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Neue Serie über Berlusconis Aufstieg Als es mit Bunga-Bunga losging

Die italienische Politserie "1994" erzählt vom Aufstieg Silvio Berlusconis und dem Beginn der rechtspopulistischen Ära.
aus DER SPIEGEL 5/2020
Darsteller Paolo Pierobon, Silvia Degrandi: "Friseure wählen Forza Italia!"

Darsteller Paolo Pierobon, Silvia Degrandi: "Friseure wählen Forza Italia!"

Foto: Sony Channel

Die Tänzerinnen vom Fernsehballett machen Aufwärmübungen, Techniker optimieren die Lichtverhältnisse, und im Gewusel fachsimpelt Silvio Berlusconi mit seinem Berater über Haarschnitte und Anzüge. "Friseure wählen Forza Italia!", sagt er unter seinen wie immer gut geölten Haaren und zeigt die weißen Zähne, während er zwischen Garderobe und Talkstudio flaniert.

In einer langen Einstellung fährt die Kamera am Anfang der italienischen Politserie "1994 – Willkommen in der Zweiten Republik" durch die Kulissen von Mediaset, dem von Berlusconi gegründeten Fernsehimperium, das immer wieder ins Visier der Justiz geraten ist. Es sind die Kulissen, in denen von nun an Italiens Politik gemacht werden wird.

In der ersten Folge tritt Berlusconi im März 1994 als Kandidat der neu gegründeten Forza Italia zum Duell gegen den Spitzenkandidaten der linken PDS an. Während die beiden Kontrahenten vor der Kamera streiten, versuchen ihre Berater, Material zu besorgen, das den Gegner vor laufender Kamera kompromittieren könnte. In den Werbepausen wird nachgeladen. Aber eigentlich müssen Berlusconis Leute nicht lange suchen. Sein Gegner demontiert sich selbst: Er trägt Braun, was ihm in dem auf Berlusconi abgestimmten Studiolicht die Ausstrahlung einer Moorleiche verleiht.

Grelle Verweise auf die Gegenwart

Raffiniert spielt "1994" mit den Oberflächenreizen der unter Berlusconi entstehenden Fernsehdemokratie. Die Serie zeichnet aber auch die weniger gut sichtbaren Kraftströme nach, die in dieser Umbruchzeit nach Schmiergeldaffären und Parteizusammenbrüchen zur Wahlrechtsreform und zu Italiens Zweiter Republik führten.

"1994" ist die dritte Staffel eines umfassenden Serienprojekts, das eine Gruppe von Autoren für Sky Italia produziert. Im ersten Teil, "1992", ging es um die Ermittlungsaktion "Mani pulite" zu Korruptionsvorwürfen gegen das gesamte italienische Polit-Establishment – sowie das Erstarken der rechten Lega Nord. "1993" handelte vom Eintritt Berlusconis in den Politbetrieb, und nun wird der Regierungspakt verhandelt, den dieser unter anderem mit dem Lega-Nord-Chef Umberto Bossi schloss. Ein Bündnis, das nicht lange hielt – und doch vorwegnahm, was heute in vielen Ländern Europas Realität ist oder Realität zu werden droht: Rechtspopulisten in Regierungsverantwortung.

In einer Szene sieht man, wie Lega-Chef Bossi in Badehose am Mittelmeer gegen das demokratische System hetzt – so ähnlich wie es sein Parteikollege Matteo Salvini erst im ver-gangenen Jahr am Strand gegen Flüchtlinge getan hat. Dolce Vita auf die rechtspopulistische Tour.

Doch es sind nicht nur diese grellen Verweise auf die Gegenwart, die "1994" zur besten Politserie machen, die das Fernsehen zurzeit zu bieten hat. Es sind vor allem die sorgsam ausgearbeiteten Charaktere.

Da ist der Werbefachmann Leonardo Notte. Ein Strippenzieher, der weiß: "Damit Berlusconi leuchten kann, müssen andere im Schatten stehen." Nottes Machthunger geht weit über Postengier hinaus: "Ich will nicht Minister sein, ich will die Minister aussuchen."

Da ist der Ex-Soldat Pietro Bosco, der aus dem Golfkrieg heimgekehrt ist und zu einem der wichtigsten Männer der Lega Nord aufsteigt. Ein versehrter Wüterich, der die Himmelfahrtskommandos, in die er von heimtückischen Parteikollegen geschickt wird, in Überraschungssiege wendet. Und da ist das Revuegirl Veronica Castello. Sie tanzt am Anfang in Berlusconis schöner neuer Fernsehparallelwelt, wird dann von Notte strategisch mit Lobbyisten und Politikern verkuppelt.

Die Prostituierte, der Krieger und der Werber, das klingt nach simplen Rollentypen. Die drei Figuren sind aber weit mehr als nur die Motoren des Intrigenkarussells um Berlusconi. Sie zeigen in ihrer klug begründeten Wandlungsfähigkeit auch die Instabilität der Werte in der Politik, die das System schließlich einstürzen lassen.

DER SPIEGEL 5/2020
Foto: Pascal Kerouche/ Universal Music

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"1994" ist psychologisches Drama, Thriller und Satire in einem. Für jede Folge wird ein eigener Ton gesetzt. Mal geht es überspannt und barock zu, mal düster und gewalttätig wie in der Mafiaserie "Gomorrha".

Italien ist in seiner Geschichte mehrmals Labor neuer Regierungsformen gewesen. Hier formte sich die Römische Republik im fünften Jahrhundert vor Christus, hier bildeten sich die städtischen Kommunen im Mittelalter – und hier entstand auch der Faschismus Anfang des 20. Jahrhunderts.

"1994" erzählt davon, wie ein neues Regime entsteht. Damals oft belächelt vom Rest Europas, sah der Aufstieg Berlusconis doch so italienisch aus. Aber das war falsch. In den westlichen Gesellschaften hat sich der Populismus etabliert, fast überall leidet die politische Klasse unter ähnlichen Legitimationsproblemen, neue Medien setzen die Demokratien unter Druck. Diese Serie zeigt, wie all das begann.

Ab 30. Januar beim Sony Channel (abrufbar über Prime Video, Vodafone, Unitymedia, MagentaTV). Ab Ende März auf DVD

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