Kabarettist Sebastian Pufpaff im Interview "Ich habe nicht die Antwort, aber ich habe einen guten Witz"

Der Kabarettist Sebastian Pufpaff tritt nun notgedrungen ohne Publikum auf. Hier spricht er über die Stille nach der Pointe - und über den Angriff auf das Team der "heute-show".
Ein Interview von Sebastian Dalkowski
Sebastian Pufpaff: "Vom Klopapier habe ich mich relativ schnell ferngehalten"

Sebastian Pufpaff: "Vom Klopapier habe ich mich relativ schnell ferngehalten"

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Andreas Weihs/ imago images

SPIEGEL: Herr Pufpaff, zuletzt waren Sie jeden Abend mit "Noch nicht Schicht" im Fernsehen zu sehen, natürlich ohne Publikum. Wie ist das in Corona-Zeiten, wenn man Witze macht und keiner lacht, weil keiner da ist?

Pufpaff: Ein Vorteil ist, dass man manches knallhart durchziehen und denken kann: Bin ich witzig! Es gibt kein Gegenüber, das sagt: Nee, biste gar nicht. Ich habe "Noch nicht Schicht" ohne Publikum begonnen und mich schnell daran gewöhnt, mir fehlte nichts. Die "heute-show" musste erst einmal umlernen, und Olli Welke dachte: "Hier fehlt doch was".

SPIEGEL: Trotzdem: Hat es Ihren Humor verändert, dass das Publikum mit einem Mal fehlte?

Pufpaff: Meinen Humor nicht, aber die Machart. Ich kann einen Spruch fallen lassen, so was wie "Manchmal passt nicht mal ein Spahn zwischen Söder und Laschet" und muss nicht auf den Lacher warten. Das geht vor Zuschauern nicht. Und ohne Publikum hauen Sie auch nicht mal einen nur fürs Publikum raus. In meiner Sendung kann ich also keinen Bahnwitz-Evergreen bringen und auf den Herdeneffekt setzen: Dass einer lacht, und die anderen ziehen mit. 

SPIEGEL: Welche Funktion hat Humor in diesen Zeiten? 

Pufpaff: Ein echter Lacher ist ja keine aktive Entscheidung, sondern etwas, das passiert; danach kann sich der Zuschauer wieder den "Tagesschau"-Themen zuwenden. Humor ist ein reinigendes Gewitter als auch eine extrem notwendige Ablenkung. 

SPIEGEL: Der Humorist ist sozusagen auch systemrelevant? 

Pufpaff: Ja. Damit will ich nicht beanspruchen, meine Kinder in den Kindergarten schicken zu dürfen. Aber Kultur ist ein Lebensmittel. 

SPIEGEL: Was ist denn zum Beispiel lustig an Corona

Pufpaff: Vom Klopapier habe ich mich relativ schnell ferngehalten, das war schon am ersten Tag der älteste Witz, den ich machen konnte. Aber im Grunde bietet sich alles an. Ich habe die Mund-Nasen-Maske zur Munaske gemacht und bin die acht Arten des Munaske-Tragens durchgegangen, weil Leute die so bescheuert getragen haben. Oder, anderes Beispiel: "Wir bauen jetzt zu Hause auch Beatmungsmaschinen - meine Tochter will ihre Luftpumpe zurück." 

SPIEGEL: Hat Humor gerade in diesen Zeiten nicht auch die Aufgabe, auf Missstände hinzuweisen? 

Pufpaff: Das kann man ja mit Quatsch verbinden. Wenn ich zum Beispiel erzähle, dass ich dank Corona gemerkt habe, dass zu Hause noch drei andere Leute wohnen und zwei von denen wirklich nett sind, produziere ich einen Lacher und habe gleichzeitig drin, dass man aufgrund von Arbeit sonst gar nicht mehr so viel mit dem Partner zu tun hat. Mit einem Satz kann man schon so viel aufmachen. 

SPIEGEL: Wie sieht es mit Kritik an Regierenden aus? Politisches Kabarett ist traditionell kritisch, gleichzeitig wird aber etwa Angela Merkel gerade auch durch beinharte Verschwörungstheoretiker infrage gestellt. 

Pufpaff: Sie von der Presse sind die vierte Gewalt, wir Kabarettisten irgendwo zwischen fünfter und achter. Aber ja: Ich habe Politiker und Politikerinnen durchaus in Schutz genommen. Die sind keine Wissenschaftler und müssen nun Entscheidungen fällen, die sich nicht mal Herr Drosten zutraut. Aber ich habe auch dazwischengetreten. Etwa als die Bundesländer einen Wettbewerb veranstaltet haben: Hihi, ich geh' zuerst zu weit. Oder als Herr Spahn uns mahnte, Abstand halten, aber mit 13 Leuten in einem Fahrstuhl stand. 

"Ich erziehe nicht. Aber ich möchte Meinungsbildung provozieren, sodass sich der geneigte Zuschauer mit einem Thema auseinandersetzt."

Sebastian Pufpaff

SPIEGEL: Die grundsätzliche Richtigkeit der Maßnahmen der Bundesregierung haben Sie aber nie in Witzen bezweifelt, oder? 

Pufpaff: Einzelne Maßnahmen habe ich schon infrage gestellt. Warum zum Beispiel ist es nicht möglich, im Lieblingsrestaurant statt 20 Tischen wenigstens wieder acht aufzustellen? Aber insgesamt habe ich mich eben auch als Privatmensch Pufpaff für eine Haltung entschieden. Ich muss da draußen nicht auch noch verwirren. 

SPIEGEL: Liegt die Versuchung für Komiker mit einer gewissen Reichweite wie Ihrer nicht nahe, erzieherisch tätig zu werden? Gerade wenn Sie selbst eine Haltung für sich gefunden haben? 

Pufpaff: Nein, ich erziehe nicht. Aber ich möchte Meinungsbildung provozieren, sodass sich der geneigte Zuschauer mit einem Thema auseinandersetzt: Ich habe nicht die Antwort, aber ich habe einen guten Witz - und dann können wir beim nächsten Mal über die Notwendigkeit von Tarifverträgen für Pflegekräfte diskutieren. 

SPIEGEL: Ihr Kollege Dieter Nuhr hat kürzlich bei einem Fernsehauftritt gesagt, die Bußgelder im Straßenverkehr seien gerade jetzt erhöht worden, weil es wegen Corona gerade nicht so auffalle. Sie spielten am nächsten Tag in der "heute-show" einen Porschefahrer, der dasselbe sagt und machten sich so über ihn lustig. Täuscht das oder gehen Sie das Thema Corona anders an als Dieter Nuhr? 

Pufpaff: Zur Arbeit von Kollegen möchte ich nichts sagen. 

SPIEGEL: Dann versuche ich es allgemeiner: Was geht gerade gar nicht? 

Pufpaff: Inhaltlich gibt es keine Grenze, aber es muss einen Mehrwert haben. Wenn es in New York einen Bestatter gibt, der im Kühllaster die Leichen hat verwesen lassen mit der Aussage, was hätte er denn tun sollen, dann hat auch das Potenzial. Die Frage ist: Wie gehe ich damit um? Wem trete ich auf den Schlips? Den Angehörigen. Wie kriege ich die Angehörigen also abgeholt? Und vor allem: Was will ich damit sagen? Wenn ich darauf eine Antwort habe, ist auch der Tod kein Tabuthema, dann gibt es keine Tabus. 

SPIEGEL: Fühlen Sie sich als Bühnenkünstler gerade finanziell bedroht durch Corona?

Pufpaff: Ja, aber ich konnte einen Puffer aufbauen. Wir arbeiten mit der Prognose, dass ich bis Ende des Jahres nicht vor Publikum auftreten werde, was 90 Prozent meiner Einnahmen ausmacht. Irgendwann wird es bei mir auch dünn. Bei anderen Kollegen ist schon Schicht im Schacht. Da muss was getan werden, Kurzarbeit für Künstler oder die Steuer 2019 mit 2020 zusammenlegen. 

SPIEGEL: Die Kollegen bekommen ab nächsten Monat Hartz IV

Pufpaff: Die Künstler werden respektlos ihrem Schicksal überlassen. Wer Glück hat, fällt auf den Partner zurück. Es gab ja angeblich eine Kultursoforthilfe, aber ich kenne keinen, der die bekommen hat. Wir haben die alle beantragt und alle haben die Mail bekommen, dass der Topf schon erschöpft war. 

SPIEGEL: Themensprung: Es hat in der vergangenen Woche einen Angriff auf ein Team der "heute-show" gegeben. Die Hintergründe sind noch unklar. 

Pufpaff: Es war eine Frage der Zeit. Rangeleien hat es schon häufiger gegeben bei Drehs der "heute-show", und wir leben in Zeiten, in denen es Übergriffe auf Sanitäter und Feuerwehrleute gibt. Ich bin nach meinen Shows noch nie angegangen worden, aber durch Social Media haben die Bekloppten eine Lautstärke erreicht, die ihrem Ausmaß nicht gerecht wird, und so motivieren sie sich zu Straftaten. 

SPIEGEL: Trotzdem gab es ja nun mal diesen Angriff. 

Pufpaff: Ja, aber auch hier gilt, keine Panikmache. Wir brauchen jetzt noch keine bewaffneten Personenschützer. 

SPIEGEL: Eine Ihrer letzten Sendungen haben Sie mit diesem Zitat beendet: "Der Sinn des Lebens ist nicht die Kunst - aber vielleicht das, was sie auslösen kann." Was könnte das sein? 

Pufpaff: Jeder hat eine eigene Definition vom Sinn des Lebens, meine lautet: Das Jetzt zu leben und zwar möglichst gut. Und das kann Kunst auslösen. Ein Bild, ein Buch, ein YouTube-Video, ein wunderbar geschriebener Artikel, ein Steintürmchen am Bach. Oder ein gutes Musikstück zu hören und dabei mit Rum-Cola im Planschbecken der Kinder zu liegen. 

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