Rundfunksysteme im Gespräch: "Wir stören Sie"
"Maischberger"-Talk zu ARD und ZDF Und wie sich über Geld streiten lässt
Wozu brauchen wir noch ARD und ZDF? Manche wünschten, sie verschwänden ganz. Andere sehen in ihnen Garanten für eine funktionierende demokratische Gesellschaft. Um die Blende ganz weit zu öffnen und zu zeigen, was auf dem Spiel steht, bediente sich Sandra Maischberger in ihrer Sendung eines öffentlich-rechtlichen Klassikers. Innerhalb der Sendung beleuchtete eine halbstündige Sonderausgabe des "Weltspiegel" (Erstausstrahlung: 1963) die Situation des öffentlichen Rundfunks in einigen europäischen Ländern - ausgehend von der Schweiz, wo an diesem Wochenende per Bürgerentscheid über die Rundfunkgebühren und damit die Zukunft des SRF entschieden wird.
In Polen ist das Öffentlich-Rechtliche fest in der Hand der regierenden Partei, dort wurden auf einen Schlag kritische Journalisten ausgetauscht. In Frankreich muss gespart werden, desgleichen in Großbritannien bei der BBC. In Österreich intensiviert die FPÖ ihr Feuer auf den ORF. Gegner sind Leute, die lieber im Abo gucken und sich Gebühren sparen wollen; Unternehmer, die einen freien Wettbewerb und eine Liberalisierung des Marktes anmahnen; und rechtskonservative Parteien, die zu zerstören trachten, was sie nicht unter ihre Kontrolle bringen können. Eine ansehnliche Querfront also, mit der es Verfechter des Öffentlich-Rechtlichen zu tun haben.
Am Beispiel der Schweiz zeigt die "Weltspiegel"-Reportage, wie wichtig die Grundversorgung einer viersprachigen Bevölkerung mit Qualitätsfernsehen ist, wie entscheidend auch für das Bewusstsein kommerziell so uninteressanter Minderheiten wie der rätoromanischen Sprachgruppe. Dass dergleichen von privaten Anbietern zu leisten wäre, behauptet selbst ein konservativer Knochen wie Roger Köppel nicht im Ernst.
Mit einer Jahresgebühr von 350 Franken ist das SRF seinen Kritikern "zu groß, zu teuer". Dabei handelt es sich nur um sieben TV-Sender und 17 Radiostationen. In Deutschland sind es mehr als 20 TV-Sender und 60 Radiostationen, die aus Gebühren - plus Werbeeinnahmen - finanziert werden. Zu groß, zu teuer? (Mehr zum Generalangriff auf die Öffentlich-Rechtlichen lesen Sie hier.)
Die Argumentationen in der "Maischberger"-Runde
Beatrix von Storch, AfD-Fraktionsvizechefin und GEZ-Verweigerin, ist hier ganz in ihrem Element. Sie hält ARD und ZDF in Zeiten des Internets für überholt: "Als das Automobil erfunden wurde, da ist die Postkutsche abgeschafft worden." Außerdem hätten wir doch "einen Zeitungsmarkt, der bunt und groß ist". Ihr schwebt ein etwas nebulöses "freiwilliges Programm" vor, "das ist dann verschlüsselt, also ein Bürgerfernsehen". Denn: "Der Bürger hat keinen Einfluss auf das Programm, das finden wir nicht richtig."
Schützenhilfe von Unternehmerseite bekommt Storch von Georg Kofler. Der ProSieben-Gründer sieht "den fairen Medienwettbewerb behindert und teilweise ausgeschlossen", gegen die Marktmacht der Öffentlich-Rechtlichen seien die Privaten "teilweise chancenlos". Ihm geht es um die ordnungspolitische Frage, ob man einen freien Wettbewerb nun will oder nicht. Die BBC mache doch auch wunderbares Fernsehen mit nur drei Sendern, "wenn man den für die Babys abzieht".
Zwar sitzen da noch Pinar Atalay von den "Tagesthemen" und Thomas Gottschalk als öffentlich-rechtlich-privates Hybridschlachtross allerältester Schule. Aber es ist WDR-Intendant Tom Buhrow, der an diesem Abend die Hauptlast der Angriffe trägt - und vor allem den streitlustigen Kofler physisch zu bändigen versucht, indem er ihm die Hand auf den Arm legt.
Thomas Gottschalk im Interview: "I wasn't born to follow"
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So singt er eine Hymne auf die Gremien, die "nicht perfekt" seien, aber immer noch besser als Aufsichtsräte. Die Privaten hätten durch ihre Konkurrenz das Geschäft belebt, die Öffentlich-Rechtlichen "schlanker" gemacht, er selbst sei in seinem Haus gerade wieder eifrig am Kürzen - 500 Stellen in Verwaltung, Produktion und Technik.
"Alle kloppen auf dem #ÖR rum...!"
— Maischberger (@maischberger) February 28, 2018
Muss es denn auch wieder so kalt sein draußen, Herr #Buhrow?#maischberger #Rundfunkbeitrag pic.twitter.com/UM2BONJbY2
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Die Fülle an Sendern, muss die sein? "Ach, es muss gar nichts sein", seufzt Buhrow und zählt auf, was aus Gebührengeldern alles geleistet werde, von Jugendsendern über Regionalfunk bis zu "Kompositionsaufträgen" für "sämtliche Sätze aller Sinfonien von Brahms", der, wüsste er's, sich sehr gefreut haben würde.
Seltsam kraftlos reagiert Buhrow zunächst auf die Storch'schen Anwürfe, es herrsche eine zu große Nähe zwischen Politik und Rundfunk, wo doch Journalisten schnell mal Karriere als Regierungssprecher machen könnten. Buhrow führt aus, das sei bei Zeitungen auch nicht anders. Und als sich Beatrix von Storch über das "Framing" beschwert, etwa ausgerechnet ihre Partei als "rechtspopulistisch" zu bezeichnen, kontert Buhrow mit unangemessen gleicher Münze, Begriffe wie "Zwangsgebühren" seien auch nicht ohne.
Hilfreicher ist da schon Pinar Atalay, die selbstbewusst aus der Praxis beispielsweise im Mordfall von Kandel erzählt. Vorgeworfen wurde da den Öffentlich-Rechtlichen, über den Fall wegen der Nationalität des Täters nicht berichtet zu haben. Atalay: "Ich kann mich nicht von den sozialen Medien treiben lassen", guter Journalismus nähme sich Zeit. So.
"Das ganze Land stand vor einer Herausforderung!"
— Maischberger (@maischberger) February 28, 2018
So verteidigt @PinarAtalay die öffentlich-rechtliche Berichterstattung in der #Flüchtlingskrise.#maischberger #Rundfunkbeitrag #ÖR pic.twitter.com/si6zmn1pT9
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Erst als Storch wiederholt mit armen Rentnern argumentiert, die sich den Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro pro Monat nicht leisten könnten, für Fußball auf Sky dann aber bezahlen dürften, es auch leider keine "Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs von Rentnern" gebe - da zieht Buhrow die Samthandschuhe aus und dringt kurz zum politischen Kern der Sache vor: "Frau von Storch, ich glaube Ihnen nicht", sagt er kühl: "Sie wollen uns schwach, sie wollen uns weg. Wir stören Sie."
Über Geld streitet er sich lieber mit Kofler, auch über sein Gehalt von 400.000 Euro, das ihm von eingeblendeten Zuschauern vorgeworfen wird - wie auch die hohen Pensionen. Kofler unterstreicht, er selbst hätte seinerzeit unter Verzicht auf seine Alterssicherung beim ORF gekündigt. Buhrow: "Ja, Sie wollten Millionär werden, und ich gönne es Ihnen auch!"
"Das wollen wir doch nicht"
Die Ballmaschine spuckt immer weitere Themen aus, es geht um Quoten und Qualität, Volksmusik und Wissenschaft, Unterhaltung und irgendwann sogar um den "Hausmeister, der dafür sorgt, dass es hier nicht reinregnet", das diene nämlich auch dem Programm. Atalay zieht sich zusehends aus der One-Man-Show zurück, Buhrow übernimmt die Defensive schon ganz allein, den Angriff auch. Zu diesem Zeitpunkt erinnert die Sendung sehr an den "ARD Check" von 2015, als sich - ebenfalls von Sandra Maischberger moderiert - Intendanten kritischen Fragen der Zuschauer stellten.
Nach einer Stunde erinnert man sich wehmütig an Emil Steinberger, der anfangs aus Zürich zugeschaltet war - übrigens mit extrem langer Leitung, als hockte er in Guatemala. Der Schweizer Komiker ist gegen eine Abschaffung des SRF und erläuterte seinen Standpunkt charmant und knapp damit, dass andernfalls Leute mit Geld kämen und damit "Zustände wie in Italien, bei Berlusconi, und das wollen wir doch nicht". Eine Gesellschaft, sagte er noch, brauche "eine allgemeine Kultur". Wenn man nur sehe, wofür man bezahle und nur dafür bezahle, was man auch sehen wolle - dann lerne man doch nichts, od'r?
"Wie bei #Berlusconi zu Hause!"#EmilSteinberger über die Notwendigkeit des öffentlichen Rundfunks in der #Schweiz – und über ein Farbfernsehen der unerfreulichen Art.#NoBillag #ÖR #Rundfunkbeitrag #maischberger pic.twitter.com/giB4TYlV0f
— Maischberger (@maischberger) February 28, 2018
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Das beste Argument für ARD und ZDF aber hatte der keineswegs unkritische Thomas Gottschalk mit seiner allerersten Einlassung geliefert: "Allein die Tatsache, dass wir im öffentlich-rechtlichen System darüber diskutieren können, ob wir das Öffentlich-Rechtliche abschaffen, zeigt, dass wir es brauchen."