Ukraine-Talk bei Maischberger Kriegsgräuel und Spritpreisfrust

Krasse Themenkollision bei Maischberger: Ein Berater des ukrainischen Präsidenten berichtet von mutmaßlichen Vergewaltigungen durch russische Soldaten. Und der deutsche Finanzminister fühlt mit den hiesigen Autofahrern.

Wenn deutsche Talkshows Konflikte in anderen Ecken der Welt beleuchten, gerät die Diskussion oft zwangsweise in eine riskante Schräglage, weil der Horror im Ausland unbedingt auf Befindlichkeiten im Inland heruntergebrochen werden muss. So sehen es die Regeln der Publikumsbindung vor.

Doch das Leiden der anderen und unsere Zipperlein ergeben meist eine unheilige Melange. So war es auch bei »Maischbergers Woche«, der Kraut-und-Rüben-Abteilung des deutschen Talk-Betriebs, wo es in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag erst um Gerüchte über Vergewaltigungen von ukrainischen Frauen ging und im Anschluss um mögliche Tanksubventionen.

Was Selenskyjs Berater schildert

Die Berichte über die Vergewaltigungs-Gerüchte liefert Alexander Rodnyansky, ein junger, wortgewandter Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Er erzählt von einem mutmaßlichen Vorfall, der mit weiteren ihm zugetragenen Beobachtungen ein Muster bei der russischen Armee ergebe: Ein Zivilist in einem Vorort von Kiew sei von russischen Soldaten erschossen worden. Die Frau dieses Zivilisten habe man danach vergewaltigt, sie habe schließlich nackt mit ihrem Kind vom Ort dieses Kriegsverbrechens fliehen können.

Kommt es bei Operationen von Putins Truppen tatsächlich zu regelmäßigen oder gar systematischen Vergewaltigungen? Sandra Maischberger hakt sonderbarerweise nicht nach, und Rodnyansky, der exzellent Deutsch spricht, wählt in diesem Zusammenhang wohl sehr bewusst das Wort »Gerüchte«. Bewahrheiteten sich diese Gerüchte, müsste die Bundesregierung ihre Haltung zum Krieg in der Ukraine wohl zumindest überdenken. Aber Selenskyjs Berater ist nicht in die deutsche Talkbutze gekommen, um Unmögliches zu fordern, sondern Mögliches auszuloten.

Rodnyansky spricht wie sein Präsident; jeder Satz wird wie eine unverbrüchliche Wahrheit ausgerollt, zugleich pflegt er diesen eigentümlich saloppen Ton, bei dem Pathos und Pragmatismus zusammengehen. Er sagt: »Die Lage ist schlimm. Es ist ohne Ende Infrastruktur zerstört.« Er sagt aber auch: »Wir glauben alle in der Ukraine, dass wir den Krieg gewinnen.« Dabei beharrt er gar nicht auf Maximalforderungen an die Nato – jedoch: »Es muss eine mittlere Lösung zwischen Flugverbotszone und Gar-nichts-Machen geben.« Er hat dann auch gleich einen Vorschlag mitgebracht und fordert Luftabwehrwaffen.

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Denn über Verhandlungen mit der russischen Seite, da ist sich Rodnyansky sicher, wird sich der Krieg nicht beenden lassen. All die Gespräche, die es zwischen Russen und Ukrainern gab – er hält sie für reine Zeitverschwendung, die nur dem Feind in die Hände spielt.

Auf russischer Seite nur Trickserei

Er sagt es ganz offen: Die Westeuropäer seien anfällig für die angetäuschten Friedensverhandlungen der Russen, weil sie im Frieden aufgewachsen und pazifistisch gesinnt seien. Doch er als Ukrainer sehe auf russischer Seite nur Trickserei, die es dem Feind erlaube, unbemerkt Truppen nachzuziehen und neu aufzustellen. »Man muss sich klar darüber sein, dass dieses Regime ein Regime ist, das die militärische Lösung sucht.«

Dabei hat es Rodnyansky längst aufgegeben, vom Westen militärischen Beistand zu erhoffen. Ökonomisch sieht er aber offenbar noch Luft nach oben und fordert unumwunden strengere Sanktionen: »Die russische Kriegsmaschine wird durch den Verkauf von Gas und Erdöl vorangetrieben. Wenn es diesen Verkauf nicht mehr gibt, kommt die Maschine zum Stoppen.«

Sindeewa: »Hätten doch die Journalisten früher ihre Stimme erhoben«

Eine, die gerade aufgeben musste zu versuchen, diese Kriegsmaschine zu bremsen, ist die russische Medienunternehmerin Natalja Sindeewa: Sie betrieb bis vor wenigen Tagen den Sender Doschd, eine der letzten journalistischen Instanzen, die das russische Publikum an Putins Zensoren vorbei mit Informationen versorgte.

Durch das neue Mediengesetz ist jetzt Schluss mit der schon zuvor schwierigen Berichterstattung. Wer das Wort »Krieg« im Zusammenhang mit der Invasion der Ukraine benutzt, wird mit 15 Jahren Haft bestraft. Die Mannschaft von Doschd tat genau das vor knapp zwei Wochen in einer Livesendung: Sie nannte den Krieg Krieg. Es war der große Schlussakkord nach über einem Jahrzehnt kritischer Kreml-Berichterstattung. Dann gingen die Lichter aus, und die Mitarbeiter flohen ins Ausland.

Nun ist Sindeewa von einem geheimen Ort ins Maischberger-Studio zugeschaltet. Vor drei Wochen lief eine Dokumentation in der ARD über sie, da sah man ein Energiebündel, das jeden Einschüchterungsversuch des Kreml mit Wut und Witz konterte.

Bei Maischberger wirkt Sindeewa niedergeschlagen. Sie feiert den mutigen Einsatz ihrer Kollegin Marina Owsjannikowa, die am Montagabend während einer Nachrichten-Livesendung des staatlichen TV-Senders Kanal Eins mit einem Plakat gegen Putins Krieg protestierte . Aber sie kann in der anderen keine Vorbotin neuer kritischer Journalistinnen und Journalisten erkennen. Matt sagt Sindeewa: »Wir sehen einen Abfluss von Journalisten.« Und sie sagt auch: »Hätten doch die Journalisten früher ihre Stimme erhoben.«

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Christian Lindner, Mister Tankrabatt

Ob sich nicht vielleicht doch wieder Widerstand gegen Putins Propaganda rege, will Maischberger wissen. Sindeewa, diese eigentlich niemals um Worte und Taten verlegene Ikone der verschwindenden freien russischen Presse, seufzt nur: »Ich kann lediglich sagen, dass das russische Volk Geduld hat; es hat Ausdauer.« Womit diese Ausdauer belohnt werden könnte, bleibt danach offen, und Maischberger fragt nicht nach, weil sie gedanklich offenbar schon bei ihrem nächsten Gast ist: Christian Lindner, Mister Tankrabatt.

In der Talkshow soll er seine Strategien zur Entlastung der an den Zapfhähnen geschröpften deutschen Autofahrer erläutern. Maischberger stochert nun ein bisschen nach, was genau der Finanzminister zu tun gedenke. Lindner verteidigt seine Pläne, weil sie effizient und wirkungsvoll seien: »Ein Rabatt ist schneller als eine Steuer.« Dann geht es eine Zeit lang kiebig zwischen Gast und Moderatorin hin und her, auf dass Lindner vielleicht doch ein paar belastbarere Aussagen zur Tankmisere macht.

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Um nicht falsch verstanden zu werden: Solche Auseinandersetzungen sind notwendig. Denn die Unterstützung oder Nicht-Unterstützung der Deutschen für sinnvolle Sanktionen gegen den Kriegstreiber in Russland entscheidet sich nicht zuletzt an der Zapfsäule. Aber erst über Kriegsgräuel zu sprechen, um danach den Spritpreisfrust rauszulassen – das nimmt sich schlichtweg zynisch aus.