Scientology-Debatte bei Plasberg Nicht ohne meinen Anwalt

Ein Scientology-Sprecher in einer Talkshow? Frank Plasberg wagte den Sündenfall: Er ließ den Sektenmann reden - das Experiment gelang. Statt plakativer Dämonisierung bot "Hart aber fair" eine exakte Demontage. Zuletzt blieb dem Scientologen nur, nach seinem Rechtsbeistand zu rufen.

Scientology-Mann Stettler (l., mit Fliege und Beckstein): Wahres Gesicht statt böser Fratze
WDR

Scientology-Mann Stettler (l., mit Fliege und Beckstein): Wahres Gesicht statt böser Fratze

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Oje, in der Mitte der "Hart aber fair"-Sendung am Mittwochabend glitt die Diskussion dann doch kurz ins Phantastische ab. Schuld daran war aber nicht etwa der geladene Pressesprecher des Sektenkonzerns, sondern Jürgen Fliege mit einer gewohnt gefühligen Freestyle-Analyse zum Thema. Scientology, so der ehemalige Fernsehpastor, sei doch eine reine Männerkirche, in der in Saft und Kraft stehende Kerle zwischen 30 und 40 ihre Machtspielchen treiben würden.

Schwer zu sagen, wo der medial umtriebige TV-Geistliche gedanklich gerade unterwegs war; vielleicht wähnte er sich ja in einer Talkshow zur Missbrauchsdebatte. Auf jeden Fall gab Fliege dem Scientology-Öffentlichkeitsarbeiter Jürg Stettler mit seiner instinktiven Einlassung zum angeblichen Machismo eine wunderbare Vorlage, um das von ihm vertretene Unternehmen als Vorreiter der Gleichberechtigung darzustellen: Alle "Kirchen" von Scientology in Deutschland, so Stettler siegesgewiss, würden nämlich von Frauen geleitet.

Und wie sei das Verhältnis von Mann und Frau denn nun wirklich bei Scientology, wollte Moderator Frank Plasberg wissen: Fifty-fifty, so Sabine Riede, Mitarbeiterin der Sekteninfo NRW. Nein, über den Macho-Vorwurf lässt sich Scientology beim besten Willen nicht diskreditieren.

Genau an dieser Stelle offenbarte sich die große Schwäche im öffentlichen Umgang mit Scientology: Statt präzise deren zweifelhafte Methoden nachzuweisen, reichert man die Kritik gerne mit plakativen Ressentiments an - und spielt dem Religionsunternehmen so unfreiwillig in die Hände. Denn das darf sich dann als diffamiert sehen und in die Opferecke stellen.

Paragraphen-Ungeheuer

Doch zum Glück blieb das einer der wenigen Ausrutscher in der Diskussion unter dem freilich etwas zu vollmundigen Titel "Sekten, Gurus und Gehirnwäscher - wie gefährlich sind moderne Seelenfänger?" Denn Plasberg und seine Redaktion haben am Mittwochabend etwas gewagt, was viele Scientology-Kritiker für den Sündenfall halten: Sie ließen Sprecher Stettler ausgiebig sein Unternehmen darstellen - aber nur, um seine Aussagen, wo möglich, effizient zu demontieren. Gute journalistische und vor allem auch juristische Arbeit war das.

Denn das hier kritisierte Unternehmen, das gerne Krake genannt wird, ist ja vor allem auch ein Paragraphen-Ungeheuer. Anwälte und Makler gehören zur Kernklientel von Scientology; Leute also, die das Kleingedruckte für ihre Zwecke zu deuten verstehen. Das macht den Umgang mit ihnen zuweilen ziemlich zermürbend.

Man nehme nur die Auslegung der Scientology-Justitiare zu gerichtlichen Urteilen hinsichtlich ihres Konzerns: Angeblich gebe es 50 Urteile unterschiedlichster deutscher Gerichte, nach denen Scientology als Religionsgemeinschaft anerkannt würde. Eine glatte Lüge, wie bei "Hart aber fair" in einem zähen, aber präzisen Einspieler nachgewiesen wurde. Mit dem eindeutigen Urteil des Bundesarbeitsgerichts konfrontiert, kam der eben noch triumphierend lächelnde Sprecher Stettler ins Schwimmen und verlangte arg unsouverän nach seinen Anwälten.

Therapie-Gesäusel mit kalt klirrenden Anglizismen

Solch anstrengende juristische Detailarbeit muss eben leisten, wer sich mit dem System Scientology auseinandersetzen will. Der Teufel steckt hier im Detail, eine universale Dämonisierung bringt da gar nichts. So gesehen waren auch die Beiträge des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein der Diskussion wenig förderlich. Der brandmarkte Scientology zwar als "totalitäres System", konnte aber kein einziges Argument liefern, worin sich dieses manifestiere. Becksteins Mantra, dass Scientology verfassungswidrige Ziele verfolge, reicht alleine nicht aus, um die Öffentlichkeit vor dessen tatsächlich menschenverachtender Methodik zu warnen.

Wichtiger ist da ein dezidierter Nachweis - den die ARD-Redaktion dann mit tatkräftiger Unterstützung eines Print-Kollegen erbrachte: Der "Stern"-Journalist Fredy Gareis hatte sich fünf Monate lang undercover an die Berliner Niederlassung von Scientology angenähert und diesen Prozess mit versteckter Kamera aufgezeichnet. Die verdeckte Recherche stellte im gewissen Sinne eine Verifizierung des Familiendramas "Bis nichts mehr bleibt" dar, mit der die ARD vor der Diskussionsrunde vor den Gefahren Scientologys gewarnt hatte.

Was dort teilweise als verdichtete Doku-Fiktion aus unterschiedlichen Sektenopferbiografien betont melodramatisch daherkam, erhielt in Gareis' verwackelten Videobildern dann doch noch eine Authentifizierung. Ja, wenn die Türen geschlossen sind, reden die bei Scientology tatsächlich immer noch so, wie wir es aus den Sektenschmonzetten der achtziger Jahre kennen - nämlich in einem Gemisch aus Therapie-Gesäusel und kalt klirrenden Anglizismen, das alle Zweifler und Kritiker zu "Suppressive Persons" erklärt. Und die gilt es natürlich umzudrehen oder gleich aus dem eigenen Leben zu entfernen.

So gesehen bot diese "Hart aber fair"-Sendung trotz Flieges Männer-Phantasien und Becksteins Brachialverurteilung durch und durch redliches Aufklärungsfernsehen: Nicht die böse Fratze des Religionskonzerns Scientology wurde hier gezeigt, sondern sein wahres Gesicht.



insgesamt 246 Beiträge
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Geronimo! 01.04.2010
1. Ablenkungsmanöver
So langsam interessierts mich, wem dieser kleine Verein mit 6000 Mitgliedern derart auf den Schwanz getreten ist. Da muss es ja hinter den Kulissen - von Politik und Wirtschaft wahrscheinlich - eine Riesensauerei geben, die man denen in die Schuhe schieben will und von der wir Blödis nichts mitkriegen sollen. Ich werd immer mißtrauisch, wenn ich jemanden auf Geheiß der "öffentlichen Meinung" doof finden soll. Wer lenkt da von was ab?
androlski 01.04.2010
2. Demaskierung
Zitat von sysopEin Scientology-Sprecher in einer Talkshow? Frank Plasberg wagte den Sündenfall: Er ließ den Sektenmann reden - das Experiment gelang. Statt plakativer Dämonisierung bot "Hart aber fair" eine exakte Demontage. Zuletzt blieb dem Scientologen nur, nach seinem Rechtsbeistand zu rufen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,686829,00.html
Wie zu erwarten war, ist dieser Mensch ja nicht ungeschickt aufgetreten; sonst stünde er ja wohl auch nicht schon so lange im Zentrum der Scientology-Macht. Plasberg ist es mit seinen ausgewählten Beiträgen aber sehr gut gelungen, die kriminellen Energien aufzuzeigen, die in dieser Organisation stecken. Nun sollte niemand mehr diesen "Laden" schöndenken können.
ID Fake 01.04.2010
3. Mehr Öffentlichkeit nötig
Meiner Meinung nach müsste man solche Leute viel öfter aus ihrer dunklen Ecke ins Scheinwerferlicht und vor die Kameras zerren, damit sie die Gelegenheit bekommen sich selber und das was sie selbst Religion nennen vor aller Augen der Lächerlich preiszugeben. Das ist immernoch die beste Medizin gegen solche faschistoiden Scharlatane.
Knut Olsen 01.04.2010
4. Pure Heuchelei
Wer oder was ist eigentlich Scientology? Ein totalitärer Verein, der sich hauptsächlich aus Steuergeldern finanziert, seine Mitarbeiter untertariflich bezahlt und dafür noch in ihrem Privatleben herumschnüffelt? Der Kinder indoktrinieren darf, und zwar an staatlichen Schulen, während die eigenen "Sozialeinrichtingen" für einen Gewaltexzess- und Missbrauchsskandal nach dem anderen sorgen? Der sich zudem noch als moralische Instanz aufführt und dessen Funktionäre den Grund für die Verbrechen, die dort gewohnheitsmäßig stattfanden, seinen erklärten Kritikern in die Schuhe schieben wollen? Ach, nein, da habe ich Scientology wohl mit der Katholischen Kirche verwechselt, die ein Herr Beckstein natürlich niemals als "totalitäres System" bezeichnen würde, das würde ja Wählerstimmen kosten. Widerlich, wie die Konservativen hier wieder mit dem Finger auf andere zeigen, um von den unerträglichen Zuständen bei den eigenen ideologischen Verbündeten abzulenken.
toskana2 01.04.2010
5. dessen ungeachtet
Zitat von sysopEin Scientology-Sprecher in einer Talkshow? Frank Plasberg wagte den Sündenfall: Er ließ den Sektenmann reden - das Experiment gelang. Statt plakativer Dämonisierung bot "Hart aber fair" eine exakte Demontage. Zuletzt blieb dem Scientologen nur, nach seinem Rechtsbeistand zu rufen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,686829,00.html
Die Streitdiskussion um Scientology und andere Sekten ist für mich persönlich der erbrachte Beweis, dass Menschen - allen aufdringlichen, eigenen Beteuerungen zuwider- eine sinnstiftende und trostspendende Macht brauchen, um sich daran anzulehnen. Spätestens in der Stunde der Not ringt der Mensch nach Erklärungsversuchen dieser Welt. Ungeachtet dessen , ob es nun einen Gott gäbe oder nicht! Aus diesem augenscheinlich elementaren, menschlichen Bedürfnis machen Sekte Kohle oder sonstigen Unfug! In diversen Shows gibt sich anschließend die Öffentlichkeit überrascht über soviel Einfalt und Weltfremdheit der Opfer.
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