"Maischberger" über Gewalt gegen Amtsträger "Wir tun der AfD zu viel Ehre an"

Zeigt der Messerangriff auf einen Bürgermeister im Sauerland, wie sehr die Gesellschaft verroht? Die Debatte darüber bei Sandra Maischberger war zermürbend - und das lag nicht nur an Alice Weidel.

Altenas Bürgermeister Hollstein bei "Maischberger":
WDR/ Max Kohr

Altenas Bürgermeister Hollstein bei "Maischberger":

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Wirklich hitzig wird es erst nach einer Dreiviertelstunde. Der Kriminologe Christian Pfeiffer doziert gerade über Jugendgewalt und Ausländerkriminalität, da fällt ihm seine Sitznachbarin Alice Weidel ins Wort. "Die Bezeichnung Kriminologe spottet jeder Bezeichnung", sagt die AfD-Politikerin. "Sie haben von Statistik, mit Verlaub, keine Ahnung."

Womöglich fragt sich Gastgeberin Sandra Maischberger zu diesem Zeitpunkt, wie genau die Debatte an diesen Punkt gelangen konnte. Denn über Gewalt wollte sie mit ihren Gästen zwar diskutieren - aber keineswegs nur über jene, die von Jugendlichen und Ausländern ausgeht. Es geht um mehr, die Frage der Sendung lautet: "Verroht unsere Gesellschaft?"

Aufhänger ist die Messerattacke auf den Bürgermeister des sauerländischen Städtchens Altena. Andreas Hollstein war am Montagabend in einem Dönerimbiss von einem 56-jährigen Mann angegriffen worden. Der arbeitslose Maurer wollte den CDU-Politiker laut Staatsanwaltschaft töten - wegen dessen liberaler Asylpolitik.

Maischberger hat das Gespräch an diesem Abend nicht immer im Griff, aber eines macht sie richtig: Gleich zu Beginn der Sendung gibt sie Hollstein, der noch immer ein Pflaster über der Schnittwunde trägt, viel Raum. Etwa 20 Minuten lang spricht sie nur mit dem Bürgermeister. Und der hat eine Botschaft mitgebracht.

Ihm gehe es vor allem um den Zusammenhalt der Gesellschaft, um den zwischenmenschlichen Umgang, da sei was ins Rutschen geraten: "Das, was man früher gute Stube und Erziehung genannt hat", sagt Hollstein, sei akut in Gefahr. Er sorge sich weniger um Berufspolitiker als um Ehrenamtliche: "Wie wollen wir die gewinnen, wenn die kein Geld verdienen und sich dann auch noch als nützliche Idioten bedrohen lassen müssen?"

Wie zum Beweis zieht er einen Zettel aus dem Jacket und liest einige Nachrichten vor, die er seit dem Angriff erhalten habe. "Wenn Ihre Frau deutsch kochen könnte, bräuchten Sie nicht zum Döner gehen", das habe ihm eine AfD-Anhängerin geschrieben. Trägt die rechte Partei eine Mitschuld an dem Anschlag - weil sie die Verrohung des gesellschaftlichen Diskurses anpeitscht?

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Beleidigt, bedroht, bekämpft: Attacken und Hass gegen Lokalpolitiker

So hatten Äußerungen Hollsteins in einer ersten Pressekonferenz nach dem Angriff geklungen - nun relativiert er das: "Ich habe in keiner Form die AfD als Partei angegriffen", sagt er. Das hört Alice Weidel sichtlich gerne, die zunächst wohlfeile Politikerphrasen beisteuert. "Gewalt ist kein Mittel der politischen Auseinandersetzung", sagt sie. Man müsse in der Sache diskutieren, "um gemeinsam in Kompromissen Lösungen zu finden".

SPD-Mann Heiko Maas nimmt ihr das nicht ab. "Mir kommen die Tränen", sagt der Justizminister. Weidels Partei habe die Methode perfektioniert, mit Provokationen den Diskurs zu vergiften. "Das Prinzip der AfD ist es doch, Menschen gegeneinander aufzuwiegeln." Ähnlich argumentiert Kriminologe Pfeiffer: "Dass die AfD hier eine Mitverantwortung hat, ist für mich außer Zweifel."

Das sieht nicht nur Weidel anders - sondern auch Hollstein. "Wir tun der AfD zu viel Ehre an, wenn wir uns nur mit ihr beschäftigen", sagt er. Für das fremdenfeindliche Tatmotiv von Werner S. hätte es die Rechtspopulisten demnach gar nicht gebraucht: Er fürchte, dass im Schutze sozialer Medien "braunes Gedankengut wieder in die Gesellschaft einsickert - vielleicht auch in die Ränder der AfD".

Ähnlich klingt die Diagnose von Jan Fleischhauer, dem Sechsten in der Runde. Der SPIEGEL-Autor erzählt, wie er sich unter dem Namen seiner Frau und mit einem Bild Caspar David Friedrichs in der Facebook-Welt von AfD-Anhängern herumgetrieben habe - und in eine andere Wirklichkeit eingetaucht sei. Er spricht von einem "Apokalypse-Gefühl".

In diesen Parallelwelten sieht auch Maas ein großes Problem, er nutzt die Gelegenheit für eine Verteidigung seines Netzwerkdurchsetzungsgesetzes - und macht zugleich klar, dass es gegen Hass und Aufstachelung viel mehr als harte Gesetze brauche: Die Devise laute "Gesicht zeigen und Mund aufmachen" - nur das helfe wirklich gegen eine Verrohung der Gesellschaft.

Genau die stellt Pfeiffer grundsätzlich infrage. Immer wieder wirft der Kriminologe in die Runde, dass es gerade bei der Jugendgewalt erhebliche Verbesserungen gebe: weniger Schulabbrüche, weniger Fremdenhass, weniger Alkoholprobleme, weniger Suizide und Gewalttaten. Das will die AfD-Vertreterin, die eine "Gewaltspirale durch Migrantenkriminalität" beklagt, so nicht stehen lassen.

"Die Gewalt an Berliner Schulen hat deutlich zugenommen", sagt Weidel.

"Nein", setzt Pfeiffer an.

"Das stand diese Woche in der Zeitung", entgegnet Weidel.

Da mischt sich Maas ein: "Die Zeitung ist doch 'Lügenpresse', Frau Weidel."

Ja, der Diskurs ist vergiftet.

Der Einzige, der durchweg die Ruhe bewahrt und alle anderen ausreden lässt, ist Hollstein. Er erzählt vom Anruf der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die selbst bei einem Messerangriff schwer verletzt wurde, und über die Unterstützung Hunderter Altenaer, die für ihn auf die Straße gegangen waren. Und, auch das ist ihm wichtig: Wegen der 450 Flüchtlinge in Altena seien weder die Zahlen der Gewalttaten noch anderer Delikte angestiegen.

Die letzten und wohl herzlichsten Worte des Abends richtet Maischberger schließlich an den Lokalpolitiker: "Ich freue mich, Herr Hollstein, dass Sie leben."

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ursbusch 30.11.2017
1. Afd
Es kann doch nicht sein, dass die Politiker sich an der AFD festbeißen und lamentieren, wie schlimm diese Partei ist. Unsere Politiker sind so unklug, es ist erschreckend, denn die werden das sonst auch sein. Die Medien und damit auch die Politiker bieten der AFD ein Podium, wodurch das Interesse an der Partei steigt. Es würde doch genügen, einfach höflich und freundlich zu sein. Die AFD hätte dann sehr viel Mühe, die Partei unter die Leute zu bringen. Die würden sich totlaufen. Je mehr Geschimpfe, je größer das Interesse. Wenn es nicht die AFD ist, dann wird irgendeine andere abstruse Partei gegründet. Dumme gibt es genug. Die Parteien haben im Wahlkampf "gute" Arbeit geleistet, die AFD ist im Bundestag. Hätten die Politiker die Schimpferei über die AFD gelassen, vielleicht hätten die Wähler sich anders entschieden.
123Valentino 30.11.2017
2. Was macht...,,
die " Politiker" der AfD so attraktiv? Jeder will sie in der Sendung haben. Natürlich vergiften Personen wie Frau Weideland das gesellschaftliche Klima. Das ist ihr Ziel. Sie wollen den Aufstand der Dummen.
upalatus 30.11.2017
3.
Was eine Verrohung der Gesellschaft angeht sehe ich Einfluss und Wirkung des Internets an beachtenswerter Stelle. Es ist ein unbestreitbarer riesiger Quell an fruchtbarem Wissen und Kultur, aber leider auch Lieferant jeglichen denkbaren absoluten Drecks. Jeder Isis-Dorfdepp oder irgendein totalunsozialiserter Charakter als auch hochkrimineller Rattenfänger (die ganz sicher nicht unintelligent vorgehen) und jene, die einfach geilen Spass und Befriedigung im anonymen Hassen, Hetzen, Ausrichten und Manipulation finden, oder einfach ein Rad ab haben, bietet sich hier die freie Fahrt. Befördert wird das Ganze durch die schlichte menschliche und altersunabhängige Eigenschaft der User: die Neugierde und die oft sehr widerstandsunfähige und schleichende Vergiftungsanfälligkeit. Gewalt, Symbolik, Tod, das stellt alles ein merkwürdiges Faszinosum dar, es sei denn, man ist ein ziemlich kalter, dickfelliger und standhafter Hund. Und wer ist das schon. Die grauen bis sehr dunklen Seiten, die man so als Mensch haben kann, waren vorher mühevoll selbstkontrolliert unterdrückt, verräumt, und ein guter Deckel war auch das Schamgefühl. Letzteres gibts nicht mehr in der Anonymität. Nun werden die Minusseiten kultiviert, erweitert, gegenseitig pushende Interessensgruppen/'Gemeinschaften' finden sich. Da wunderts einen nicht, dass in die Realgesellschaft davon durchzustinken beginnt. Allerdings geben manche Beiträge wie der der deutschkochratgebenden Blaunista auch mal Anlass zum Schmunzeln ob der bestechenden Logik und überwältigenden Schlussfolgerpotentials. Ein guter Rohwerdungsgrund, Respektverlust, Achtungsverlust, Ellenbogen und Unehrlichkeit, liegt aber auch in unser aller Streben und Fordern nach dem Mehr inne. Bis zu einem bestimmten Punkt kann man mithalten, dann gehts nicht mehr, und man wird ungut, gegenüber sich selber, gegenüber den anderen. Unzufriedenheit kompensiert durch Bitterniss und Aggression. Wenn man den Gedanken weitertreibt, findet man aber auch bei den materiell sehr Zufriedenen solche Reaktionen, hier aus saturierter Gelangweiltheit heraus.
schockschwerenot 30.11.2017
4.
Keine Frage, die Gesellschaft ist gespalten. Vielleicht wäre ein Anfang einer Wende zum besseren gemacht, wenn sich die Vertreter der Politik einmal die Frage stellen würden, seit wann das so ist. Welches Ereignis hat die Spaltung vorangetrieben?
neutralfanw 30.11.2017
5. Es ging um Gewalt gegen Politiker
Herr Hollstein (das Opfer einer widerlichen Tat) tritt sehr souverän auf. Herr Maas würdigt Frau Weidel zu viel. Frau Weidel antwortet auf keine Frage, sondern spielt den Phrasen-Drescher. Herr Pfeiffer kann die Statistiken nicht klar genug vermitteln (das nutzt Frau Weidel für ihre Propaganda). Herr Fleischhauer hat zur Unterhaltung beigetragen. Diskussionsleitung? Schwach. Immer wieder abweichen vom Thema.
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