"Maischberger" zu Missbrauch in der Kirche "Damit mal klar ist, worüber wir hier reden!"

Sandra Maischberger diskutiert mit ihren Gästen über den Missbrauch in der katholischen Kirche. Viele Fragen an den Bischof in der Runde bleiben unbeantwortet. Dabei gibt es konkrete Ideen für Verbesserungen.

Moderatorin Maischberger (2016)
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Moderatorin Maischberger (2016)

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Wolfgang Niedecken hat 1964 auf einem katholischen Internat "schlimme Sachen" erlebt. Dort sei er im Alter von 13 Jahren einem, wie er das nennt, "Sittenstrolch" in die Hände gefallen. Nun klingt "Sittenstrolch" beinahe putzig, vergleichbar einem Tunichtgut, Schwerenöter oder Hallodri. Es dauert nicht lange, da fliegt dem Musiker diese launige Formulierung um die Ohren.

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Heft 39/2018
Der Papst und die katholische Kirche in ihrer größten Krise

Der "Missbrauch in der katholischen Kirche" ist vermutlich so alt wie die katholische Kirche selbst. Mit der aktuellen Studie im Auftrag der Bischöfe ist nun wieder ein wenig Licht in die Krypta kirchlicher Verbrechen gefallen: Demnach sollen sich von 1946 bis 2014 mindestens 1670 Geistliche an Schutzbefohlenen vergangen haben, als Dunkelziffer der Opfer steht eine 100.000 im Raum.

Die Bischöfe sprechen von Trauer, Scham und einem "großen Versagen der Kirche". Ihre Blockade bei der Öffnung entsprechender Akten - manche Bistümer hielten sich komplett bedeckt - spricht allerdings eine andere Sprache. Die Journalistin Christiane Florin, Expertin vom Deutschlandfunk, nennt diese Praxis "mauern". Die Kirche habe gemauert, mauere noch heute und werde weiter mauern.

Matthias Katsch vom Betroffenenverband "Eckiger Tisch" nennt die Maßnahmen der Kirche ein "Täterschutzprogramm". Und Stephan Ackermann, Bischof von Trier und seit acht Jahren der Missbrauchsbeauftragte seiner Kirche, schaut professionell bedröppelt drein. Warum es denn überhaupt so lange gedauert habe mit der Studie? Nun, "das gehört zu den geheimnisvollen Dingen".

Video zur Missbrauchsstudie: Ein unvollständiger Bericht

Schwung in den Laden kommt mit Claudia Mönius, die als elfjährige Ministrantin zum Opfer eines 50-jährigen Priesters wurde. Sie habe von diesem Mann "quasiväterliche Aufmerksamkeit empfangen" und erst später gemerkt, dass er "hochgradig gestört und pädophil" war. Sittenstrolch? Auf ihrer Unterwäsche hatte sie Hasen, und "Spatz sucht Häschen" sei das Lieblingsspiel des Gottesmannes gewesen: "Damit mal klar ist, worüber wir hier reden!"

Von der Kirche fordert die resolute Frau: "Ihr müsst dieses Kreuz auf euch nehmen und nicht nur mit scheinheiligem Getue!" Strafrechtlich belangt wurde ihr Peiniger nie, dafür ereilte ihn eine der "härtesten Strafen" des Kirchenrechts. Er durfte fortan keine öffentliche Messe mehr feiern.

Der Bischof räumt zerknittert ein, dass auch eine Entlassung aus dem Klerikerstand hätte drin sein müssen. Sandra Maischberger nickt mitfühlend und fügt hinzu, dass dem Mann vor einem weltlichen Gericht sechs Monate bis zehn Jahre Haft im Gefängnis geblüht hätten. Niedecken, der seinem "Sittenstrolch" inzwischen das überfällige Update zum "pädophilen Sadisten" spendiert hat, fragt höflich nach, warum denn die Kirche nicht einfach alle ihre Akten der Staatsanwaltschaft übergebe.

Diese Frage ist zentral, mit ihr wird Stephan Ackermann bestürmt. Die Antwort darauf gehört offenbar "zu den geheimnisvollen Dingen", die in einem Nebel aus Weihrauch verschwinden. Es sollten "keine Personalakten von Unbescholtenen durchgescannt werden", das sage er "auch als Dienstherr" und, sowieso, mit dem Blick auf den Datenschutz.

Ferner bedeute "Aufklärung" für ihn, "ein systemisches Problem" anzugehen. Die Staatsanwälte würden sich schön bedanken, wenn sie Akten aus 70 Jahren durchblättern müssten, puh, denn das sei viel Papier. Auch sei "ein Öffnen der Archive" nur mit Zustimmung der Betroffenen möglich, denen eine erneute Traumatisierung erspart bleiben müsse.

Matthias Katsch kontert trocken: "Sie können sich nicht auf die Meinung einer Elfjährigen verlassen, ob sie das nun zur Anzeige bringen oder nicht." Und Christian Florin bemängelt die vom Grundgesetz gedeckte Paralleljustiz einer von Schuld besessenen Institution, die nur für ihre eigene Schuld völlig blind sei.

Denkbar wäre laut Florin ein "parlamentarischer Untersuchungsausschuss", also das Erzwingen von umfangreichen Ermittlungen. Dazu müsse es aber einen politischen Willen zur Änderung von Gesetzen geben, wie er in vielen anderen Länder bereits zum Ausdruck gekommen sei.

Niedecken formuliert eine interessante Analogie: "Wenn ich meine Stasi-Unterlagen anfordere, dann bekomme ich die. Was ist denn mit meinen Peinigern? Kriege ich die auch?" Bischof Ackermann sagt sie ihm zu, aber gewiss, doch Florin schränkt ein: "Ob sie etwas über einen Schuldigen erfahren, hängt auch damit zusammen, welche Karriere der danach in der Kirche gemacht hat".

Womit wir beispielsweise beim Papst wären, der seinen entschiedenen Worten ("Null Toleranz") keine Entscheidungen hat folgen lassen, obwohl er Strafen für solche Taten längst ins Kirchenrecht hätte einschrieben lassen können. "Ich finde", ruft Claudia Mönius mit der Wut der noch immer Gläubigen, "ihr macht unsere Religion kaputt!"

Zu reparieren wäre diese Kirche durch eine Änderung ihrer Gesetze, meint Katsch. Beteiligung von Laien. Beteiligung von Frauen. Abschaffung des Zölibats. Schließlich sei "die Kombination aus Machtwillen und unterdrückter Sexualität" einerseits ihr größtes Problem, andererseits ein "konstitutives Element der katholischen Kirche".

Ein Wort in Gottes Ohr.

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