Sexismusdebatte bei Maischberger Pingpong mit Falschbeschuldigungen

Außer rhetorischen Fragen nix gewesen: Der Maischberger-Talk über "Sexuelle Nötigung" krallte sich an erfundenen Vergewaltigungen fest. Die Gäste hielten zum Glück dagegen.
Maischberger-Talk zu Sexismus

Maischberger-Talk zu Sexismus

Foto: WDR/Max Kohr

Es kann nicht anders sein: In der Maischberger-Redaktion boten sich in dieser Arbeitswoche so viele Eigentore an, dass die Kollegen sich wohl sagten: Ach komm - die machen wir alle rein. Schaffen wir! Lässig!

Erster Treffer der Titel: "Sexuelle Nötigung - Männer unter Generalverdacht?". Bevor Sandra Maischberger überhaupt Luft holte, um Guten Abend zu sagen, war damit schon unterstellt: Wer gegen Sexismus ist, hält Männer pauschal für Schweine. Und ja, die Frage, ob Männer überhaupt noch Komplimente machen dürften, fiel auch noch. Alles super fürs Rhetorische-Fragen-Bingo.

Aber für eine ganze Sendung etwas dünn.

Dabei wäre die Kombination aus #MeToo-Debatte und dem brillant auf der Kante balancierenden Spielfilm "Meine fremde Freundin" von Stefan Krohmer eine perfekte Vorlage für die anschließende Talkrunde am ARD-Themenabend "Sexuelle Nötigung, Lügen, Vorurteile" gewesen. In der Geschichte über eine Vergewaltigung, bei dem am Ende keiner weiß, welche Version stimmt, ist das angebliche Opfer als chronische Lügnerin angelegt. Perfekt, weil ein Nein nun einmal ein Nein bleibt, egal wie unsympathisch diese Frau ist. Ein "Risiko in Zeiten, da männliche Interessengruppen die Glaubwürdigkeit von aufbegehrenden Frauen zu unterwandern versuchen", unkte Spiegel-Online-Kollege Christian Buß schon vorher.

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ARD-Film: Sex und Vorurteil

Foto: NDR/ Sandra Hoever

Gäste schubsen die Debatte zurück auf Relevantes

Und bingo, tatsächlich gingen die ersten 20 Minuten für ein Pingpong über Falschbeschuldigungen drauf. Also just jene Fälle, die zahlenmäßig kaum eine Rolle spielen im Vergleich zu den etwa 90 bis 95 Prozent an Vergewaltigungen, die gar nicht erst angezeigt werden. Die Goldene Anti-Regel "Je mehr Worte man über etwas verliert, desto wichtiger wird es" hängt in der Redaktion offenbar nirgends auf dem Flur.

Und so oblag es den Gästen, die Unterhaltung, die sich beherzt von Falschbeschuldigungen zu Vergewaltigung und Alltagssexismus zog, auf Relevantes zurückzuschubsen: Hannes Jaenicke, einziger Mann der Runde, der den zotigen Vielleicht-Vergewaltiger ("Ein Arschloch") im Film spielt, wies auf die Diskrepanz zwischen angezeigten und nicht angezeigten Übergriffen hin. Und als nach einer halben Stunde der Name Kachelmann fiel, warf er ein: "Jetzt reden wir wieder über einen behaupteten Fall - ging es nicht gerade darum, wieso so wenige Anzeige erstatten?"

Schauspieler Hannes Jaenicke

Schauspieler Hannes Jaenicke

Foto: WDR/ Max Kohr

Sat.1-Moderatorin Marlene Lufen, die eine Doku über vergewaltigte Frauen gedreht hat, stellte dem Filmthema immer wieder zu Recht entgegen: Die Crux sei nun einmal, dass Opfern oft nicht geglaubt werde, nicht in der Familie, nicht beim Betriebsrat, nicht auf dem Polizeirevier, nicht vor Gericht.

Und Teresa Bücker, Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins "Edition F" plädierte dafür, dass nicht der "Mythos" hängen bleiben dürfe, Falschbeschuldigungen spielten bei sexualisierter Gewalt eine relevante Rolle, und betonte, dass es ebenfalls viele Übergriffe gegen Männer gebe. Überhaupt verlieht Bücker der Sendung mit ihrer klugen, handfesten Argumentation eine derartige Klarsicht, dass man sie am liebsten in jeder Sendung dabei hätte. Thema egal.

Teresa Bücker, Chefredakteurin von "Edition F"

Teresa Bücker, Chefredakteurin von "Edition F"

Foto: WDR/ Max Kohr

Daneben verschwand Anja Keinath geradezu, eine Lehrerin, die in ihrer ehemaligen Position als Frauenbeauftragte ihren Kollegen - Vorlage für Jaenickes Figur im Krohmer-Film - zuerst mit belastete, dann für seine Rehabilitierung sorgte.

Dass doch hin und wieder debattiert wurde, lag an Gisela Friedrichsen: Für die Ex-"Spiegel"-Gerichtsreporterin ist die Sexismusdebatte vor allem eine Generationenfrage, "man redet nicht ohne Grund von Altherrenwitzen", Frauen heute könnten sich wehren. Dass das wegen grundlegender struktureller Machtungleichheiten in der Praxis oft nicht möglich sei, wie die anderen dagegenhielten, überzeugte Friedrichsen nicht: "Ich bin der Debatte überdrüssig", sagte sie. Das Land habe andere Probleme mit dem, "was auf uns zukommt, mit Menschen, die unser Weltbild nicht teilen", formulierte sie, ohne das Wort "Flüchtlinge" in den Mund zu nehmen.

Hier grätschte Bücker wieder höflich dazwischen und sponn den Bogen zum Wesentlichen: Sexismus sei doch, bittschön, ein altes gesamtgesellschaftliches Problem, und gerade weil er oft so subtil sei, der ideale "Nährboden" dafür, dass sexualisierte Gewalt "toleriert" werde.

Chance vergeigt

Was die scheinbar so komplizierte Komplimentfrage angeht, hier ein Lehrbuch-Dialog: Männer, die darüber grübelten, so Bücker, hätten offenbar keine Ahnung, was ein Kompliment sei, und: Man müsse sich dabei ja nicht aufs Aussehen beschränken. Daraufhin Friedrichsen: "Ab einem gewissen Alter bekommt man Komplimente nur noch für die Leistung, das ist auch nicht so witzig."

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Kurz gelacht, aber: Die Sendung hat die Chance vergeigt, ernsthaft mit Männern und Frauen zu debattieren, wie sich dieser graue Alltagssexismus gemeinsam beenden ließe. Allein dass Bücker als "Feministin" angekündigt werden muss, als sei das ein Beruf, keine Selbstverständlichkeit, passt ins Bild an einem Abend mit Facepalm-Überschriften ("Generalverdacht?", "Lügen, Vorurteile").

Vielleicht ein Gradmesser: Erst wenn es unter dem Niveau des Öffentlich-Rechtlichen ist, wegen Quotenkram auf dumme Klischees zu setzen, ändert sich wirklich was. Erst wenn Frauen nicht nur bei vermeintlichen Frauenthemen in der Überzahl in Diskussionsrunden sitzen. Erst wenn auch Männer wie der Feministen-Plattform-Gründer Robert Franken  eingeladen sind.

Diesen Herbst dreht sich wohl noch nichts. Der kommende WDR-Talk von Bettina Böttinger ist angekündigt unter: "Flirten oder Grapschen: Wo fängt Sexismus an? ". Es scheint eine ernst gemeinte Frage zu sein.

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