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13. Juni 2019, 02:18 Uhr

Neues "Maischberger"-Format

Wochenschau im Schweinsgalopp

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Sandra Maischberger macht sich locker - und verordnet ihrer Sendung für den Sommer ein luftigeres Kleid. Ihr Konzept "Die Woche" geht aus mehreren Gründen auf.

Sommer ist, wenn Sandra Maischberger sich mal locker macht, ein wenig die Füße hochlegt und "Maischberger" vorübergehend in "maischberger. die woche" umtauft. Die strenge Form der Talkrunde weicht sich auf in plauderlustige Einzelgespräche, Stimmen aus dem Publikum und in ein "Duell". Eine politische Illustrierte sozusagen, mit den "zentralen Themen der Woche" mitten in der Woche.

Das Konzept spiegelt sich schon in der launigen Auswahl an Kommentatoren, die durch diese wichtigen Themen hecheln dürfen. Gabor Steingart, früher "Handelsblatt", heute selbstständig mit "Media Pioneer Publishing", hockt halbrechts, halblinks sitzt Bettina Gaus von der "taz". Dazwischen funkt Fernsehmoderator Micky Beisenherz und ist witzig, löst also die ideologischen Gegensätze bestenfalls in Pointen auf.

Entsprechend vielfältig sind die Antworten bei den "Gewinnern" und "Verlierern" der Woche. Der Moderator gönnt Mesut Özil "einfach mal" seinen präsidialen Trauzeugen, der Journalist preist Angela Merkel, "weil sie mit alldem" - gemeint sind die Wahlen zum EU-Parlament - "nichts zu tun hat".

Die Journalistin hält Nestlé für den "Verlierer der Woche", Julia Klöckner und der schlechten Presse wegen. An dem Konzern gebe es viel Kritik, aber Gaus darf "damit leider nicht die ganze Sendezeit füllen", obwohl sie das mühelos könnte. Beisenherz wirft ein, Nestlé sei ohnehin "der Satan, der Glyphosatan".

Im Schweinsgalopp geht's weiter. Wäre Annegret Kramp-Karrenbauer eine gute Kanzlerin? Robert Habeck ein guter Kanzler? Nein, meint Steingart, AKK habe "null Macht", die könne nix und werde nix. Habeck wiederum sieht Gaus kritisch, wie sie alle "Erlösergestalten" kritisch sieht - und auch die derzeitige Konjunktur der Grünen.

Das Interesse für grüne Themen sei ein "Signum unseres Wohlstands", meint Beisenherz. Weil wir die Auswirkungen der Erderwärmung am eigenen Leibe spürten, leiste sozusagen "das Wetter" eine Wahlkampfhilfe für die Grünen. Übrigens sei die angebliche "Verbotspartei" dabei, den Verzicht als sexy zu verkaufen - liege also im Trend. Und der werde sich eher noch verstärken.

Was zwar ein Widerspruch ist, weil der Wohlstand doch eher gefährdet ist, aber nichts macht, weil wir schon, hüpf, beim nächsten Thema sind. Arme SPD! Kevin Kühnert also! Kann der... nein, nicht Kanzler, noch nicht, aber doch wenigstens Parteivorsitzender?

Auftritt Peer Steinbrück, der alles weiß und alles schon immer vorausgesehen hat, so auch den Niedergang der Sozialdemokratie. Im Einzelgespräch attestiert er seiner Partei einen Mangel an "faszinierenden Botschaften" sowie eine bedenkliche "politische Körpersprache". Er selbst bevorzugt das gediegene Fläzen selbst dann noch, wenn er von Maischberger sanft dazu genötigt wird, über seinen eigenen Beitrag zum Sturzflug der SPD nachzudenken.

Unter Schmerzen konzediert Steinbrück, er sei - wie viele andere auch! - in den Nullerjahren einem "Zeitgeist der Deregulierung" aufgesessen. Böser Zeitgeist. "Völlig dummes Zeug" und "Kopfgeburt eines SPIEGEL-Journalisten" hingegen sei die These, auch der Bundespräsident verantworte den Niedergang, weil er die SPD in die Große Koalition gezwungen habe.

Was Steinbrück über Kühnert sagt

Scheinbar aus der Hüfte entwirft Steinbrück eine erfolgreiche SPD nach dänischem Vorbild. Sozial nach innen, asozial - oder doch wenigstens sehr, sehr streng - nach außen. Maischberger bringt den Unvermeidlichen ins Spiel, und Steinbrück ächzt: "Ach, erschlagen Sie mich doch nicht mit Sarrazin."

Durchaus werde die SPD sich aber wieder "mit diesem Teil der Bevölkerung beschäftigen müssen", der ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit habe. Es müsse die Partei eben "doppelte Botschaften" senden, und allmählich fragt man sich, warum dieser eloquente Tausendsassa nicht längst Kanzler ist.

Und Kühnert? Nein, sagt Steinbrück, der liefere Antworten, "die in alten Lehrbüchern mit Sütterlinschrift geschrieben sind", eine Art "Voodoo-Sozialismus". Parteivorsitzender werde das Küken, der Kevin, vielleicht mit 40 Jahren - sofern er, Steinbrück, nicht wieder antrete. Einstweilen tourt er ja mit einem Kabarettprogramm durch ein Land, das er mal regieren wollte.

Im Publikum ("Da hinten der Herr mit dem gestreiften Hemd!") sieht man das differenzierter. Ob es Neuwahlen geben sollte, ja oder nein, wird beispielsweise durch die Stärke des Applauses ermittelt. Sieht demnach ganz danach aus.

Und Gabor Steingart weiß sogar, wann genau, nämlich am 27. September. Diesen Termin hätten ihm "Leute aus der Spitze der CDU" genannt, sagt er, und zwar mit verschwörerischem Blick auf die Ferienplanung: "Entfernt euch nicht zu weit von Berlin!", heiße es da in Berlin.

Gegen Ende der Sendung gibt es, hüpf, endlich das ersehnte "Duell". Gegenüber stehen sich Herbert Reul, der uhuhafte Innenminister von Nordrhein-Westfalen, und Songül Cetinkaya, Sozialarbeiterin in Neukölln - also ein polizeilicher und ein pädagogischer Ansatz bei der Bekämpfung von Clankriminalität.

Aufhänger ist der bundesweit bekannte Fall eines arabischen Soziopathen, der in Berlin ein ganzes Wohnhaus tyrannisiert - seine gepeinigte Nachbarin darf schildern, wie er das tut. Die Sozialarbeiterin darf erklären, wie sie solche Gestalten schon in frühen Jahren zu vernünftigen Leuten machen will. Und der Innenminister darf erklären, mit welchen Mitteln er der Clankriminalität einen Riegel vorzuschieben gedenkt.

Ganz zuletzt, hüpf, wurde noch das wichtige Thema der Fußballweltmeisterschaft gestreift und problematisiert, dass die Damen weniger verdienen als die Herren. Bettina Gaus: "Schöner ist der Kapitalismus nicht zu haben."

So hoppelt "maischberger. die woche" heiter von wichtigem Thema zu wichtigem Thema, ohne dabei allzu sehr ins Hecheln oder gar Schwitzen zu geraten. Das liegt vor allem daran, wie Sandra Maischberger mit geradezu schlafwandlerischer Ruhe jeweils überleitet. Das ganz tiefe Gründeln, das ganz feste Verbeißen in ein Thema findet nicht statt. Als lockere Soiree aber funktioniert die Sendung vielleicht gerade deshalb so gut, weil hier - es ist Sommer! - der Eindruck einer gewissen Oberflächlichkeit hingenommen wird, den "reguläre" Talkrunden ansonsten krampfhaft zu vermeiden suchen.

Diese Sendung könnte auch beim Friseur ausliegen. Und man wäre, was man nicht von allen bei Friseuren ausliegenden Magazinen sagen kann, nach dem Durchblättern nicht dümmer als vorher.

Hinweis der Redaktion: Wir haben die berufliche Rolle von Gabor Steingart korrigiert.

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