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TV-Satire "Who is America": Cohens neuer Coup?

Foto: obs/Sky Deutschland/Gavin Bon

Neue TV-Satire von Sacha Baron Cohen Schluss mit lustig

In seiner neuen TV-Show "Who Is America?" legt Sasha Baron Cohen amerikanische Politiker und Medienpersönlichkeiten rein. In Zeiten von Trump läuft diese Art von Extrem-Humor jedoch ins Leere.

Donald Trump hat den Humor zur Strecke gebracht. Als Präsidentschaftskandidat amüsierte er uns noch, mit seinen dreisten Lügen, seinem plumpen Fremdenhass, seinen absurden Forderungen. So absurd, dass Lachen die einzige Gegenwehr war.

Doch seit Trump im Weißen Haus wütet, ist die Groteske zum Alltag geworden und die Absurdität zur offiziellen US-Regierungspolitik. Extremisten herrschen, Minderheiten leiden, die Weltordnung wankt, und außer Trump und seinen Handlangern lachen höchstens noch Russland und China. Allen anderen bleibt das Lachen im Halse stecken.

Weshalb Sacha Baron Cohens neue TV-Satire "Who Is America?" jetzt leider so dumpf aufschlägt. Die siebenteilige Comedyserie, die der Brite offenbar ein Jahr lang geheim gefilmt hat, hatte am Sonntag im US-Bezahlsender Showtime Premiere, in Deutschland ist sie ab Dienstagabend bei Sky verfügbar.

Abermals knöpft er sich darin die Amerikaner und ihre Politik vor. Doch diesmal wartet man - zumindest in der ersten Folge - vergebens auf den Fremdschämspaß von früher. Oder auch nur auf einen Schimmer von Selbsterkenntnis, mit dem der Schöpfer solch verblendeter Kreaturen wie "Borat" und "Ali G" damals die Verblendungen anderer enthüllte - auch Trump, den er 2003 übers urzeitliche Geschäft des "Felshandels" schwadronieren ließ.

Diese Verblendungen attackiert Cohen zwar nun auch wieder und tut das ähnlich elaboriert getarnt mit vier verschiedenen "Personas", in die er schlüpft und mit denen er seine Gegenüber zu provozieren versucht.

Feinde werden zu Freunden

Schon haben einige Opfer erwartungsgemäß protestiert, von der vergessenen Sarah Palin bis hin zu Roy Moore, dem Fundamentalisten aus Alabama, dem seine Vorliebe für Schülerinnen zum Verhängnis wurde. Cohen hat diese kostenlose Vorab-PR clever einkalkuliert. Doch Amerika hat sich verändert seit "Ali G" (2000-2004), "Borat" (2006) und "Brüno" (2009). Sein Radikalismus ist nicht mehr dezent getarnt, sondern liegt ganz offen zutage, frei von persönlichem oder politischem Schamgefühl.

Das ist vor allem dem schamlosen Trump zu verdanken. Er hat es mit ermöglicht, dass kaum einer mehr aufhorcht, wenn Neonazis durch die Straßen marschieren, wenn Kinder in Internierungslagern sitzen, wenn das dauerlügende Weiße Haus Journalisten als Landesverräter beschimpft, wenn Freunde zu Feinden werden und Feinde zu Freunden, je nach Laune des Tweeter-in-Chief.

Was kann einer wie Sacha Baron Cohen da noch ausrichten? Er wurde berühmt durch die abenteuerlichen Verkleidungen, mit denen er seine Gegenüber dazu verleitete, ihre geheimsten Befindlichkeiten zu offenbaren - Fanatismus, Rassismus, Sexismus oder schlichtweg nur Dummheit. Was kann er tun, wenn diese Befindlichkeiten keine Geheimnisse mehr sind, sondern ihr ganzer Stolz?

Das zeigt sich schon in der ersten Episode, der einzigen, die Showtime auch TV-Kritikern zeigte. Getarnt als rechter Wirrkopf, versucht Cohen da zuerst den Sozialisten Bernie Sanders in eine hanebüchene Debatte zu verwickeln.

Cohen kommt im Rollstuhl. Doch als Sanders seine "Behinderung" anspricht, sagt er, er sitze nur darin, um Kraft zu sparen. Spätestens da hätte Sanders den Kalauer durchschauen müssen. Womöglich hat er das auch, jedenfalls zucken seine schläfrigen Augen immer wieder in Richtung Kamera, als wolle er wispern: echt jetzt?

Als nächstes besucht Cohen als Progressiver mit Pussyhelm ein Trump-ist-der-Beste-Ehepaar in South Carolina. Sie sitzen an einer opulenten Dinnertafel, Kerzen brennen, America is great again. Doch statt ihre Phrasen zu enttarnen, redet Cohen nur selbst. Seine Parodie eines Altlinken mit eingebautem Schuldkomplex ist weder neu noch aufschlussreich. Dann gleitet die einseitige Unterhaltung in unappetitliche Themen ab und endet, bevor jemand einen Bissen verzehrt hat.

Gemalt mit Exkrementen

Noch unerquicklicher ist Cohens Karikatur eines Ex-Knackis mit künstlerischen Ambitionen, der einer Society-Galeristin Bilder anzudrehen versucht, die er hinter Gittern mit seinen eigenen Exkrementen gemalt haben will. Zumal Cohens Latexmaske, wie alle seine Kostüme diesmal, zu krass ist, um glaubhaft zu sein.

Nur das letzte Segment hat etwas Biss. Es geht um Amerikas Waffenwahn: Als "israelischer Oberst" will Cohen US-Kleinkinder mit Schusswaffen ausstatten und überredet ein paar Politiker und Lobbyisten, ihn zu unterstützen. Es sind die üblichen Verdächtigen, die mitmachen, zum Beispiel der Republikaner Dana Rohrabacher oder der konservative Radiomoderator Joe Walsh.

Letzterer lässt sich zu dem Werbespruch hinreißen: "In less than a month, a first-grader can become a first grenader" (frei übersetzt: "In weniger als einem Monat können wir aus einem Abc-Schützen einen Scharfschützen machen"). Doch nach den jüngsten Schulmassakern verwischen Satire und Tragödie, und die Szene hinterlässt einen üblen Nachgeschmack.

Vielleicht werden die kommenden Folgen besser. Palin ist immer eine Garantin für unfreiwillige Komik, zugleich aber viel zu lange weg vom Fenster. Auch der rassistische Sheriff Joe Arpaio, soeben von Trump begnadigt, und Ex-Vizepräsident Dick Cheney stehen auf der Abschussliste, Cheney signierte laut Vorabmeldungen einen "Waterboarding-Kit". Doch nichts daran ist heute mehr komisch, denn die Lage ist längst zu ernst, zu brisant und zu furchterregend.

Wo war Sacha Baron Cohen, als wir ihn brauchten?