Neues "Maischberger"-Format Wochenschau im Schweinsgalopp

Sandra Maischberger macht sich locker - und verordnet ihrer Sendung für den Sommer ein luftigeres Kleid. Ihr Konzept "Die Woche" geht aus mehreren Gründen auf.

Sandra Maischberger
Peter Rigaud/ WDR

Sandra Maischberger

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Sommer ist, wenn Sandra Maischberger sich mal locker macht, ein wenig die Füße hochlegt und "Maischberger" vorübergehend in "maischberger. die woche" umtauft. Die strenge Form der Talkrunde weicht sich auf in plauderlustige Einzelgespräche, Stimmen aus dem Publikum und in ein "Duell". Eine politische Illustrierte sozusagen, mit den "zentralen Themen der Woche" mitten in der Woche.

Das Konzept spiegelt sich schon in der launigen Auswahl an Kommentatoren, die durch diese wichtigen Themen hecheln dürfen. Gabor Steingart, früher "Handelsblatt", heute selbstständig mit "Media Pioneer Publishing", hockt halbrechts, halblinks sitzt Bettina Gaus von der "taz". Dazwischen funkt Fernsehmoderator Micky Beisenherz und ist witzig, löst also die ideologischen Gegensätze bestenfalls in Pointen auf.

Entsprechend vielfältig sind die Antworten bei den "Gewinnern" und "Verlierern" der Woche. Der Moderator gönnt Mesut Özil "einfach mal" seinen präsidialen Trauzeugen, der Journalist preist Angela Merkel, "weil sie mit alldem" - gemeint sind die Wahlen zum EU-Parlament - "nichts zu tun hat".

Die Journalistin hält Nestlé für den "Verlierer der Woche", Julia Klöckner und der schlechten Presse wegen. An dem Konzern gebe es viel Kritik, aber Gaus darf "damit leider nicht die ganze Sendezeit füllen", obwohl sie das mühelos könnte. Beisenherz wirft ein, Nestlé sei ohnehin "der Satan, der Glyphosatan".

Im Schweinsgalopp geht's weiter. Wäre Annegret Kramp-Karrenbauer eine gute Kanzlerin? Robert Habeck ein guter Kanzler? Nein, meint Steingart, AKK habe "null Macht", die könne nix und werde nix. Habeck wiederum sieht Gaus kritisch, wie sie alle "Erlösergestalten" kritisch sieht - und auch die derzeitige Konjunktur der Grünen.

Das Interesse für grüne Themen sei ein "Signum unseres Wohlstands", meint Beisenherz. Weil wir die Auswirkungen der Erderwärmung am eigenen Leibe spürten, leiste sozusagen "das Wetter" eine Wahlkampfhilfe für die Grünen. Übrigens sei die angebliche "Verbotspartei" dabei, den Verzicht als sexy zu verkaufen - liege also im Trend. Und der werde sich eher noch verstärken.

Was zwar ein Widerspruch ist, weil der Wohlstand doch eher gefährdet ist, aber nichts macht, weil wir schon, hüpf, beim nächsten Thema sind. Arme SPD! Kevin Kühnert also! Kann der... nein, nicht Kanzler, noch nicht, aber doch wenigstens Parteivorsitzender?

Auftritt Peer Steinbrück, der alles weiß und alles schon immer vorausgesehen hat, so auch den Niedergang der Sozialdemokratie. Im Einzelgespräch attestiert er seiner Partei einen Mangel an "faszinierenden Botschaften" sowie eine bedenkliche "politische Körpersprache". Er selbst bevorzugt das gediegene Fläzen selbst dann noch, wenn er von Maischberger sanft dazu genötigt wird, über seinen eigenen Beitrag zum Sturzflug der SPD nachzudenken.

Unter Schmerzen konzediert Steinbrück, er sei - wie viele andere auch! - in den Nullerjahren einem "Zeitgeist der Deregulierung" aufgesessen. Böser Zeitgeist. "Völlig dummes Zeug" und "Kopfgeburt eines SPIEGEL-Journalisten" hingegen sei die These, auch der Bundespräsident verantworte den Niedergang, weil er die SPD in die Große Koalition gezwungen habe.

Was Steinbrück über Kühnert sagt

Scheinbar aus der Hüfte entwirft Steinbrück eine erfolgreiche SPD nach dänischem Vorbild. Sozial nach innen, asozial - oder doch wenigstens sehr, sehr streng - nach außen. Maischberger bringt den Unvermeidlichen ins Spiel, und Steinbrück ächzt: "Ach, erschlagen Sie mich doch nicht mit Sarrazin."

Durchaus werde die SPD sich aber wieder "mit diesem Teil der Bevölkerung beschäftigen müssen", der ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit habe. Es müsse die Partei eben "doppelte Botschaften" senden, und allmählich fragt man sich, warum dieser eloquente Tausendsassa nicht längst Kanzler ist.

Und Kühnert? Nein, sagt Steinbrück, der liefere Antworten, "die in alten Lehrbüchern mit Sütterlinschrift geschrieben sind", eine Art "Voodoo-Sozialismus". Parteivorsitzender werde das Küken, der Kevin, vielleicht mit 40 Jahren - sofern er, Steinbrück, nicht wieder antrete. Einstweilen tourt er ja mit einem Kabarettprogramm durch ein Land, das er mal regieren wollte.

Im Publikum ("Da hinten der Herr mit dem gestreiften Hemd!") sieht man das differenzierter. Ob es Neuwahlen geben sollte, ja oder nein, wird beispielsweise durch die Stärke des Applauses ermittelt. Sieht demnach ganz danach aus.

Und Gabor Steingart weiß sogar, wann genau, nämlich am 27. September. Diesen Termin hätten ihm "Leute aus der Spitze der CDU" genannt, sagt er, und zwar mit verschwörerischem Blick auf die Ferienplanung: "Entfernt euch nicht zu weit von Berlin!", heiße es da in Berlin.

Gegen Ende der Sendung gibt es, hüpf, endlich das ersehnte "Duell". Gegenüber stehen sich Herbert Reul, der uhuhafte Innenminister von Nordrhein-Westfalen, und Songül Cetinkaya, Sozialarbeiterin in Neukölln - also ein polizeilicher und ein pädagogischer Ansatz bei der Bekämpfung von Clankriminalität.

Aufhänger ist der bundesweit bekannte Fall eines arabischen Soziopathen, der in Berlin ein ganzes Wohnhaus tyrannisiert - seine gepeinigte Nachbarin darf schildern, wie er das tut. Die Sozialarbeiterin darf erklären, wie sie solche Gestalten schon in frühen Jahren zu vernünftigen Leuten machen will. Und der Innenminister darf erklären, mit welchen Mitteln er der Clankriminalität einen Riegel vorzuschieben gedenkt.

Ganz zuletzt, hüpf, wurde noch das wichtige Thema der Fußballweltmeisterschaft gestreift und problematisiert, dass die Damen weniger verdienen als die Herren. Bettina Gaus: "Schöner ist der Kapitalismus nicht zu haben."

So hoppelt "maischberger. die woche" heiter von wichtigem Thema zu wichtigem Thema, ohne dabei allzu sehr ins Hecheln oder gar Schwitzen zu geraten. Das liegt vor allem daran, wie Sandra Maischberger mit geradezu schlafwandlerischer Ruhe jeweils überleitet. Das ganz tiefe Gründeln, das ganz feste Verbeißen in ein Thema findet nicht statt. Als lockere Soiree aber funktioniert die Sendung vielleicht gerade deshalb so gut, weil hier - es ist Sommer! - der Eindruck einer gewissen Oberflächlichkeit hingenommen wird, den "reguläre" Talkrunden ansonsten krampfhaft zu vermeiden suchen.

Diese Sendung könnte auch beim Friseur ausliegen. Und man wäre, was man nicht von allen bei Friseuren ausliegenden Magazinen sagen kann, nach dem Durchblättern nicht dümmer als vorher.

Hinweis der Redaktion: Wir haben die berufliche Rolle von Gabor Steingart korrigiert.

insgesamt 15 Beiträge
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dasfred 13.06.2019
1. Ja, der Zeitgeist
Bei der durchschnittlichen Aufmerksamkeitsspanne, die dem Zuschauer im Internetzeitalter verblieben ist, scheint das Konzept doch recht sinnvoll. Wie am kalten Buffet von Häppchen zu Häppchen springen und schon das nächste auf den Teller schaufeln, bevor die ersten verdaut sind. Den meisten reicht das. So wie oft viele Foristen schon die Kommentarspalte stürmen, sobald sie die Überschrift gelesen haben. Und fünf Minuten später ist schon das nächste Thema in Angriff. Auch ein Grund, warum heute kaum noch ein Politiker zurück tritt. Man weiß, kein Thema kann sich mehr länger halten, sobald die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.
ga.tobias 13.06.2019
2. finde ich gut
ist das hier ein "bisschen ironisch" gemeint? Mir hat dieses Format sehr gut gefallen. Kurze präziese Aussagen, ohne stundenlanges Herumgerede. Und ich habe das auch nicht als oberflächlich empfunden. War doch Alles auf den Punkt. Habe seit Jahren nicht mehr 'Maischberger' geschaut - werde jetzt wieder öfter reinsehen.
siryanow 13.06.2019
3. Sandra Maischberger
Ich mag sie . Meine Vermutung zum neuen Format. Wenige haben Interesse ihr bei einem einstuendigem Gespräch mit Helmut Schmidt zuzuschaun und -hoeren . Insofern waehlt sie diesen Weg wohl dem Mainstream geschuldet . Ein Wunsch , ich wuerde gern auch einen italienischen Gast bei ihr sehen, z. B. Romano Prodi , den sie in Italienisch interviewt.
carlplayer 13.06.2019
4. Ein kleiner Schritt der Öffnung
Es war immerhin ein Versuch. Nach gefühlten 1000Jahren öffentlich rechtlichen Dauertalk ein kleiner Aufbruch vom immer selben Format. Ein informiertes Publikum (wie hat man die in die Sendung gelockt?) wurde zumindest gelegentlich mit eingebunden. Das wird noch in einer öffentlich rechtlichen Sendung sonst kaum noch gewagt wird. Ein Politiker trifft auf Praxis (Sozialarbeiterin) und hört sogar noch zu. Auch ein seltenes Fernsehereignis. Natürlich ging es nicht ohne zwei übliche Dauergastjournalisten, aber wenigstens eine Sendung ohne die unvermeidliche Springer Leute. Ein kleiner Aufbruch im immer ewig gleichem Format. Sicher nicht ganz freiwillig. Die alten Talksendungen gehen Hand in Hand mit dem alten Parteiensystem in die Abenddämmerung. Sie müssen sich schnell was überlegen bevor der letzte Ü70 Zuschauer friedlich entschlafen ist.
fatherted98 13.06.2019
5. mir stellen...
...sich nach dieser Sendung zwei Fragen. Warum muss man in der ARD an einer Moderatorin festhalten wenn man ein neues Konzept vorstellt? Hat Frau Maischberger wirklich so den Fuß in der Tür bei der ARD....oder hat man schlicht sonst niemanden? Seit gefühlten 30 Jahren ist Dame auf der Mattscheibe....Zeit für einen Abschied....nicht auszudenken. Die zweite Frage....eher etwas ironisch....warum eigentlich bei dem ganzen Zeitgeist-Geschwaffel noch das Klatscho-Meter bemühen? Warum das Publikum nicht einfach hüpfen lassen....das ist doch der momentane Zeitgeist....also das Thema bei dem am meisten gehüpft wird (Neuwahlen) hat gewonnen.
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