Menschen bei Maischberger "Auch der Islam muss sich der Kritik stellen"

Die Gästerunde war interessant, das Thema Radikalismus und Fremdenfeindlichkeit brisant. Trotzdem fehlte der Talkshow von Sandra Maischberger der Zunder. Für erhellende Momente sorgte die deutsch-türkische Frauenrechtlerin Necla Kelek.

Zu Gast bei Sandra Maischberger: Autorin und Frauenrechtlerin Necla Kelek
WDR/ Max Kohr

Zu Gast bei Sandra Maischberger: Autorin und Frauenrechtlerin Necla Kelek


Eine vielversprechende Besetzung garantiert noch nicht unbedingt eine besonders interessante Talkshow. Und am Ende kann es passieren, dass nicht einmal klar wird, woran es eigentlich lag, dass es nicht so richtig lief. Am Thema sicherlich nicht. Das stellte sich am Abend dieses Tages mit Mahnwache in Berlin und Kür der "Lügenpresse" zum Unwort des Jahres gleichsam von selbst.

Sandra Maischberger legte den Fokus auf die Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft durch radikale Muslime hier und Fremdenfeinde dort. Doch es scheint schwer zu sein, beim wahrlich notwendigen Gespräch über diesen komplexen Stoff so etwas wie eine Linie zu finden.

Da hatte sich Maischberger nun Alfred Grosser eingeladen, den großen alten Mann deutsch-französischen Geistes, eine leibhaftige Institution europäischen Intellekts. Dann zwei Muslimas, eine sehr kämpferisch-glaubenskritische sowie eine eher idealistische, voller korangesättigter Friedensliebe. Dazu den innenpolitischen Grünen-Sprecher Volker Beck, einen Mann, der weiß, wovon er spricht, wenn es um Fragen von Zuwanderung und Integration geht. Nicht zu vergessen schließlich ein gewisser Alexander Gauland, der, vorsichtig gesagt, umstrittene AfD-Vorständler, der bekanntlich die Morde in Paris prompt auf eine sehr spezielle Art kommentiert hatte.

Gute Voraussetzungen für eine Diskussion, von der man einiges hätte erwarten dürfen an klärenden Kollisionen. Allein, jedes Mal, wenn man als Zuschauer dachte, nun komme aber vielleicht mal etwas Zunder in die Veranstaltung, blieb es bei Statements, denen mindestens einer der anderen auch gleich beipflichtete, ausgenommen höchstens Herr Gauland. Der wirkte aber ohnehin meistens etwas gelangweilt und erweckte kaum den Eindruck, als sei er noch sonderlich interessiert, nachdem er erstmal seine eigenen fragwürdigen Äußerungen bekräftigt und ein merkwürdiges Pro-Pegida-Plädoyer hinter sich gebracht hatte.

Das bestand im Wesentlichen darin, den Hang der Dresdner Aktivisten zum Nazi-Jargon irgendwie mit mangelnder Erfahrung im Umgang mit Medien zu erklären. Und so völlig deplatziert sei der Begriff "Lügenpresse" ja nicht, wenn auch ein bisschen unglücklich gewählt.

Doch, ja, es gab auch einige erhellende Momente, vor allem dann, wenn Necla Kelek, die couragierte deutsch-türkische Frauenrechtlerin, mit ihrer unbeirrbar klaren Haltung zu Wort kam: Angst habe sie vor beiden, den Rechtsradikalen ebenso wie vor den gewaltbereiten Islamisten. So berechtigt aber die Kritik an Pegida sei - der Islam müsse sich gleichfalls der Kritik stellen und sich fragen lassen, "wie viel Islamismus im Islam steckt". Zwar gehörten die Muslime zu Deutschland, nicht aber diese "Unterwerfungsreligion".

Carla Amina Baghajati, eine Österreicherin, die vor 25 Jahren zum Islam übertrat, hatte in dieser Runde einen nicht ganz so schweren Stand, wie gläubige Muslime ihn in Talkshows manchmal haben. Ihr Bekenntnis zu Toleranz und Meinungsfreiheit klang eindeutig, ihr Distanzierungsargument, die islamistischen Täter hätten von Religion überhaupt keine Ahnung, allerdings auch nicht wirklich neu.

Immerhin gelangte das heikle Thema Religionskritik auf den Tisch. Zu mehr als ein paar relativierenden Anmerkungen kam es dann aber doch nicht. Alfred Grosser, der sich an diesem Abend für rhetorischen Minimalismus entschieden hatte und immer mal wieder kleine luzide Einwürfe bevorzugte, erinnerte knapp und trocken daran, wie schwer sich der Katholizismus damit getan habe, tolerant zu werden. Und wenn er vom christlich-jüdischen Abendland höre, "wird mir als Jude schlecht." Beim Stichwort Abendland wurde dann kurzzeitig auch Gauland ein bisschen munterer und verwies unter anderem auf die "christliche Ikonografie in den Museen".

Doch was tun, um die vielfältiger und konfliktgefährdeter werdende Gesellschaft zusammenzuhalten? Es war in erster Linie der Grünen-Politiker Beck, der hier Konstruktives, Kompetentes und Klärendes beizutragen hatte, was die Probleme von Zuwanderung, Umgang mit Flüchtlingen und Eingliederung betrifft. Wie notwendig das immer noch ist, auch wenn das meiste längst Konsens und praktische Politik wurde, zeigt sich ja gerade an den propagandistischen Wirrungen der AfD.

Es schien denn auch bezeichnend, wie Gauland sich ausdrücklich gegen eine "Willkommenskultur" wandte und von "Pflicht zur Anpassung" redete, so als sei die fruchtlose Leitkultur-Debatte nicht zum Glück längst ausgestanden.

Das Schlusswort war Frau Baghajati vorbehalten: Religion sei viel zu groß, um überhaupt beleidigt werden zu können. Da blieb nur der Wunsch: Ihr Wort in Gottes Ohr.



insgesamt 143 Beiträge
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Twanger 14.01.2015
1. Viel Gerede, wenig Handlung
Seit wievielen Jahren diskutieren wir nun eigentlich die Radikalisierung junger Muslime in Europa und das Gewaltpotenzial des Islam? Hat sich in der Zwischenzeit irgendetwas geändert? Wurden irgendwelche Maßnahmen ergriffen, außer dem Entzug des Reisepasses (den es für eine Ausreise offensichtlich nicht braucht)? An den Lies!-Ständen werden immer aggressiver und immer umfangreicher Neukunden angeworben, die Drohungen gegen Islamkritiker werden immer schärfer (zugegeben nicht alleine von radikalen Muslimen, sondern auch von unseren Gutmenschen) und das öffentliche Leben wird immer mehr dem Islam angepasst (unbemennung christlicher Feste, Verbot von Schweinefleisch in Kantinen etc.).
Bruder Theodor 14.01.2015
2. Wissen's die Götter
Der Islam ist genau so ein geschlossen-logisches System (und leitet man ab von ihm, ideologisches System) wie jede andere Religion auch. Demnach kann sich keine Religion irgendwie geartet einer Kritik stellen. Eine Religion kann daher nur abgeschafft werden. Da eine Religion aber de facto Sozialisierung heißt, kann die Sozialisierung nicht abgeschafft werden (außer über den Völker- und Massenmord). Eine Religion kann daher nur auslaufen, die Sozialisierung sich wandeln, die Gesetze aus einer Religion ersetzt werden durch weltliche Gesetze. Hierzu muß man nicht gesondert auf den Islam schauen, man kann beim Christentum anfangen.
Florida123 14.01.2015
3. Die Loesung ist so einfach..
Die oeffentliche Ausuebung SAEMTLICHER Religionen muss verboten werden. Dann koennen die Menschen sich endlich wieder untereinander verstaendigen und muessen sich nicht mit einer Materie beschaeftigen, die sie sowieso nicht begreifen. Der Mensch ist einfach religionsuntauglich - das sollte uns die Geschichte schon gelehrt haben.
erwin.duesenberg 14.01.2015
4. Wieder mal am Problem vorbei
Die islamische Rechtsauffassung sieht jede Kritik als Blasphemie, die nach der Scharia mit dem Tod bestraft wird. Das ist nicht die Meinung der Fundamentalisten sondern aller gläubigen Muslime und wird in mehrheitlich muslimischen Ländern auch so praktiziert. Leider informieren sich diese Talkshow Gäste nicht ausreichend bevor sie auftreten. Wer mag kann bei YouTube nach "islamic peace conference" suchen oder sich die Fatwas zu dem Thema durchlesen.
teilzeitmutti 14.01.2015
5. Öhm?
Wenn die Talkshows im deutschen gebührenfinanzierten Fernsehen offensichtlich nichts taugen, warum berichtet SPON überhaupt darüber? Machen Sie doch mit "Achtung Kontrolle" auf Kabel 1 auch nicht.
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