"Maischberger" zum SPD-Beben Wofür steht Schulz?

Nachlese des SPD-Bebens in der "Maischberger"-Runde: Kann diese Partei überhaupt noch sozialdemokratische Politik? Und wie finden es die Wähler eigentlich, dass Martin Schulz Flüchtlinge mit Gold vergleicht?

WDR/ Max Kohr

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Ob Martin Schulz als Kanzlerkandidat etwas taugt - wer will das heute beurteilen können? Ein Verdienst aber ist ihm sicher: Sein Erscheinen auf der Bildfläche hat verhindert, dass am Mittwochabend schon wieder im deutschen Fernsehen darüber lamentiert wurde, wie auf den Hund gekommen unsere innere Sicherheit ist. "Polizisten - Prügelknaben der Nation?" war als Thema bei Sandra Maischberger angesetzt. "Sie sind miserabel bezahlt, müssen ohne Ende Überstunden machen, stehen oft am Pranger und werden respektlos behandelt. Und das, obwohl sie für unsere Sicherheit verantwortlich sind", hieß es am Mittwochmittag noch in der Sendungsankündigung.

Gleich drei Ordnungshüter hätten klagen, fordern und den Untergang der Nation beschwören dürfen, zuvorderst hätte Dauertalkgast und Polizeigewerkschaftschef Rainer Wendt, sein neues Buch hat den charmanten Titel "Deutschland in Gefahr", den Teufel an die Wand gemalt. Geknechtete Polizisten, Deutschland total unsicher, Deutschland am Abgrund, Deutschland am Ende, Deutschland schafft sich ab - dann aber kam der neue SPD-Kanzlerkandidat und Maischberger änderte das Thema der Sendung. Dafür schon heute: Danke, Martin Schulz!

Zunächst ging es aber natürlich um Sigmar Gabriel und seine eigenwillige Manier, für seine Absage nochmal das "Stern"-Titelbild zu besteigen. "Stern"-Redakteur Hans-Ulrich Jörges verriet die knusprigen Details der "hochkomplizierten Operation unseres Chefredakteurs": Seit Monaten habe das Wochenmagazin mit dem Ex-in-spe-Kanzlerkandidaten um die richtige Fassung des Interviews gerungen. Ursprünglich habe Gabriel im "Stern" nämlich seine Kanzlerkandidatur verkünden wollen. In einer Interviewfassung vom November sei es dann schon "in die andere Richtung" gegangen, erst am Montagmorgen um 4:30 Uhr habe Gabriel dann die letzte Fassung freigegeben.

Kurzum: Die Story offenbarte, wie der SPD-Machtmensch seit Wochen und Monaten an einem ihm gebührend großartigen Medienauftritt herumfeilte. Nach dem Motto: Wenn ich schon nicht populär bin, dann will ich wenigstens im Abgang ordentlich beklatscht und beraunt werden.

Alle seien "so froh, dass er's nicht macht"

Und vielleicht liegt darin ja auch der Grund für die mangelnde Popularität, die sich - wie Jörges auch verriet - Gabriel in gleich zwei Umfragen hat attestieren lassen. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm so gar nicht, doch das Charisma fehlt, welches das Publikum mit der eitlen Pose versöhnt.

Kronzeugin für diese Unpopularität ist Susanne Neumann, die seit etwa einer Dekade sehr authentisch in Talkshows die "berühmteste Putzfrau Deutschlands" mit SPD-Mitgliedschaft gibt und die Genossen immer wieder an ihre sozialpolitischen Versäumnisse und Schandtaten erinnert. Maischberger spielte einen Dialog zwischen Neumann und Gabriel ein, der inzwischen ein Klassiker ist: Warum sie eine Partei wählen solle, die ihr das eingebrockt habe, fragt die Reinigungskraft auf einer SPD-Tagung im Mai 2016 mit Blick auf befristete Arbeitsverträge und Leiharbeit. Gabriel erklärt, dass die SPD das alles längst eingesehen hätte und zurückdrehen wolle. "Wir wollten das ja ändern - aber die Schwatten machen das nicht mit", antwortet er in der ihm eigenen ranschmeißerischen Lockerheit - schließlich spricht er ja mit Genossin Putzfrau aus dem Pott. Neumann konterte: "Warum bleibt ihr dann bei den Schwatten?"

Gabriel sei "einer der unpopulärsten Spitzenpolitiker", erklärte dann Linken-Chefin Sahra Wagenknecht, alle seien "so froh" gewesen, "dass er's nicht macht". Nun, er hat's wohl eingesehen, dafür gebührt ihm Respekt - auch wenn er Susanne Neumann mit seiner Vorab-Medieninszenierung um ihren Berlin-Besuch gebracht hat - sie wollte doch im Willy-Brandt-Haus der Kandidatenkür beiwohnen. "Ich bin froh, dass ich nicht in meiner ersten Wut einen Pressevertreter am Rohr hatte", sagte sie bei Maischberger.

Wofür steht Schulz eigentlich?

Nachdem die "Therapeutenrunde" (CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer) zum Gabriel-Abgang vorbei war, stritten die Gäste darüber, wofür Martin Schulz nun eigentlich steht. Als EU-Politiker jedenfalls für das Falsche - darin waren sich die Linke Wagenknecht und CSU-Mann Scheuer einig, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen. Wagenknecht warf Schulz vor, gemeinsam mit Jean-Claude Juncker Griechenland in die Armut gestürzt zu haben und der "abgehobenen Lobbykratie" in Brüssel nichts entgegengesetzt zu haben. Scheuer wiederum geißelte Schulz dafür, dass er "kleine Sparer" in Deutschland für Griechenlands Schulden habe haften lassen. "Stern"-Mann Jörges hielt dagegen: Er sei gegenüber der EU-Kommission immer hart aufgetreten und habe sich immer "auch kritisch mit den Verhältnissen auseinandergesetzt", was ihm große Glaubwürdigkeit beschert habe.

Dass er bei den Wählern - zumindest in der ersten Aufwallung - gut ankommt, ist wohl nicht zu bestreiten: Laut einer Umfrage der ARD käme Schulz bei einer Direktwahl auf 41 Prozent, damit liegt er gleichauf mit Angela Merkel. Man stritt sich ein wenig darüber, wie der Neue diese guten Werte wohl verstetigen könne. Bloß mit seinem rheinischen Charisma? Oder muss er soziale Fragen anpacken, wie SPD-Frau Neumann und Wagenknecht forderten?

Aber geht Sozialdemokratie überhaupt noch im Zeitalter der Globalisierung? "Welt"-Journalist Dirk Schümer erinnerte daran, wie Schulz selbst einmal ein wenig fatalistisch festgehalten haben, dass zwar Geld da sei, um die Banken zu stützen, aber nicht um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. "Ehrliche Haut eben", könnte man da als Pluspunkt festhalten - aber Wagenknecht hielt dagegen: Politiker, die behaupten, sozialdemokratische Verheißungen seien heute nicht mehr erfüllbar, seien bloß "zu feige, sich mit den wirklich Mächtigen anzulegen".

"Das Sicherheitsthema ist auch ganz ganz wichtig für ihn"

Malu Dreyer, SPD-Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, führte vor, wie sozialdemokratischer Politjargon im Zeitalter der Globalisierung geht: "Wir werden trotzdem die Partei bleiben, die Zukunftspolitik macht", erklärte sie, "die die Herausforderungen der Zukunft annimmt."

Ganz am Ende kam noch die Frage, ob Schulz es womöglich schaffen könnte, die AfD kleinzuhalten. Gelegenheit für Wagenknecht, einmal mehr die AfD-Wählerversteherin zu geben: Man dürfe nicht zusehen, wie Menschen "aus Verzweiflung solche Parteien" wählen, wo sie sich doch bloß "von den herrschenden Parteien im Stich gelassen fühlen". Und wenn diese im Stich gelassenen Leute dann finden, dass die Ausländer uns die Arbeitsplätze wegnehmen, dann ist dafür auch im Grunde die Schröder-SPD schuld - die hat die Menschen nämlich mit der Agenda 2010 in einen zunehmend irregulären Arbeitsmarkt getrieben - und daher haben diese Verzweifelten nun "verständliche Angst, dass sie noch mehr Konkurrenz bekommen". Ausländer raus - aus Verzweiflung, wider Willen sozusagen.

Und was kann Martin Schulz da machen? Auf einer Rede im Juni vergangenen Jahres habe Schulz ja gesagt, dass die Flüchtlinge "wertvoller als Gold" seien, erinnerte Maischberger. SPD-Frau Dreyer beeilte sich zu versichern, dass Schulz zwar immer für einen "humanen Umgang" mit Flüchtlingen und für ein "offenes Europa" ist aber: "Das Sicherheitsthema ist auch ganz ganz wichtig für ihn." Bestimmt bekommen wir den Maischberger-Polizeitalk also demnächst nachgereicht.

Was Schulz in seiner Rede über die Flüchtlinge tatsächlich gesagt hat: "Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold. Es ist der unbeirrbare Glaube an den Traum von Europa. Ein Traum, der uns irgendwann verloren gegangen ist."



insgesamt 76 Beiträge
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dannyandy 26.01.2017
1. Auf jeden Fall Martin Schulz.....
Die Personaldecke bei der SPD ist seit Jahren nicht sehr üppig bzw. kanzlerverdächtig! Die eigentlich angesagten Frauen in der Partei halten sich wohlweislich zurück und bleiben in der jeweiligen Landespolitik, um nicht bundespolitisch unnütz verheizt zu werden! Martin Schulz ist eindeutig der populärste SPDler, der in der Kanzlerfrage wenigstens annähernd mit Merkel mithalten kann! Trotzdem hat er ein Handicap: RotRotGrün ist bundespolitisch noch in weiter Ferne! Und woher soll Schulz eine Mehrheit nehmen, mit einer um die 20 % dümpelnden SPD?
adieu2000 26.01.2017
2. Hurra Schulz!
Kernige Worte und es geht endlich Aufwärts mit der SPD, jetzt jubeln alle die den Traum von einer gerechten SPD noch immer nachhängen. Warum sollen sie jetzt auf das Wahlvolk hören?
Joshua 26.01.2017
3. Wind of Change
Herr Schulz steht für noch mehr Europa, noch weniger Deutschland, noch mehr Enteignung deutscher Kleinsparer, noch weniger soziale Gerechtigkeit, noch mehr sogenannte Flüchtlinge, noch weniger Geld für Schulen, Schwimmbäder, Kultureinrichtungen, noch mehr und höhere Steuern, noch weniger sozialer Frieden, noch mehr Sicherheit für Spitzenpolitiker in ihren gepanzerten Fahrzeugen, noch weniger Sicherheit für Normalbürger auf den Straßen und in Parks, noch mehr Terroranschläge, noch weniger Vertrauen der Bürger in die Politik. Herr Schulz, herzlich willkommen in der deutschen Spitzenpolitik.
paulpuma 26.01.2017
4. Geht Sozialdemokratie überhaupt noch?
Gewiß! Man schaue nach Österreich, nach Skandinavien, nach Osteuropa. Überall gibt es politische Bewegungen, die die berechtigten Forderungen der Arbeiter und Angestellten, der weniger Bemittelten und Armen vertreten, die für Demokratie und Meinungsfreiheit streiten und dabei auch die Interessen des Landes im Auge behalten. Eine solche Partei wird dringend gebraucht. - Unsere SPD ist davon leider weit entfernt. Man schaue sich an, wie Gabriel für TTIP stritt und wie brutal dieser Schultze TTIP durchs EU-Parlament boxte....
nestor01 26.01.2017
5. Wofür steht Schulz?
Schulz steht dafür, einem undemokratisch gewählten Parlament eine Scheinlegitimation zu verschaffen. Stichwort: Degressiv-proportionale Repräsentation
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