Kanzler Kurz bei "Maischberger" Ein Auftritt für Fans und Gegner gleichermaßen

Österreichs neuer Kanzler wird als "Wunderkind" gefeiert und als Wegbereiter des Rechtspopulismus kritisiert. Was Sebastian Kurz wirklich ist, wollte Sandra Maischberger nun herausfinden.
Sebastian Kurz bei Sandra Maischberger

Sebastian Kurz bei Sandra Maischberger

Foto: WDR/Melanie Grande

Es ist nicht einfach, wenn man jung einen hohen Posten erreicht. Sebastian Kurz, seit dem 18. Dezember 2017 Bundeskanzler von Österreich und nur 31 Jahre alt, hat dieses Problem schon seit Jahren. Mit 24 wurde er Staatssekretär für Integration, mit 27 Außenminister und jetzt eben Regierungschef. Dafür hat er viel Kritik einstecken müssen. Aber er kokettiert auch gerne mit seiner Jugend. Zum Beispiel sagt er bei einer Pressekonferenz mit Angela Merkel, das Gute an dem Problem sei, dass es "von Tag zu Tag besser" werde.

Auch in der Talkshow von Sandra Maischberger, in der Kurz zunächst ein Einzelinterview gibt, ist sein "junges Alter" Thema. "Wunderknabe oder politischer Scharfmacher?" betitelte die Moderatorin ihre Sendung und stellt ihren Gast vor als "zarteste Versuchung, seit es Populismus gibt".

Ob er sein Jurastudium noch beenden wolle? Kurz hatte es zwei Prüfungen vor Ende sausen lassen - zugunsten der Chance, Staatssekretär zu werden. Seine wenig verwunderliche Antwort: Er habe schon als Staatssekretär kaum Zeit gehabt, noch weniger als Außenminister und nun, als Kanzler, erst recht nicht.

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Und was er denn mit so viel Geld mache, das er verdiene? Er gebe ja kaum etwas aus, antwortet Kurz. Und, interessanter: Ob er in einem konservativen Elternhaus groß geworden sei? Nein, in einem liberalen, antwortet er. "Ich würde mich nicht als konservativ bezeichnen, sondern als christlich-sozial und liberal."

Und ja, er fliege, wie schon seit Jahren vielfach berichtet, noch immer "Holzklasse", wie am Mittwoch von Wien nach Berlin - wie bodenständig, wie volksnah! (Ein Passagier, der zufällig in der Sitzreihe vor Kurz saß, twittert, dass Kurz, wie viele Menschen im Flugzeug, mit offenem Mund schlafe. How interesting!) Und ja, er wohne immer noch im "Arbeiterbezirk" Wien-Meidling, aber nicht mehr in der alten 65-Quadratmeter-Wohnung. Wie groß die neue ist, sagte er nicht.

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Maischberger stellt in der ihr eigenen charmanten Art harte Fragen - anders als die meisten österreichischen Medien, die Kurz derzeit immer noch bewundern. Mit denen, die ihn härter anfassen, redet er nicht. Vor allem was Kurz' Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ angeht, schont Maischberger ihn nicht. Von einer Liste ablesend, zählt sie rechtsradikale bis neonazistische Fehltritte von FPÖ-Politikern auf. Was er denn dazu sage?

Kurz antwortet, wie so oft, ausweichend. "Jede Partei hat eine Vergangenheit", erklärt er. Wichtig sei doch, wie ein Parteichef mit solchen Dingen umgehe. Da habe er einen guten Eindruck von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Dass dem Verbindungen zu Neonazis nachgesagt werden, tut Kurz ebenfalls ab: Es sei zwar "richtig, kritisch hinzusehen", aber man müsse "Jugendsünden" eben auch als solche anerkennen. Klar, Strache ist ja auch sein Vizekanzler.

Strache hat kürzlich noch von "Ausgangssperren" für Flüchtlinge geredet. Herbert Kickl, einst Redenschreiber des Rechtspopulisten Jörg Haider, bislang FPÖ-Generalsekretär und neuerdings österreichischer Innenminister, sprach davon, Flüchtlinge an einem Ort zu "konzentrieren". Kurz sagt im Gespräch mit Maischberger, bei Kontakten zu Neonazis würde er als Bundeskanzler "sofort reagieren". "Aber man muss jedem eine Chance geben."

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Zu den verbalen Entgleisungen seiner Regierungsmitglieder hat Kurz sich bisher nicht öffentlich geäußert. "Für mich ist der Blick nach vorn relevant." In den Koalitionsgesprächen habe er den Eindruck gewonnen, dass Strache und die FPÖ sich "für Österreich und die EU" einsetzen wollten. Für ihn zähle das Regierungsprogramm. Dass das oft nicht zusammenpasst mit der FPÖ-Linie - darüber geht Kurz einfach hinweg.

Zu der Koalition mit der FPÖ habe es "keine andere Alternative" gegeben, "nachdem die Sozialdemokratie nicht bereit war zu regieren". Überhaupt, eine Mehrheit der Österreicher habe den Wunsch nach Veränderung gehabt, sagt Kurz. "Schaun mer mal", sagt Maischberger, und Kurz findet das gut und greift das sofort auf. Ja, man solle seine Regierung an den Taten messen und nicht vorverurteilen. "Schaun mer mal", wiederholt er.

Zu Deutschland mag er nichts sagen. Nichts zu den ewigen Koalitionsverhandlungen in Berlin, nichts auf die Frage, ob er eine Regierungsbeteiligung der AfD in Zukunft für möglich halte. Immerhin das sagt er: Die AfD sei nicht vergleichbar mit der FPÖ, die ja schon Regierungserfahrung habe.

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Vieles lächelt Kurz freundlich weg, manches beantwortet er inhaltlich. Weshalb er zum Beispiel als Staatssekretär noch gegen ein Burkaverbot war und jetzt das kürzlich in Österreich eingeführte Verhüllungsverbot doch befürwortet? Weil die Lage sich in den vergangenen sieben Jahren verändert habe, sagt er. Es seien viele Flüchtlinge gekommen, vor allem aus islamischen Ländern. Zudem habe der IS-Terror auch Europa erfasst.

Man muss seine Argumentation nicht nachvollziehen können, aber immerhin argumentiert er hier inhaltlich.

Und so bietet Kurz wieder mal eine Projektionsfläche für Fans und Gegner gleichermaßen: Für die einen bleibt er der opportunistische, inhaltsleere, überzeugungsfreie und prinzipienlose Politikverkäufer, dessen einziger Antrieb das Streben nach Macht ist und der dafür sogar Rechtspopulisten den Weg ebnet. Für die anderen ist er der kluge, begabte, charmante, vielleicht wandlungsfähige, aber immerhin lernfähige Politiker, der wie schon oft unterschätzt wird und es am Ende doch wuppt.

Kurz jedenfalls gibt sich bei Maischberger selbstbewusst wie immer: "Jetzt bin ich froh, dass es in Deutschland einen Schwenk gegeben hat", sagt er über die deutsche Flüchtlingspolitik. Wofür er 2015 kritisiert worden sei, seien heute mehrheitsfähige Positionen.

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Zum Ende der Sendung kommt Grünen-Politiker Jürgen Trittin hinzu. Gott sei Dank, denkt man und hofft, dass er Kurz noch ein bisschen Feuer macht. Aber Trittin widerspricht Kurz nur hier und da und gibt unterm Strich eher den väterlich-gutmütigen Altpolitiker, der den Jungspund zwar ein wenig belächelt, aber ja gar nicht so weit entfernt ist in vielen Dingen.

Was also ist Sebastian Kurz - Phänomen oder Schaumschläger? Schaun mer mal.