"Maischberger" zur GroKo-Krise Talkrunde mit vertauschten Rollen

Vielfach heißt es derzeit, die Regierung sei am Ende. Zum "Maischberger"-Talk schickten CDU und SPD nun Politiker, die sich freundlichst die Bälle zuschoben. Dafür beharkten sich die beiden eingeladenen Journalisten.
"Maischberger"-Talk über die Krise der SPD

"Maischberger"-Talk über die Krise der SPD

Foto: Wolfgang Borrs/ WDR

Manchmal klaffen die Wahrnehmungen dann doch erstaunlich weit auseinander. Den Spätnachrichten in ARD und ZDF zufolge gibt es gerade nichts Brisantes über die GroKo zu berichten. Regierungskrise? Wo noch mal? Kein Wort, nirgends. Derweil ist der Drops auf den Titelseiten längst schon gelutscht ("Lieber ein Ende mit Schrecken", "Die Koalition wankt" etc. pp.), und Sandra Maischberger inszenierte die Chose als Showdown: "SPD am Boden, CDU unter Druck: Ist die Regierung am Ende?"

Doch CDU, SPD und die Grünen schickten drei in die Runde, die bekannt sind für: Mäßigung, Runterkochen, bitte stets konziliant. Und in der Tat: Weder CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus noch Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Stephan Weil oder Ex-Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt zündelten. Brinkhaus und Weil schoben sich freundlich die Bälle zu, lobten einander, dass die Regierung überhaupt zustande kam. Göring-Eckardt hielt inhaltlich deutlich, aber freundlich dagegen.

Die Krawallmacher kamen von der anderen Seite: Da saßen die Politikjournalisten Hans-Ulrich Jörges vom "Stern" und SPIEGEL-Autor Jan Fleischhauer.

Klären wir doch erst einmal die Kernfragen. Nummer eins: Hält die GroKo?

Ralph Brinkhaus ist sich ganz sicher: "Wir sind gewählt auf vier Jahre, wir sollten Ruhe bewahren." Stephan Weil klang ein My zurückhaltender. Für ihn hängt es a) an der Halbzeitbilanz, die die SPD in den Koalitionsvertrag geschrieben hat, um zu entscheiden, ob die GroKo "leistungsfähig" ist oder nicht: "Da habe ich keinen Zweifel." Und b) am Klimaschutzgesetz, das zum Herbst vorliegen soll.

Vom Beobachterposten aus erklärt Jörges: "Wer keinen grünen Kanzler haben will, muss die Regierung auflösen", sieht aber, dass der CDU bange sei vor Neuwahlen. "Die ist deswegen gerade ganz zärtlich zur SPD."

Und was ist mit den Chefposten?

"Ich bin heilfroh, dass wir der Versuchung widerstanden haben, sofort das nächste Kaninchen aus dem Hut zu zaubern", sagte Stephan Weil über die "Chaoswoche" nach Andrea Nahles' Doppelrücktritt. Ach, Sie meinen Kramp-Karrenbauer? "Ja, sie ist die Kanzlerkandidatin", so Brinkhaus. "Wir versuchen nachzujustieren, ohne alles infrage zu stellen", sagt er und plädiert dafür, ihr Zeit zu lassen: "Nach fünf Monaten ein Urteil zu fällen, ist zu früh", man sei schließlich nicht beim HSV. "Wir stellen unser Personal nicht infrage." - "Ah, dann habe ich das alles falsch verstanden", sagte Maischberger.

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Und, wer macht's bei der SPD?

Das Orakel des Abends kam von Hans-Ulrich Jörges: "Es würde mich nicht überraschen, wenn Sie mit einer anderen Person zusammen in einer Doppelspitze führen werden." Damit meinte er Weil. Der nur wiederholte, was er seit Tagen sagt: Nö. Und dass es ohnehin nicht ratsam sei, als Politiker irgendetwas Definitives auf "Schließen Sie aus..." zu antworten. Die Hintergrundbebilderung im Studio zeigte jedenfalls Kevin Kühnert, Katarina Barley, Sigmar Gabriel und Manuela Schwesig. Warum auch immer.

Da das nun geklärt ist: Wurde auch über Inhalte gesprochen?

Diese Frage könnte glatt von Stephan Weil sein. Dreimal monierte er, allerdings mit Blick auf seine SPD, dass Personaldebatten "das Grundproblem der vergangenen Jahre" gewesen seien. Man hätte stattdessen über Inhalte reden sollen. Nach einer Dreiviertelstunde war's in der Runde soweit, es ging vor allem um Klimaschutzpolitik, aber mehr als Stichwort denn konkret. Immerhin: Irgendwie einig waren sich die drei Politiker in der Runde, dass Wirtschaft, Umwelt und Arbeit zusammengedacht werden müssten. Nur die Interpretation von Klimapolitik variiert noch: "Wir haben das Pariser Klimaprotokoll vorangetrieben", so Brinkhaus. "Ja, aber nichts umgesetzt", entgegnete Göring-Eckardt.

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Also, was war denn nun mit Fleischhauer und Jörges?

Es wirkte wie eine Talkrunde mit vertauschten Rollen: Die Journalisten beharkten sich, die Politiker schauten ihnen befremdet dabei zu. Etwa als Fleischhauer monierte, die Klimaschutz-Parolen der Bürger seien nur Lippenbekenntnisse: "Ändert sich der Fleischkonsum, das Fliegen? Nein." - "Das stellen Sie nicht fest, weil Sie es selbst nicht tun. Sie sind ein Vertreter der alten Verhältnisse" - "Vor der Sendung haben wir uns noch geduzt!" An einer Stelle (es ging um Kramp-Karrenbauers Nicht-Entschuldigung nach ihrem homophoben, nun ja, "Witz") unterbrach sogar der CDU-Fraktionsvorsitzende sanft: "Herr Fleischhauer..." und schüttelte den Kopf.

Selig sind die, die Popcorn im Hause haben.

GroKo bleibt, Kramp-Karrenbauer auch, SPD sortiert sich. Ändert sich doch was?

Auch wenn Jörges "kein ausgeprägtes Mitleid" mit Nahles hat, das "Sorry" einiger SPD-Mitglieder hinterher nach Heuchelei klang und andere ihr Aus für normal brutal halten, wirkte es ganz so, als hätten mittlerweile viele genug vom Umgangston. "Es gab zu viele Kommentare über ihr Wie-Sein, nicht über das Was", analysierte Göring-Eckardt. Vor allem: Dass da zwei Politiker - sprich: nicht Politikerinnen - sitzen, die über das Emotionale in ihrem Gewerbe sprechen, hätte man vor einem Jahr auch kaum gedacht.

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Brinkhaus sagte: "Wer sagt, so etwas mache ihm nichts aus, lügt. Wir sollten kein Mimimi machen, aber vielleicht sollte man im Hinterkopf haben, dass wir Menschen sind - und menschlich reagieren." Oder wie Weil es sagte: "Es gibt kein Naturgesetz, dass Politik ein schmutziges Geschäft sein muss." Amen.

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