FOX-Serie "Legion" Nur Verrückte können diese Welt noch retten

Die Serienadaption des Marvel-Comics "Legion" präsentiert eine aus den Fugen geratene Welt mit Superhelden - und schafft dabei etwas überraschend Neues.

Chris Large/ FX

Comicadaptionen in Kino und TV gibt es längst in Legionen. Braucht es da wirklich noch eine Figur aus dem Fundus der großen Comicverlage als Fernsehserie? Führt das nicht zum Ermüdungsbruch?

Die Serie "Legion" zerstreut sofort die Zweifel: Das TV-Drama um den gleichnamigen, von mentalen Problemen geplagten Mutanten aus Marvels "X-Men"-Universum zeigt sich in den ersten Folgen derart unverbraucht und unberechenbar, dass es selbst übersättigte Serienkonsumenten begeistern sollte.

Showrunner Noah Hawley ("Fargo") schert sich beim Auftakt erfreulich wenig um chronisch verworrene Personaltableaus und Zeitleisten der Comicvorlage, sondern springt ohne Umschweife in die Schuhe seines unkonventionellen Antihelden: David Haller ("Downton Abbey"-Star Dan Stevens) ist Anfang 30 und war den Großteil seines bisherigen Lebens in psychiatrischer Behandlung.

Paranoide Schizophrenie lautet die düstere Diagnose, die ihn aktuell in die geschlossene Anstalt Clockworks gebracht hat. Hier verbringt David monotone Tage zwischen Therapiesitzung und Medikamenteneinnahme, unterbrochen nur durch die Krankenbesuche seiner älteren Schwester Amy (Katie Aselton) und die Gesellschaft seiner anarchischen Mitpatientin Lenny (Aubrey Plaza).

Unberechenbar zwischen Paranoia und Psychedelia

Dabei ist David genau genommen nie allein: Die zahlreichen Stimmen in seinem Kopf sind nicht zum Schweigen zu bringen und gehen zudem mit beängstigenden Visionen einher. Dass sich David nach solchen Schüben nicht selten in zertrümmerten Zimmereinrichtungen und ohne Erinnerung an das Geschehen wiederfindet, befördert kaum seine Chancen auf eine baldige Entlassung. Doch dann kommt mit Syd Barrett (Rachel Keller) eine neue Patientin in die Klinik, die Davids ohnehin fragile Wirklichkeit komplett auf den Kopf stellt. Nicht nur verliebt sich David beim allerersten Blickkontakt in die junge Frau mit den panischen Berührungsängsten, sie ist es auch, die ihm - ganz im Sinne ihres psychedelischen Namenspatrons -, eine radikal neue Sicht auf die Welt eröffnet.

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"Legion": Stimmen im Kopf

Davids vermeintliche Krankheitssymptome gründen in einer Mutation, die ihm eine mächtige, aber bislang unkontrollierte Fähigkeit zu Telepathie und -kinese verleiht. In Davids Welt jagt eine sinistre paramilitärische Einheit namens Division Three alles, was ihr in Genen und Begabung andersartig erscheint. Derweil suchen verfolgte Mutanten im Untergrund nach Schutz und Antworten auf die existenzielle Frage, wie sie mit dem neuentdeckten Fremdsein im Selbst umgehen sollen.

Trau keinem Normalo

So auch David, der sich weniger freiwillig denn von dramatischen Ereignissen getrieben einer Gruppe von Mutanten um die Therapeutin Melanie Bird (Jean Smart) anschließt. Konsequent nimmt Hawleys Serie die Perspektive des zunächst rührend plan- und hilflos wirkenden Protagonisten ein.

Doch David ist ein ebenso einnehmender wie unzuverlässiger Erzähler, und die wiederkehrende Frage, wann seine Wahrnehmung einer objektiven Wirklichkeit entspricht, und wann sein traumatisiertes Bewusstsein ihn und damit auch uns täuscht, sorgt für zusätzlichen Reiz. Gleiches gilt für die sich bedrohlich abzeichnende Möglichkeit, dass nicht alle Stimmen in Davids Kopf seinen Nächsten freundlich gesinnt sind. Der Name "Legion" verweist im ursprünglichen Comic auf die multiplen Persönlichkeiten der Figur.

Wie schon bei seiner zu Recht gefeierten Serienadaption des Coen-Brüder-Films "Fargo" macht sich Noah Hawley Tonalität und einzelne Motive einer Vorlage respektvoll zu Eigen, um mit Stilwillen etwas verblüffend Neues daraus zu entwickeln. So gibt es bei ihm zwar vereinzelt Referenzen an "X-Men"-Fiktionen, ansonsten nabelt sich "Legion" jedoch von bekannten Erzählsträngen ab.

Diese Eigenständigkeit zeigt sich auch im Look der Serie, der Gegenwartselemente und Retro-Dekor kombiniert, und in der Wahl beredter Songs für den Soundtrack. Vor allem aber nutzt Hawley die labile Verfasstheit seines Helden für eine kongenial sprunghafte Inszenierung, in der auf Situationskomik unvermittelt Horrorsequenzen folgen, oder intimes Kammerspiel nahtlos in einer Musicalnummer mündet.

Geerdet wird der gut aussehende Genretrip indes ganz klassisch durch die Romanze, die sich trotz tragischer Hürden zwischen David und Syd anbahnt. Die Liebesbeziehung zweier vermeintlich Verrückter ist vielleicht das einzig Vernünftige, was einer Welt voller feindseliger Normalos entgegenzusetzen ist. Unter den vielen Gründen, "Legion" zu sehen, ist dies der schönste.


"Legion": Donnerstags, 21 Uhr, auf FOX



insgesamt 7 Beiträge
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aysnvaust 09.02.2017
1. Hawley (
Danke, reicht als Info - ist hiermit auf meiner "must see" - Liste.
aysberg 09.02.2017
2. Sky-Serie?
Die Serie ist vom Sender FX produziert worden, Sky strahlt diese nur aus. Ist dann Game of Thrones in der nächsten Staffel auch nicht mehr von HBO sondern Sky? Sind wohl alternative Fakten. FX wird nicht einmal in dem Arikel erwähnt.
Madagon 09.02.2017
3. Super Pilotfolge!
Die erste Folge ist der Hammer. Hoffe die Qualität bleibt. Bei mir kam irgendwie ein "The Prisoner"-Vibe auf, warum auch immer. Freue mich schon auf die nächsten Folgen. Und ja natürlich hat SKY die Serie nicht gemacht, aber soll man jetzt bei jeder Sitcom auf PRO7 dazu sagen, dass die im Original auf CBS oder so läuft? Man kann es auch übertreiben!
olawes 09.02.2017
4. Sky Serie?
Die Serie kommt auf FOX. FOX gibt es nicht nur bei Sky sondern auch bei Vodafone zum Beispiel und sonst wo. Wer Sie dann produziert hat ist eine andere Frage. Ist auf jeden Fall keine Sky Serie. Bitte korrigieren. Danke =) Dennoch gute Arbeit.
ArmeOhren 10.02.2017
5.
Klingt nach Mr. Robot, Sense8 und X-Men. Bin mal gespannt.
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