Sat.1-Kuppelshow "Schwer verliebt" Hauptsache, es wabbelt

Sat.1 setzt auf Demütigungs-TV fürs breite Publikum: Mit der Kuppelsendung "Schwer verliebt" möchte der Sender etwas von den "Bauer sucht Frau"-Quoten abhaben und inszeniert normale Menschen als Freaks. Das ist ebenso peinlich wie verlogen. Abschalten, bitte!

"Für mein Dickerchen eine nette Frau": Britt Hagedorn mit "Schwer verliebt"-Kandidaten
SAT.1

"Für mein Dickerchen eine nette Frau": Britt Hagedorn mit "Schwer verliebt"-Kandidaten

Von Daniela Zinser


Für diese Show würde man die Verantwortlichen gerne nachsitzen lassen. Tausendmal müssten sie in einem muffigen Raum den Satz schreiben: "Ich darf so nicht mit Menschen umgehen." Raus dürften sie erst wieder, wenn sie geloben, jeglichem Kuppel- und Demütigungsfernsehen für immer abzuschwören. Denn "Schwer verliebt" ist schlicht entwürdigend.

Mit der Sendung will Sat.1 gerne ein bisschen was von den tollen Quoten - im Schnitt acht Millionen Zuschauer - abhaben, die RTL mit " Bauer sucht Frau" einfährt. Nach " Gräfin gesucht" hat sich der Sender deshalb was für ein breiteres Publikum ausgedacht: Verkuppelt werden sollen Mollige. Menschen "mit Herz und Hüftgold", die "wegen ihrer Pölsterchen nicht über ihren Schatten springen", wie es Moderatorin Britt Hagedorn (" Deutschland wird schwanger") formuliert.

Das ist schon mal verlogen. Denn die 14 Kandidaten, die am Sonntagabend in der Auftaktsendung vorgestellt wurden, haben keineswegs alle Gewichtsprobleme. Ein paar der elf Männer und drei Frauen sind dick. Ja, ein paar haben komische Hobbys, sind nicht gerade die geborenen Redner. Und einige sind offensichtlich mit dem Fernsehauftritt überfordert. Sie sind Ende 20 bis Mitte 70, sind Busfahrer, Künstlerin, Versicherungskaufmann, Rentner, Zeitungszusteller. Sie sind allein, sie hätten gerne jemanden neben sich, und sie essen. Es sind ganz normale Menschen, die zu Freaks gemacht werden.

Sauberkeit, Ehrlichkeit, Freundlichkeit

"Der fröhliche Flötenspieler", "der einsame Kirchgänger mit Schnappatmung", "der treue Trödelfreund", "der ehrenamtliche Gassigeher", "die romantische Regalservicekraft" - jeder bekommt ein noch so bescheuertes Etikett aufgeklebt und wird in dazu passender Umgebung völlig absurd inszeniert. Wer einen Bauch hat, wird in die Badewanne gelegt, muss joggen, "Ich bin der Märchenprinz"-singend mit den Hüften wackeln oder per Bauchklatscher ins Schwimmbadbecken springen; Hauptsache, es wabbelt. Dazu singt Udo Jürgens "Aber bitte mit Sahne".

Wer leider irgendwie nicht mollig genug ist, muss endlos Evergreens auf dem Akkordeon vorspielen, die Sammlung von 160 Barbiepuppen vorstellen und einige davon ausdauernd kämmen. Oder hingebungsvoll die Wohnung putzen, die natürlich nie für Wohnzeitschriften abgelichtet werden würde. Und unbedingt wird gegessen. Einsam mit dem Riesenglas Nutella auf dem Bett, im Dönerladen, mit Mama und Papa und Buletten am Esstisch - und auf jeden Fall mit Nachtisch, auch wenn Britt brutal bemerkt: "Grüne Götterspeise stillt den Liebeshunger nicht."

Wenig hilfreich sind auch die Eltern, die ihre Kinder anpreisen, sich "für mein Dickerchen eine nette Frau und nette Enkelchen für mich" wünschen oder trocken bemerken: "Auf jeden Topf passt ein Deckel, wenn der Topf auch noch so alt ist." Die Eltern gehören dazu, weil die Kandidaten meist noch bei ihnen leben: in "einem schönen Einfamilienhaus" oder einem stillgelegten Bauernhof, wo noch genug Platz ist für die große Liebe und viel Nachwuchs.

Vorgeführt beim Erdbeertörtchen-Plausch

Im Grunde ist "Schwer verliebt" nämlich eine Immobilienshow. Deutlich wird darauf hingewiesen, dass dieser und jener im Besitz einer Eigentumswohnung, eines kleinen Häuschens oder zumindest eines VW-Busses ist. Damit ist auch das Liebesideal der Sendung ganz gut umrissen: Haus, Auto, volles Haar und was zum Ankuscheln müssen sein. Oft kommt dann auch noch Sauberkeit, Ehrlichkeit und Freundlichkeit dazu. Da kann doch nichts mehr schiefgehen, findet Britt. Bei der stimmt das mit der Sauberkeit und Freundlichkeit schon mal, auch volles blondes Haar hat sie und Auto samt Haus bestimmt auch. Aber leider gibt es Abzug bei der Ehrlichkeit.

Ihr ständiges "Oh, toll, das ist ja schön" wirkt verlogen. Weil Britt Hagedorn im neunten Monat schwanger ist, gibt sie schon mal vor, alles nach- und mitfühlen zu können, was ihre "Pfundskerle und -frauen" beim Erdbeertörtchen-Plausch auf der Parkbank so bewegt. Da gönnt man ihr doch, dass auf ihrem Moderatorenkärtchen Sätze stehen wie dieser: "Bei süßen Pfannkuchen möchte ich mehr über den sanften Harzer erfahren." Der sanfte Harzer sucht einen Mann und muss nebenbei noch seinem Vater öffentlich gestehen, dass er schwul ist. Dazu läuft "YMCA".

Wer nicht mit Charme oder Witz kontern kann, wie Mariam, 47, aus dem Wendland, die scherzt, sie wolle aber keinen wie die Schrottplatzbrüder, die Ludolfs, auch wenn sie selbst so aussehe, der wird gnadenlos vorgeführt. Besonders bei einem Kandidaten, dessen Frau vor fünf Jahren starb, macht das einfach nur wütend. Seine Traurigkeit wird lächerlich gemacht.

Gerade der Umgang mit den Kandidaten unterscheidet "Schwer verliebt" etwa von "Nur die Liebe zählt", auf dessen Sendezeit die acht weiteren Folgen im Herbst laufen sollen. Bis dahin können sich alle melden, die einen der 14 "Pfundskandidaten" kennenlernen möchten. Je zwei Bewerber werden ausgewählt, und davon darf sich jeder Kandidat wiederum einen aussuchen, mit dem er eine Woche Alltag spielen darf. Beim österreichischen Sender ATV lief die Show schon erfolgreich.

Den deutschen Kandidaten kann man nur raten: Sperrt jeden von Sat.1, den ihr erwischen könnt, in euer Einfamilienhaus, und lasst sie erst wieder raus, wenn sie versprechen, nie mehr so mit Menschen umzugehen.



insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
Michael Giertz, 04.07.2011
1. Abschalten bitte
Zitat von sysopSat.1 setzt auf Demütigungs-TV fürs breite Publikum: Mit der Kuppelsendung "Schwer verliebt" möchte*der Sender*etwas von den "Bauer sucht Frau"-Quoten abhaben und inszeniert normale Menschen als Freaks. Das ist ebenso peinlich wie verlogen. Abschalten, bitte! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,772104,00.html
Wieso eigentlich nur "Schwer verliebt"? Wieso nicht auch andere "Vorführshows"? Ob es nun "Mitten im Leben" ist oder "Frauentausch", "Schwiegertochter gesucht" usw - das sind alles "Vorführshows", in welchen meistens etwas wohlbeleibtere, dem Schönheitsideal möglichst weit entfernte, mäßig gebildete Menschen - ja nun eben vorgeführt werden. Für eine Handvoll Euro und 15 Minuten zweifelhaften Ruhms sind Menschen bereit, sich völlig vor der Kamera zum Affen zu machen! Eigentlich sind diese Shows ein Fall für eine Klage vor dem Menschenrechtshof: hier werden Menschen erniedrigt, deren Würde in sehr peinlicher Weise in Frage gestellt. So recht freiwillig geschieht dies wohl auch nicht - wer das Geld wirklich braucht, hat wenig Optionen. Kurzum: Abschalten bitte. Aber nicht nur "Schwer verliebt", sondern alle Vorführshows des so genannten "Reality TV". Danke.
blaudistel 04.07.2011
2. So dämlich wie die Sendung ist
so dämlich ist der Artikel. Wenn Sie den Anblick von Dicken nicht ertragen können dann haben SIE ein Problem. Und diskriminierend ist es allemal. Sollen alle Menschen Victoria-Beckham-Maße haben? Dürgen sie sich dann zur Schau stellen? Noch ist es nicht so weit dass sich die Dickerchen verstecken müssen, wenn sie Ihnen nicht gefallen gucken sie nicht hin. Ich gucke mir generell solche Sendungen nicht an - ob dick, oder dürr - aber niemand wird gezwungen bei diesen Sendungen mitzumachen. Es ist deren ureigendste Entscheidung. Sie sind volljährig. Über die Dicken mache ich mir keine Gedanken, deren Problem sind allenfalls die Überkilos. Über Ihre Ansicht mache ich mir schon Gedanken - DIE ist das das Problem.
janne2109 04.07.2011
3. warum sollten wir
Den deutschen Kandidaten kann man nur raten: Sperrt jeden von Sat.1, den ihr erwischen könnt, in euer Einfamilienhaus und lasst sie erst wieder raus, wenn sie versprechen, nie mehr so mit Menschen umzugehen. Sorry - aber es ist jeder selbst Schuld wenn er in diesem Format mit macht, alles für die 15 min. Berühmtheit??
Chance, 04.07.2011
4. Zielgruppe?
So lange noch kein Zwang herrscht in der Sendung mit zu machen und, im Gegenteil, mündige Bürger zur modernen Selbskasteiung Schlange stehen - meinetwegen. Viel irritierender finde ich, dass es für den Mist anscheinend eine Zielgruppe gibt.
dunham 04.07.2011
5. Platt Eins
Zitat von sysopSat.1 setzt auf Demütigungs-TV fürs breite Publikum: Mit der Kuppelsendung "Schwer verliebt" möchte*der Sender*etwas von den "Bauer sucht Frau"-Quoten abhaben und inszeniert normale Menschen als Freaks. Das ist ebenso peinlich wie verlogen. Abschalten, bitte! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,772104,00.html
Lese immer amüsiert bei SPON, was auf den "Privaten" so läuft. Aufregung über Demütigung? Das ist das Konzept deutscher Kommerzsender. Das war so und wird weiterhin so sein. Wenn Sie Qualität suchen, schauen Sie nicht bei Sat 1 und Co vorbei.
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