Seitensprung-Komödie Mit dem Blackberry in die Glückseligkeit

Die Ehefrau auf dem Land, die Geliebte in der Stadt: Im Fernsehfilm "Haus und Kind" will ein Berliner Professor keine Chance zur Selbstverwirklichung ungenutzt lassen. Die süffisante Tragikomödie ist das Porträt einer Generation, für die das Glück nur eine Frage der richtigen Organisation ist.

BR

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Der Mann weiß, was sich gehört. Bernd Neubauer (Stefan Kurt), umschwärmter Professor für Neuere Deutsche Geschichte in Berlin, ist keiner von diesen geschmacklosen Typen, der sich von der Geliebten vor dem Frühstück davonstiehlt. Nein, einer wie er kommt überhaupt erst zum Frühstück zu seiner Geliebten; frische Brötchen hat er natürlich auch dabei.

Ist doch prima: Die Ehefrau (Marie Bäumer) ist ein Morgenmuffel, die Geliebte (Stephanie Schönfeld) eine Frühaufsteherin. So plant der lebenslustige Akademiker für alle drei perfekt den Tag, keine Möglichkeit bleibt ungenutzt.

Nur abends im Ehebett ist Bernd Neubauer nach dem langen Tag mit seinen erotisch und intellektuell vortrefflich ausgefüllten Zeitfenstern doch ein bisschen müde. Da barmt er vor seiner auf Beischlaf bestehenden Gattin: "Ich bin heute nur ein alter Professor!" Ach, wer will es ihm verdenken. Dafür ist ein schönes Zuhause doch auch da: dass man sich hemmungslos der Entspannung hingeben kann.

Andreas Kleinert hat mit "Haus und Kind" einen kleinen bösen Film über jemanden gedreht, der vom Ankommen träumt, dafür aber partout nichts aufgeben will. Glück stellt sich für so einen nicht einfach ein - es muss vielmehr herbei organisiert werden. So geht es übrigens allen den Figuren aus Berlin-Mitte in dieser süffisanten Spätsommerkomödie. Liebe und Geborgenheit ist für sie ein unendlicher Optimierungs- und Abstimmungsprozess, bei dem gerne auch neueste Kommunikationstechniken genutzt werden: mit dem Blackberry in die Glückseligkeit.

Zeitweise sieht es denn auch für den Professor so aus, als bekomme er alle Interessen und Begehrlichkeiten unter einen Hut. Mit seiner Ehefrau entdeckt er in Brandenburg einen verfallen Hof, den sich die beiden zum kuscheligen Refugium umbauen wollen. Der gebrechlichen Vorbesitzerin (Gudrun Ritter) verspricht man ein lebenslanges Wohnrecht - in der sich denn auch bald erfüllenden Hoffnung, dass die Alte durch Krankheit oder Tod schon irgendwie das Feld räumt.

Grausamer Egoismus und kindliche Naivität

Und was braucht der Mann neben Frau und Haus noch zum Glück? Natürlich: ein Kind! Da die Versuche mit der Gattin bisher erfolglos verlaufen sind, spannt Neubauer nun eben seine Geliebte ein zur Nachwuchszeugung. Wie kunstvoll der Professor doch sein Leben austariert hat: die Frau auf dem Land für das gute und nutzbringende Gespräch, die Geliebte in der Stadt für den guten und nutzbringenden Sex.

Soll man diesen Mann eigentlich verachten oder lieb haben, soll man ihn ohrfeigen oder streicheln? Irgendwie verwirrend, wie grausamer Egoismus und kindliche Naivität bei diesem Geistesmenschen zusammengehen. Regisseur Kleinert ist eben ein unvoreingenommener Beobachter, der darauf verzichtet, seine Figuren ins moralische Korsett zu stecken.

In der Vergangenheit hat Kleinert einige großartige Filme über Menschen gedreht, die bei den großen gesellschaftlichen Verschiebungen in Deutschland unter die Räder gekommen sind; über Ex-VEB-Direktoren ("Wege in die Nacht") oder über Proletarier im Todeskampf ("Als der Fremde kam"). Erstaunlich, mit welcher Tragikomik der Filmemachemacher doch stets von die schmerzvollen Umbrüchen und Systemwechseln erzählt hat.

Ächzen unter dem Druck der Optionen

In "Haus und Kind" geht es nun um einen privaten, aber ebenso schmerzvollen Systemwechsel - nämlich dem vom verantwortungslosen in ein verantwortungsvolles Leben. So versteht zumindest Bernd Neubauer sein Streben, Beruf und Liebe, Abenteuerlust und Kinderwunsch unter einen Hut zu kriegen.

Es gab diesen Sommer ja gleich eine ganze Reihe von Filmen, in der sich irgendwelche Twenty-, Thirty- oder Fortysomethings einen Reifeprozess abverlangten, der sie offensichtlich komplett überfordert. Maren Ades "Alle anderen" etwa oder Sebastian Schippers "Mitte Ende August". Überall rangen die Charaktere im Meer der Möglichkeiten nach Luft, überall ächzten sie unter dem Druck der Optionen. Beinahe hat man den Eindruck, man lebe in einem Land von Langzeitpubertierenden. Das Ankommen in sogenannten festen Verhältnissen verspricht da gleichsam eine leichte und zudem auch gesellschaftlich anerkannte Fluchtmöglichkeit aus der ständigen Selbsthinterfragung.

Langzeitpubertierender Akademiker

Interessanterweise wurde die Tragikomödie über den langzeitpubertierender Akademiker in "Haus und Kind" von einem Autoren geschrieben, welcher der Adoleszenz zumindest in Jahren nicht weiter entrückt sein könnte: Wolfgang Kohlhaase, 78. Der einstige DEFA-Autor, Mitschöpfer von großen Berlin-Filmen wie "Solo Sunny" oder "Sommer vorm Balkon", hat offensichtlich ein unkaputtbares Sensorium, um Stimmungen aufzunehmen und diese dann in trockene, bündige Worte zu überführen. In Sachen Dialog können dem alten Herren allenfalls "Alle Anderen"-Regisseurin Ade und "Mitte 30"-Autor Daniel Nocke das Wasser reichen.

In "Haus und Kind" gibt es nun gleich eine ganze Reihe von entlarvenden Sentenzen, wie sie nur Kohlhaase schreiben kann. Hier werden noch die feierlichsten Familienplanungsansprachen des Helden zu Zeugnissen seines jämmerlichen Egoismus'. Warum er denn unbedingt ein Kind haben wolle, wird der Professor einmal gefragt. Die Antwort: "Sonst stirbt man, und niemand ist traurig." Werd mal erwachsen, Alter!…


"Haus und Kind" , Freitag 28. August, 21.00 Uhr, Arte



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