"Maischberger"-Talk über Populisten Mit Verachtung

Sandra Maischberger hat über die Gefährlichkeit von Populisten diskutiert - und sich bekannte Anschauungsexemplare geholt: Thilo Sarrazin wirkte angesichts von AfD-Frau Beatrix von Storch geradezu gemäßigt.

Maischberger (3.v.l.) mit ihren Gästen
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Maischberger (3.v.l.) mit ihren Gästen

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Da haben wir also die Antwort.

Gerade hat der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke ganz groß aufgedreht, hat der AfD-Frau Beatrix von Storch vorgehalten, dass ihre Partei vier Millionen Menschen außerhalb der Gemeinschaft stellen wolle, wenn sie am Wochenende in ihr Parteiprogramm schreibt: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland", das sei eine nie dagewesene Radikalisierung des Diskurses in diesem Lande, die Ausgrenzung einer ganzen Glaubensgemeinschaft, auch der Kölner Erzbischof Kardinal Woelki kritisiere die AfD dafür.

Mit wenigen Worten lässt von Storch von Luckes Vorwurf abperlen. Woelki? "Ein Regierungssprecher. Ein Staatsbeamter."

Die Berliner AfD-Vorsitzende ist den ganzen Abend über sehr ruhig, sehr konzentriert, ganz und gar keine geifernde Wutbürgerin, sie spricht nicht in der Hitze des Gefechts, sondern kühl, und deshalb muss man sie wohl beim Wort nehmen: Von Storch offenbart in dieser Replik nicht nur ihre Ablehnung der Institution Kirche, sondern dazu ihre ganze Verachtung für diesen Staat. Will sie jemanden abwerten, bezeichnet sie ihn als dessen Diener.

Und so gibt sie die Antwort auf die Frage des Abends bei Sandra Maischberger: "Die Angstmacher - Wie gefährlich sind Deutschlands Populisten?" Sie sind gefährlich. Denn sollte die hier nur kurz aufgeblitzte Haltung der Beatrix von Storch repräsentativ sein für ihre Parteigänger, dann sind das nicht nur heimatlose Konservative, die sich in Angela Merkels CDU nicht mehr vertreten sehen, nicht nur Ruhe suchende Bürgerliche, die am liebsten die Uhr zurückdrehen und heimkehren würden in eine Zeit, in der es noch kaum Muslime gab in Deutschland, in der Schwule sich still zu halten hatten, in der die Frauen sich um die Kinder kümmerten und ein in den Nachrichten nebenbei wahrgenommener Krieg in fernen Ländern niemanden bekümmern musste. Dann ist die AfD eine Partei, die nicht nur ultrakonservative Opposition sein will in unserem politischen System - sondern eine Partei, die dieses System als Ganzes ablehnt.

Sarrazin und von Storch
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Sarrazin und von Storch

Ob nun Elmar Brok von der CDU als mitfühlender Christ gegen von Storch argumentiert oder Gregor Gysi von der Linkspartei ihr das Anzetteln eines Religionskrieges vorwirft, das ist ihr erklärtermaßen einerlei: Linke, CDU, alles Vertreter desselben Systems, für sie gibt es da nichts zu differenzieren. Beim Islam will sie allerdings schon unterscheiden, zumindest hier und heute: Abgelehnt werde lediglich der politische Islam. Warum das dann nicht mit dieser Einschränkung im Entwurf ihres Parteiprogramms steht, sagt sie nicht.

Es ist noch nicht lange her, da diskutierte das Land erregt darüber, ob Thilo Sarrazins biologistische Thesen über die Intelligenz von Muslimen, seine Zahlenhuberei mit rassistischem Beigeschmack, noch dem demokratischen Diskurs zuzurechnen wären. Sieht man ihn heute gegenüber von Storch sitzen, in gewohnter Weise pedantisch Statistiken referierend, wirkt er vergleichsweise harmlos. Warum er denn nicht in der AfD sei, will Maischberger wissen. Was ihn denn an der Partei störe?

Sarrazin windet sich

Einiges finde er richtig an deren Forderungen, manches nicht. Und, sagt Sarrazin, wenn ein Björn Höcke "vor wallenden Fahnen" seine Reden schwingt - "das weckt falsche Erinnerungen und das ist ungut". Mit solchen Drucksereien lässt ihn Maischberger nicht davonkommen: "Falsche Erinnerungen heißt? Wenn man es präziser machen würde?"

Da windet sich Sarrazin: "Es gibt so gewisse Assoziationen, die man nicht gerne hat. Die hab ich auch nicht gerne, und das ist auch gefährlich. Man muss Themen kritisch ansprechen, man muss aber doch darauf achten, dass man unbeherrschte Emotionen aus der rechten Ecke,… dass man sich davon in einer ausreichenden Distanz hält."

Die Übersetzung in Klartext übernimmt Gysi: "Natürlich gibt es da Überschneidungen. Er mag so eine bestimmte Form nicht, die so an Nazi-Demos erinnert, das verstehe ich schon."

Sarrazin hat seine Stellung als einzige Stimme der Besorgten eingebüßt, er hat sie verloren an die AfD. Sie führt fort, was er nur begonnen hat. So konzentriert sich die Runde auf deren Vertreterin Beatrix von Storch, reihum wird ihr die gefährliche Zündelei der AfD vorgehalten, man wechselt sich ab dabei. "Jetzt muss ich auch mal ran", schnaubt Brok, wenn von Lucke Gefahr läuft, sich aufgeregt zu vergaloppieren mit einer flammenden Anklage gegen von Storch.

"Haben Sie Mitleid mit mir", kumpelt der CDU-Mann den Linken Gysi an, wenn der mal wieder kein Ende findet und von Storch einen weiteren Artikel des Grundgesetzes vorhält, den sie mit ihren politischen Vorschlägen brechen würde - und Gysi, ganz Kollege unter Demokraten, macht bald ein Ende und übergibt das Wort. Von Storch hört sich das alles an, sollen sich die Büttel des Systems nur heiser reden.

Maischberger setzt dabei immer wieder nach. Hat die Moderatorin eine Frage gestellt, dann will sie eine Antwort - auch wenn sie dreimal nachfragen muss. Was komme denn nun nach dem Euro, fragt sie von Storch wiederholt, die redet erst über die Weisheit des Volkes und direkte Demokratie, auf Nachfrage erfährt der Zuschauer dann doch noch, dass sie sich eine andere Wirtschaftsgemeinschaft vorstellt, mit "wirtschaftlich gleich starken Ländern", solchen, die "zueinander passen", wie Schweden oder Norwegen, Österreich und Finnland.

Eine Nordwährung für Blonde mit blauen Augen - das sagt sie nicht. Man mag es sich dazu denken.



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