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02. Juni 2016, 02:35 Uhr

"Maischberger"-Talk über Einwanderer

"Bei mir arbeiten natürlich blonde, deutsche Frauen"

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Retten Flüchtlinge den deutschen Arbeitsmarkt? Das war eigentlich Maischbergers Thema. Doch die Moderatorin widmete sich erst mal treuherzig Volker Becks Gemütszustand nach der Drogenaffäre und Gaulands Boateng-Äußerung.

Zur Sendung: Hunderttausende Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Deutschland, die meisten wollen schnell einen Job finden - und landen erst mal in der Arbeitslosigkeit. Der Mittelstand würde sie gerne einstellen, steht dabei jedoch vor Problemen. Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen nun über dieses Thema, Motto der Sendung: "Ausländer rein! Retten Einwanderer unseren Arbeitsmarkt?"


Bevor es um das eigentliche Thema des Abends gehen konnte, widmete sich Sandra Maischberger zwei offenbar dringlicheren Punkten: Ist Jörg Meuthen von der AfD ganz spontan etwas Rechtsradikales zu entlocken? Und wie druff ist Volker Beck von den Grünen, der in dieser Sendung sein Talkshow-Comeback feierte, nachdem sein Verfahren wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz aufgrund "geringer Schuld" eingestellt worden ist?

Maischberger erledigte das so treuherzig, als träfe sie einen Nachbarn im Treppenhaus: "Herr Beck, wir haben Sie wochenlang nicht gesehen! Hatten Sie ein Drogenproblem?" Beck erklärt, da müsse sich "niemand Sorgen machen, ich bin bei Verstand, hellwach und mir gehts gut". Politiker seien im Übrigen kein säkularer Heiligenersatz und ihre Privatsphäre bitteschön zu respektieren. Im Nachhinein bedauere er, mit sich selbst "nicht achtsam genug gewesen" zu sein und viele Menschen enttäuscht zu haben. Fall erledigt.

Meuthen wurde von Maischberger zu Alexander Gauland befragt und wich nicht von der offiziellen Parteilinie ab. Mit Gauland sei wieder einmal einem AfD-Kollegen "eine Falle gestellt worden", diesmal von der "nicht seriösen" Zeitung "FAS". Tatsächlich habe der Parteifreund mit seiner "Sachstandsbeschreibung" ganz "latent" eben jenen Rassismus kritisieren wollen, der ihm nun selbst unterstellt würde. Dass der DFB so rasch und professionell reagiert habe, rieche "nach einer stark abgesprochenen" Sache. Komplott der "Lügenpresse", klarer Fall.

Wer ist "wir"?

Damit begann nun der eher diffuse Teil der Sendung. Brauchen wir Zuwanderung? Brauchen wir sie nicht? Und wer ist "wir"? Sind das die 2,6 Millionen einheimischen Arbeitslosen, sind das die Wirtschaftsverbände? Immerhin ging es nicht um mögliche Innenverteidiger für den FC Bayern München oder syrische Quantenphysiker, sondern auch um die gering qualifizierten Zuwanderer. Um die schlug "Maischberger" zunächst einen langen Bogen.

Stattdessen war mit Arthur Mashuryan ein einziger Vertreter jener Gruppe geladen, über die hier gesprochen werden sollte. Der erfolgreiche Konditor ist als Kind mit seinen armenischen Eltern eingewandert, als Unternehmer erfolgreich - und fühlt sich dennoch fremd in einer Gesellschaft, die ihn "auf das Äußere" reduziere.

Mashuryan brachte das Dilemma auf eine griffige Formel: "Hat ein Fremder Arbeit, nimmt er einem Deutschen den Arbeitsplatz weg. Hat er keine Arbeit, liegt er den Deutschen auf der Tasche." Wie mans also macht, ist es falsch. Und macht man es falsch, ist es auch nicht richtig.

"Wen stellen Sie in den Service", wollte Maischberger wissen. Da lächelte Mashuryan, ertappt: "Bei mir arbeiten natürlich blonde, deutsche Frauen." Der Umsatz steige, "sobald Nicht-Schwarzhaarige arbeiten".

Willkommen in Absurdistan

Ein zweiter Fall endete nicht mit erfolgreicher Anpassung an herrschende Verhältnisse, sondern mit der Abschiebung. Journalistin Nicola von Hollander schilderte, wie sie "den Arbeitskorridor mal ausprobieren" und den kosovarischen Kriegsflüchtling Beq Zeqiri unter Vertrag nehmen wollte.

Während sie sich in der hürdenreichen Kleinteiligkeit der Bürokratie ("Absurdistan") verhedderte, wurde dessen Asylantrag abgelehnt. Der Maschinenschlosser wurde dann während der Sendung via Skype "zugeschaltet aus dem Kosovo" und erzählte, dass er vom Geld der Verwandtschaft lebe.

Grünen-Politiker Beck verwies auf die demografische Entwicklung: "Die Kinder, die nicht geboren werden, bekommen auch keine eigenen Kinder mehr." Überhaupt gingen die begehrten "High Potentials" ohnehin lieber anderswo hin. Christian von Stetten wunderte das nicht. Der mittelstandspolitische Sprecher der CDU stellte fest, dass Hochqualifizierte im Ausland besser bezahlt und mit Englisch über die Runden kommen würden. Umso wichtiger sei ein Einwanderungsgesetz, bei dem Arbeitssuchende in ihren Heimatländern erst einmal bei der deutschen Botschaft anklingen sollten.

"Das würde die AfD gefährlich stärken!"

Meuthen stellte nebenbei die demografische Entwicklung komplett in Abrede - um die AfD als Arbeiterpartei zu inszenieren. Der Arbeitskräftebedarf sei rückläufig, die Automatisierung schreite voran, und es gäbe durchaus genug deutsche Arbeitslose mit geringer Qualifikation. Dieses Segment hatte auch von Stetten im Sinn, als er einräumte: "Der deutsche Arbeitsmarkt funktioniert sicher nicht ohne Migranten."

Ulrike Herrmann von der "taz" hielt dagegen, der Kapitalismus sei "keine Torte", sondern ein "dynamisches System", das mit den Menschen in diesem System wachse. Wir bräuchten eher mehr als weniger Zuwanderung, und wir müssten die Ankommenden gescheit ausbilden: "Russische Spätaussiedler haben damals die deutsche Wirtschaft bereichert - und so wird es mit den Syrern auch sein."

Auch als ab 1990 rund 16 Millionen Ostdeutsche "faktisch ins weltdeutsche System eingewandert" seien, sei das bewältigt worden - und heute stünde Deutschland besser da als seine Nachbarn. Hier schlugen doch noch Meuthens völkische Reflexe an: Wenn Herrmann die Zuwanderung aus völlig fremden Kulturkreisen mit der Wiedervereinigung vergleiche, dann sei ihr "nicht mehr zu helfen".

Am Ende war es Christian von Stetten, der eine Aussetzung des Mindestlohns ins Spiel brachte und damit zu des Pudels Kern vorstieß. Die Wirtschaft wünsche sich Arbeitnehmer, die auch ohne Sprachkenntnisse "erst einmal im Betrieb mitlaufen" und auf diese Weise lernen könnten. Ulrike Herrmann warnte noch vor "Lohn-Dumping" nach unten, sollte der Mindestlohn ausgesetzt werden: "Das würde die AfD gefährlich stärken!"

Da schlug Meuthen vergnügt die Beine übereinander - und schwieg.

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