Sat.1-Politshow "Eins gegen Eins" Stammeln im Spielhallenstudio

Mag ja eine tolle Idee sein, dass im Privatfernsehen mal eine politische Sendung läuft. Doch offenbar hat man sich bei Sat.1 gedacht, dass das Programm nur von Trotteln gesehen wird. So kommt es bei "Eins gegen Eins" zu Erstaunlichem: Man sehnt sich nach Frank Plasberg.
"Eins gegen Eins"-Moderator Claus Strunz: Wie lange noch? Was tue ich hier?

"Eins gegen Eins"-Moderator Claus Strunz: Wie lange noch? Was tue ich hier?

Foto: Sat.1

Ach, wenn die Welt doch so einfach wäre, irgendwie wär's schon schön. Nicht mehr dieses ewige Sowohl-als-auch, kein langatmiges Für und kein ermüdendes Wider, nein: nur klare Positionen. Klare Entscheidungen. Ja oder nein. Hat doch Jesus schon gesagt, bei Matthäus im fünften Kapitel: "Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel."

Nun steht Matthäus leider seit Neuestem unter Fälschungsverdacht, und statt Jesus spricht Claus Strunz zu uns, er ist Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts" und sagt "Ich bin Journalist aus Leidenschaft" und "So haben Sie Talk noch nie erlebt!", aber auch voll jesusmäßig: "Kein Sowohl-als-auch! Klare Positionen!" Und wenn jetzt wiederum Sie sagen: Das ist doch kein Niveau, um über eine neue politische Talkshow auf Sat.1 zu schreiben, dann sage ich: Willkommen bei "Eins gegen Eins".

Landtagswahlen überall, und draußen in der Welt geht es drunter und drüber, Libyen, Japan, zu besprechen gibt es wahrlich genug dieser Tage, es ist ein Traumtermin für den Start eines neuen Talkformats, eigentlich muss man sich nur entscheiden und aufpassen, dass man sich nicht verzettelt zwischen all den Großthemen. "Atom, Libyen - einmal Hü, einmal Hott. Macht Wählen noch Sinn?" lautet dann also die erste Streitfrage in der neuen "Arena der Argumente", und in diesem, nun ja, Sinne wird munter drauflosgestammelt.

Es ist nämlich so, hat man sich offenbar bei Sat.1 gedacht: Wir machen ja hier Privatfernsehen. Und unser Privatfernsehen sehen sich nur Trottel an. Wenn wir also eine Polit-Sendung machen, dann dürfen wir auf keinen Fall davon ausgehen, dass unsere Zuschauer mit so etwas wie differenzierten Debatten gelangweilt werden wollen. Nein, wir wissen: Diese Deppen haben wenig Ahnung, werfen alles in einen Topf, finden Politik doof, und sind, wenn überhaupt, nur einfachsten Argumenten zugänglich.

Damit sich der Sat.1-Zuschauer im ungewohnten Polit-Umfeld nicht ganz so fremd fühlt, haben die fürsorglichen "Eins gegen Eins"-Macher das Studio gestaltet wie eine Spielhalle, es flackert und blinkt an allen Ecken und sieht aufregend aus. Und damit sich die Privat-TV-Konsumenten da draußen vor den Geräten mit der Sendung identifizieren können, hat man Publikum ins Studio gesetzt, das mehrheitlich so aussieht, als habe es den Schulabschluss noch nicht ganz in der Tasche und müsste eigentlich längst im Bett sein. Und damit überhaupt jemand beim Zappen hängenbleibt, haben sie einen Politiker in die Kulisse gestellt, den manche vielleicht schon einmal im "Big Brother"-Container gesehen haben: Guido Westerwelle, den FDP-Parteichef und Bundesaußenminister.

"Greifen Sie zur Abstimmungsmaschine!"

Atom, Libyen, Hü, Hott, jetzt wird erst mal ins Thema eingeführt, beziehungsweise in die Themen, sind ja so viele, eigentlich alles, die gesamte Weltlage, und dazu noch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Demokratie, aber keine Sorge, die schaffen das, das dauert keine Minute, und dann sagt Claus Strunz: "Jetzt haben wir alle Informationen, alle Fakten gehört. Greifen Sie zur Abstimmungsmaschine!" Und das Publikum darf auf ein Knöpfchen drücken wie bei Günther Jauch, und dann steht fest: 80 Prozent der Anwesenden finden Wahlen doch irgendwie sinnvoll, 20 Prozent nicht. Mal sehen, ob sich das noch ändern lässt im Laufe der Sendung.

Mit Guido Westerwelle, der als Berufspolitiker naturgemäß die Ansicht vertritt, dass die Demokratie noch ein wenig erhalten bleiben sollte, diskutiert Gabor Steingart, der Chefredakteur des "Handelsblatts". Er ist zwar auch irgendwie für Wahlen, allerdings schließt die Wahl für ihn auch die Möglichkeit zur Stimmenthaltung ein, also das Nichtwählen, das ist ein wenig zu kompliziert vielleicht, also begibt sich Steingart auf gefühlte Augenhöhe mit dem jungen Studiopublikum. Denn wie sei denn das, wenn man sich mit jemandem verabrede, und der tauche nicht auf? Und beim zweiten Mal auch nicht? Und wieder nicht? Irgendwann gehe man doch nicht mehr hin. Und so sei das mit den Wahlen auch, wenn die Politiker vor den Wahlen Dinge sagen und diese hinterher nicht tun.

Weil solche Erwägungen möglicherweise immer noch etwas zu demokratietheoretisch sind, schwenkt die Diskussion recht schnell zur Libyen-Debatte, zu Deutschlands Enthaltung im Uno-Sicherheitsrat und zu der Frage, die Claus Strunz, der Journalist aus Leidenschaft, Guido Westerwelle knallhart serviert: "Kann man Deutschland noch trauen?"

Darauf vermag der Bundesaußenminister keine wirklich überraschende Antwort zu geben. Steingart kritisiert Westerwelle dafür, dass er damals ja den Irak-Krieg befürwortet habe, das passe doch nicht mit seiner heutigen Haltung zusammen. Westerwelle kontert, er sei niemals für den Irak-Krieg gewesen. Steingart insistiert, Westerwelle auch, da steht Aussage gegen Aussage, einer sagt hier nicht die Wahrheit, aber wer? Man müsste jetzt das alles nochmal lesen, was Westerwelle vor Jahren gesagt hat, man hätte sich auf diese Diskussion vorbereiten müssen, ach, denkt man sich da, wäre das nicht eine schöne Aufgabe für Claus Strunz, den Moderator? Was macht der eigentlich?

In dieser Runde ist Westerwelle Sympathieträger

Tja. Claus Strunz steht daneben und lächelt nett. Wenn die Regie mal versehentlich ihn ins Bild nimmt, sieht man ihn den Worten seiner Gäste lauschen. Was mag in seinem Kopf vorgehen? Wie lange noch? Was tue ich hier? Wäre es jetzt nicht an der Zeit, die Debatte zu unterbrechen und zum nächsten Thema überzuleiten? Mal sehen, jetzt reden sie gerade so schön. Aber uns läuft die Zeit davon. Da gibt es doch noch diesen Atomeinspieler, ab damit!

Und während der Atomeinspieler läuft, der bis hin zur Musik verdammt an die Einspieler aus "Hart aber fair" erinnert, denkt man an Frank Plasberg und alles, was an dessen Moderationsstil stört: die Gagsucht, das Auftrumpfende, die Steuerung der Debatte von Einspieler zu Einspieler ohne Rücksicht auf Inhalte, und dann ist der Einspieler vorbei, und dann steht da wieder Claus Strunz. Und, die Hand möge abfallen, die folgendes tippt: Man sehnt sich nach Plasberg.

Plötzlich steht dann auch noch Tanja Gönner im Studio, die Umweltministerin von Baden-Württemberg mit schwerem Atom-Glaubwürdigkeitsproblem, Steingart kritisiert, Gönner und Westerwelle verteidigen, Strunz steht daneben. Inhaltlich ist nichts Neues zu erfahren, doch atmosphärisch geschieht Erstaunliches: Guido Westerwelle wirkt sympathisch. Es muss an dem Umfeld liegen. Gegenüber Gabor Steingart mit permanent kritisch gerunzelter Stirn, neben ihm die automatenhafte Tanja Gönner mit starrem Blick - Westerwelle hebt sich in dieser Runde positiv ab. Wieder und wieder beschreibt er seinen Wandel in der Atomfrage als Stärke, als notwendige Neueinschätzung bei neuer Lage. Fast ist man versucht, ihm zu glauben.

Strunz hat zwischendurch offenbar noch mal auf die Uhr gesehen, jetzt steuert er schnell auf die Abschlussplädoyers und die abschließende Abstimmung zu, das Publikum soll noch mal entscheiden, ob Wahlen einen Sinn haben, dann Werbepause, dann das Ergebnis: exakt dasselbe wie zu Beginn der Sendung. Strunz nennt dieses für sein Format denkbar ungünstige Ergebnis "spektakulär". Und Westerwelle lobt am Ende, dass es ja gut sei, wenn auch im Privatfernsehen ab und zu eine politische Sendung läuft.

Das mag, ganz abstrakt gesprochen, richtig sein. Aber in diesem speziellen Fall? Wie hatte Claus Strunz noch gesagt? "Dies ist eine Ja-nein-Sendung." Dann also: nein.

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