Satireoffensive bei Tele 5 Quälgeister im Quotenloch

Von der Resterampe zum Satire-Mekka: Diese Radikaltherapie hat sich der quotenschwache Sender Tele 5 auferlegt - und dafür Oliver Kalkhofe, Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Ulmen angeworben. Ganz taufrisch wirkt die Satire-Boygroup allerdings auch nicht mehr.

Auf den meisten Fernbedienungen in Deutschland dürfte Tele 5 nur über eine zweistellige Tastenkombination anwählbar sein, weit hinten liegt der Sender aus München. Was womöglich daran liegt, dass es bisher gar kein Sender im engeren Sinne war, sondern eine vollautomatische Abspielstation von Spielfilmen aus dem reichen Fundus des Besitzers und Rechtehändlers Herbert Kloiber - Hollywood-Kino reinsten, aber bisweilen auch schon leicht brackigen Wassers für Leute, die keinen DVD-Spieler besitzen. Seit der ehemalige Vermarktungschef Kai Blasberg Tele 5 leitet, weht allerdings ein frischerer Wind durch das Programm.

Dass sie 2012 mit "Walulis sieht fern" einen Grimme-Preis in der Sparte "Unterhaltung" einheimsen konnten, dürfte den Machern zusätzlichen Antrieb gegeben haben, jetzt in die Vollen zu gehen: "Intelligenzoffensive" ist denn auch das Schlagwort, mit dem Blasberg ein Quartett anpreist, das Tele 5 mehr Aufmerksamkeit sichern soll. Man könnte es auch einen Comedy-Überfall nennen, der am Donnerstag über die Bühne gehen wird.

Den Anfang macht am Donnerstag Peter Rütten mit "Rüttens Bullshit Universum", bei dem der ehemalige Gagschreiber von Harald Schmidt abgehangene Mantel-, Degen- oder Westernstreifen neu synchronisiert und als Einstimmung auf Christian Ulmen funktionieren könnte.

Der kehrt mit "Ulmen.TV" aus dem Internet ins Fernsehen zurück - zunächst mit alten Folgen um die bekannten Charaktere, später mit neu zu produzierenden. Ulmen war es auch, der den Wechsel von Benjamin von Stuckrad-Barre zu Tele 5 eingefädelt hat. Dessen Polit-Talk "Stuckrad Late Night" auf ZDFneo produziert Ulmen seit 2010, nun läuft die Sendung ebenfalls am Donnerstag unter dem Namen "Stuckrad-Barre". Einen Tag später folgt mit Oliver Kalkofe ein weiteres bekanntes Gesicht mit einem weiteren bekannten Format und 30 neuen Folgen von "Kalkofes Mattscheibe - Rekalked".

Überschaubares Risiko

Die Sendungen sind zwar neu im Portfolio von Tele 5, ansonsten aber auch schon leicht verstaubt. Sogar "Rüttens Bullshit Universum" wendet mit seiner Guerilla-Synchronisation auf öde Oldies im Grunde nur ein Prinzip an, mit dem einst der große Gaga-Synchronsprecher Rainer Brandt ähnlich öde Serien wie "Die 2" oder Filme mit Bud Spencer und Terence Hill in komisches Gold verwandelte. Auch Ulmens Trick, fiktive Kunstfiguren wie den trotteligen Uwe Wöllner oder den schnöseligen Alexander von Eich auf die Realität loszulassen, ist so neu nicht mehr - bleibt aber immer wieder faszinierend, weil Ulmen so gut spielt und Fremdschämen offenbar eine anthropologische Konstante ist.

Auch "Kalkofes Mattscheibe" läuft mit Unterbrechungen seit 1994 und ist in all den Jahren nicht in dem Maße lustiger geworden, in dem das Fernsehen schlechter wurde. Das satirische Format krankt zusehends an der indifferenten Haltung, die es gegenüber dem Fernsehen einnimmt: Oliver Kalkofe persifliert dummes Fernsehen im Stil eines Menschen, der kopfschüttelnd vor dem Gerät sitzt und halblaut den ganzen Teleshopping- und Volksmusik-Mist nachäfft oder eben nachspielt, den er da zu sehen bekommt. Er selbst empfindet das als ein "Zurückschlagen", dabei verdoppelt er eigentlich nur den dargebotenen Quatsch - ohne ihm einen Erkenntnisgewinn abzuringen.

Das kann man freilich von "Stuckrad-Barre" nicht behaupten, der als "rollende Kanone" beziehungsweise "geladene Knarre" mit den geladenen Politikern tatsächlich anders und wesentlich ruppiger umspringt, als es im ritualisierten Fernsehbetrieb üblich ist. Ihm geht es um Überraschungsmomente, auch wenn die Überraschung nur in Farbbeutelwürfen oder Springteufeln besteht - es bleibt doch überraschend und intelligent.

Zwar distanziert sich Senderchef Blasberg neuerdings von dem Wort "Intelligenzoffensive" ("Verflucht sei der Tag, an dem ich das gesagt habe") und nennt seine Programmreform lieber schick "Atta5ke" oder gar kleinlaut "Jungs-Humor", aber ganz so unrecht hat er nicht. Das Risiko des Scheiterns ist überschaubar, die finanzielle Investition moderat - und allemal lobenswert.

"Do the unexpected" ist ein Marektinggrundsatz, den der Marketingexperte beherrscht. Mit seiner neu angeworbenen Boygroup jedenfalls erfindet Blasberg nicht das Fernsehen neu, wird aber womöglich endlich einem Tele-5-Claim gerecht, von dem er sich erst jüngst verabschiedet hat: "Gute Unterhaltung".


"Rüttens Bullshit Universum", Donnerstag, 22.15 Uhr
"ulmen.tv", Donnerstag, 22.40 Uhr
"Stuckrad-Barre", Donnerstag, 23.10 Uhr
"Kalhofes Mattscheibe - Retalked", Freitag, 20.00 Uhr, jeweils Tele 5

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