Corona-Talk bei "Maischberger" Italienische Katastrophe oder südkoreanische Glimpflichkeit?

Streit war gestern, auch Sandra Maischberger fährt ein publikumsloses Sparprogramm, schaltet in den Service-Modus - und läuft zu großer Form auf.
Sandra Maischberger (Archivbild): "Wann wird es denn bedrohlich?" - "Jetzt ist es bedrohlich"

Sandra Maischberger (Archivbild): "Wann wird es denn bedrohlich?" - "Jetzt ist es bedrohlich"

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Zu den seltsamen Effekten einer existenziellen Erschütterung gehört, dass bei aller Verunsicherung manche Dinge plötzlich klarer sind. Journalismus beispielsweise. Jetzt sehen wir, wer's kann. Wer es nicht kann und daran auch kein Interesse hat, der kräht und krächzt weiter herum. Wer es aber kann, verbreitet keinen Bullshit, keine Panik. Der stellt die richtigen Fragen und sich gegebenenfalls auch selbst um, von Diskussion auf Service.

Exemplarisch konnte man das schon bei "hart aber fair" beobachten, endgültig lässt es sich nun bei "maischberger. die woche" feststellen. Unlängst noch war das Format eine bunte Illustrierte zum Gucken, mit meinungsstarkem Panel und Spaß am Krawall. Die Corona-Pandemie hat daraus eine Broschüre des Gesundheitsministeriums gemacht.

Natürlich kann, wer will, eine gewisse Entpolitisierung beklagen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist "als Wissenschaftler" gekommen, nicht als Parteimitglied - als Tribut an die ernste Lage hat er sogar auf die notorische Pfiffigkeitsfliege verzichtet. Möglich, dass Armin Laschet (CDU) an diesem Abend ein paar Kanzlerpunkte auf der Helmut-Schmidt-Skala des zupackenden Krisenmanagements machen wollte. Angemerkt hat man ihm nur die durchaus menschliche Besorgnis als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, dem am stärksten von Corona betroffenen Bundesland.

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Vielleicht ist einstweilen, neben weiten Teilen des öffentlichen Lebens, auch die ideologische Auseinandersetzung suspendiert.

Dazu gehört, dass eine Ausgangssperre nicht als "alternativlos" einfach verhängt wird. Wenn sie kommt, und kommen wird sie, dann wegen der Uneinsichtigkeit gewisser Teile der Bevölkerung. Man wird sehen, ob der Aufruf an die Mündigkeit genug mündige Bürgerinnen und Bürger gerade jüngerer Kohorten erreicht, die sich ungebrochen weiter in Gruppen verlustieren. "Wenn man die Ausgangssperre nicht will", so Laschet, solle man die Empfehlungen zum Zuhausebleiben beherzigen.

Was würde ein Lockdown bringen? Da sind sich die Experten nicht so sicher

"Ob das alles so wirksam" ist mit dem staatlichen Durchgreifen, da hat Laschet persönlich so seine Zweifel. Wir hätten "jetzt schon sechs, sieben Grundrechte außer Kraft gesetzt", und zwar "mal eben". Aber den Leuten "zu verbieten, ihre Wohnung zu verlassen"? Das sei schon eine "gravierende" Entscheidung.

Geklagt wird schnell, die Politik mache zu viel, zu wenig, zu spät. Laschet wirbt um Verständnis dafür, dass die Entscheidenden – anders als die Experten – allerhand zu berücksichtigen und ihre Entscheidungen am Ende gegenüber der Bevölkerung auch vernünftig zu begründen hätten. Ein Umstand, der die Demokratie von der Diktatur unterscheidet und nicht notwendigerweise ein Nachteil sein muss.

Auch für die Infektiologin Susanne Herold "ist nicht so richtig klar", ob eine Ausgangssperre wirklich helfen würde. Man müsse "sehen, wie die nächsten Tage verlaufen". Lauterbach sieht das "als Wissenschaftler" ähnlich, erhofft sich aber günstigenfalls für Deutschland eine Entwicklung irgendwo zwischen der italienischen Vollkatastrophe und der südkoreanischen Glimpflichkeit.

Persönlich schätzt er, von Haus aus Epidemiologe, die Dunkelziffer der Infizierten auf 70.000 Betroffene. Nichts Genaues weiß man nicht, auch nicht über Südkorea, wo die Zahlen neuerdings wieder leicht ansteigen.

Idee der Herdenimmunität ist zwar "spannend" aber auch "absolut gefährlich"

Uwe Janssens, Chefarzt einer Intensivstation in Eschweiler, berichtet sozusagen von der Front. Der Mediziner gibt sich abwartend zuversichtlich. Auch er habe "einen ganz klaren Zuwachs" an Infizierten gesehen in den letzten Wochen. "Im Moment" sei die Krise noch zu stemmen. Vermutlich hängt auch hier viel davon ab, wie die nächsten Tage verlaufen.

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Von der Herdenimmunität, wie sie anfänglich im Vereinigten Königreich und teilweise auch in den Niederlanden angestrebt wird, hält in der Runde niemand etwas. Im Gegenteil. Janssens findet die "spannende Idee" leider "absolut gefährlich", Lauterbach und Herold schätzen sie als "komplett unrealistisch" ein – zumal auch Jüngere schwere Symptome zeigen könnten.

Gesetzt, die Kurve würde sich abflachen, will Maischberger wissen: "Wie kommt man denn wieder zurück?" Darüber denke er, Laschet, viel nach. Was bedeutet, dass er es noch nicht weiß. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gilt es offenbar Wichtigeres zu bedenken, beispielsweise den Effekt der Erschütterung auf die Wirtschaft.

"Wann wird es denn bedrohlich?", will Maischberger wissen. "Jetzt ist es bedrohlich", sagt Laschet, Bund und Länder würden "einen riesigen Rettungsschirm spannen" müssen, "größer als bei der Weltfinanzkrise". Die habe "nur" Banken gefährdet. Diesmal treffe es alle, Industrie, Handel, Dienstleistungen und den Freiberufler.

Das Geld ist da - jetzt muss es dahin, wo es gebraucht wird

Das sieht auch Markus Gürne, Leiter der ARD-Börsenredaktion, ganz genauso. Es habe ein "externer Schock" ungeahnten Ausmaßes die Wirtschaft getroffen, und "die Wirtschaft sind wir alle". Wir würden es mit astronomischen Summen zu tun bekommen. Die bisher annoncierten 500 Milliarden Euro würden nicht ausreichen.

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Als extremes Mittel verweist Gürne auf das "Helikoptergeld" wie in den USA, wo "jeder" einen Scheck erhalte, um die Miete zu bezahlen und über die Runden kommen zu können. In Deutschland käme uns nun zugute, worüber jahrelang gestritten wurde – die "schwarze Null". Der Staat müsse nicht nur einspringen, "um die Leute flüssig zu halten". Er sei dazu auch in der Lage.

Der Umstand, dass plötzlich Börse und Wirtschaft nach dem starken Staat und staatlichem Schutz eines Gesundheitssystems rufen, das seit Jahren auf Betreiben von Börse und Wirtschaft kaputtgespart wird, ruft allgemeine Erheiterung hervor. Aber nein, Sozialisten sitzen hier nicht beisammen.

Maischberger stellt fest, dass der Abend auf einer vorsichtig optimistischen Note endet – auch wenn das "sicher nicht die letzte Runde zu diesem Thema" gewesen sei.

Fast könne man sagen "Wir schaffen das!", meint Maischberger, wäre diese Wendung nicht so "verbrannt".

Ist sie das?

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