicht, sondern dass man diese im Gewand der Unterhaltung und des Spektakels an die Leute bringen muss. Das Geld für die große Inszenierung hat er ja.

2018 hat Murdoch dem Disney-Konzern für 71 Milliarden Dollar (rund 65 Milliarden Euro) große Teile seines Hollywood-Studios 21st Century Fox verkauft; seine Kasse ist noch immer prall gefüllt. Dass sich die verbal um sich schlagenden Meinungsgladiatoren vom Typ Morgan und Kyle selbst zerlegen, ist nicht anzunehmen. Allein für den Dreijahresvertrag von Piers Morgan soll Murdoch 50 Millionen Pfund (rund 60 Millionen Euro) locker gemacht haben. Mit solchen Summen kriegt man die schlimmsten Quälgeister auf Linie.

Als gut geölte Anti-BBC wird TalkTV mittels brutal unterhaltendem und eng getaktetem Dauergequatsche für ein Großbritannien werben, in dem für angebliche Sensibilitäten von Minderheiten kein Platz ist und das sich noch weiter vom Rest der Welt abschottet. TalkTV ist vermutlich Murdochs letztes großes Projekt, es muss ihm gelingen.

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