"Schlemmen mit Gérard Depardieu" Obelix hat Hunger

Arte

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Arte schickt den Schauspieler auf lukullische Entdeckungsreisen: "Schlemmen mit Gérard Depardieu" feiert das Leben - und das Fressen. Was nicht zwei Beine zum Wegrennen besitzt, wird hier verspeist.

Gérard Depardieu ("Asterix und Obelix") ist ein Naturereignis. Oder, wie er selbst sagt: "Ich bin Weltbürger und Bonvivant. Ich esse gern, lache gern und staune gern!" Nun ist der Schauspieler ("Cyrano von Bergerac"), Großwinzer und Gastronom seit ein paar Jahren aus steuerlichen Gründen weniger Welt- als vielmehr russischer Staatsbürger und in dieser Funktion ein Busenfreund von Wladimir Putin. Aber essen, lachen und staunen, das tut er wirklich gern.

Arte bietet mit der neuen Reihe "Schlemmen mit Gérard Depardieu" ausgiebig Gelegenheit, ihm dabei zuzusehen. Zusammen mit Laurent Adiot, dem Chefkoch eines seiner Restaurants, besucht Depardieu ("Der Hornochse und sein Zugpferd") das nördliche Italien, das Baskenland, Schottland und Neapel; immer umschwirrt von einer Drohne, die alle Landschaften und die darin herumstiefelnden Freunde aufs Atmosphärischste einfängt.

Hummer, Crêpe und Cidre

In der ersten Folge führt die Suche nach "einfachen Erzeugnissen, menschlichen Kontakten" und "kulinarischen Entdeckungen" das Team in eine Bilderbuch-Bretagne. Dort entdeckt und verdrückt Depardieu ("Der Graf von Monte Christo") einfache Erzeugnisse wie Hummer, Kartoffeln, Butter, Brot, Crêpe und Cidre.

Dazu plaudert er ein wenig mit den entsprechenden Fischern, Bäckern oder Bauern, die ihren Obelix natürlich kennen - und lieben. Der ist immer auch ein gesellschaftliches Ereignis, und die Smartphones werden gezückt.

Das ist alles ruhig, farbensatt und zu stimmungsvollem Gitarrengezupfe in Szene gesetzt. Leserinnen der "Landlust" dürfen sich an weihevollen Beschwörungen der ursprünglichen Provinz erfreuen: "Ist diese Insel nicht schön? Sie riecht nach Kartoffeln und Fenchel! Sie riecht nach Leben". Leser von "Essen und Trinken" wiederum erfahren, dass die Butter gesalzen, die Kartoffeln mit Algen gedüngt und der Cidre aus kleinen Schalen getrunken wird.

"Hmm, du riechst gut!"

Nur Abonnenten von "Men's Health" sei abgeraten, denn "Schlemmen mit Depardieu" verursacht Sodbrennen schon beim Zuschauen: Depardieu ("Camille Claudel") schlingt hier von heißer Sülze aus der Pfanne bis zu frisch gepflückten Algen pausenlos alles in sich hinein, was keine Beine zum Weglaufen hat.

Wenn es Beine hat, denkt der Mann mit den vier Bypässen trotzdem ans Essen. So etwa, als er sich auf der Weide an eine Stute heranpirscht: "Soll ich dir ein Männchen bringen? Ein hübsches Männchen? Dir geht's gut! Du frisst, wenn du fressen magst. Als Kind bekam ich oft Pferdefleisch…" Als ihm ein kleiner Junge vorgestellt wird, befürchtet man bereits das Schlimmste. Prompt vergräbt Depardieu ("Mammuth") seine Nase in den Haaren des Knaben: "Hmm, du riechst gut!"

Wo alles trieft und dampft, müssen das auch die Texte aus dem Off tun, die der deutsche Synchronsprecher mit Originalpathos zum Besten gibt: "Und wenn wir häufig den rechten Pfad verlassen, so liegt das daran, dass uns das Leben anderswo hinzieht und wir uns in den Weinbergen, den Freundschaften oder den Kartoffelfeldern verlieren."

Die unfreiwillige Komik aber wiegt eine freiwillige Komik locker auf, die zuverlässig ins Ordinäre spielt. So erinnert sich unser Held bei Tisch an die Dreharbeiten zu "Den Mörder trifft man am Buffet", bei denen drei Männer in einem Auto in der Tiefgarage um die Wette furzten, "Baff, baff, baff!", wobei durchaus zu differenzieren ist: "Jeder hatte unterschiedliche Gerüche. Ich nach Kaffee, Feigen, ein schrecklicher Gestank."

Hörenswert auch die Schwänke aus der Jugend und biografischen Randnotizen: "Bei mir in der Familie sind alle Diabetiker. Nur ich nicht, weil ich von den Russen behandelt werde", also her mit dem zwölften Crêpe. Sein Vater sei Alkoholiker gewesen, "und ich bin ein Destillierkolben", warum also nicht mal den Hummer mit Whisky flambieren?

Von der hier ausgestellten Edelvöllerei zwischen Lebenshunger und reinem Irrsinn können sich Hedonisten wie Asketen gleichermaßen bestätigt - und unterhalten - fühlen. Nur frankophil müssen sie sein.


"Schlemmen mit Depardieu", Montag, 19.30 Uhr, Arte



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32 Leserkommentare
eubuerger 12.10.2015
Klaus100 12.10.2015
AliceAyres 12.10.2015
Tiberias 12.10.2015
thelix 12.10.2015
GyrosPita 12.10.2015
hschmitter 12.10.2015
speicobra12 12.10.2015
AliceAyres 12.10.2015
vorname.nachname 12.10.2015
Newspeak 12.10.2015
Süddeutscher 12.10.2015
kobl 12.10.2015
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baiki 12.10.2015
spon-453-7coi 12.10.2015
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ancoats 12.10.2015
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palef 12.10.2015
Kritikant 12.10.2015
gered 12.10.2015
loddarcontinua 12.10.2015
tsukiko 12.10.2015
dr.dr.dr. 12.10.2015
tsukiko 12.10.2015
hschmitter 13.10.2015
nightwatchman 13.10.2015
hschmitter 13.10.2015
dt6432800 13.10.2015
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adubil 05.05.2016

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