Arte-Krankenhausserie Nicht mal Halbgöttin in Weiß

Von der Schwester zur Notfallärztin: In "Verrate mich nicht" klaut sich eine Hochstaplerin die Identität einer Freundin. Jodie Whittaker macht die Miniserie zur One-Woman-Show - und das ist gut so.

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Doktor Allison Sutton zieht sich das Umhängeband mit ihrer Dienstkarte über den Kopf, dann ihren Doktorkittel. Sie steht halbnackt im Umkleideraum der Notaufnahme in Edinburgh - und ist, ohne Ausweis, ohne Kleidung, wieder Cath Hardacre, Krankenschwester. Zitternd vor Anspannung. Weil ihr dämmert, dass sie sich überschätzt hat. Dass ihre fachliche Ahnungslosigkeit Menschenleben kosten kann. Und sie damit eine von jenen ist, vor denen sie so dringend warnen wollte, zuhause in Sheffield.

Drei Monate ist das nur her. Zeit genug für Cath, um abzurutschen. Und ihre eigene Moral gleich mit. Von dieser bröckelnden Erosion eines Lebenskonstrukts erzählt die vierteilige BBC-Miniserie "Verrate mich nicht": ein Drama über Identitätsklau und Klinikmissstände, die nun Arte an zwei Donnerstagen hintereinander zeigt. Und zwar ausgerechnet mit Jodie Whittaker in der Hauptrolle - dass sie parallel gerade als erste weibliche Dr. Who der TV-Serien-Geschichte umherzischt, ist ein herrlicher Gag in Sachen Identitätswechsel.

Dass Cath zu Ally wurde, von Krankenschwester zu Frau Doktor, nun, es ergab sich so. Als sie mit dem Rücken zur Wand stand, fiel ihr das Leben ihrer Freundin, der Notaufnahmeärztin Allison Sutton in den Schoß; die wanderte aus, ihre Unterlagen ließ sie zurück. Für Cath ein Packen Papier, der ihr Macht gibt: um endlich etwas zu ändern - für die Patienten. Und sich selbst und ihre Tochter Molly.

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Es gehört zur stechenden Brillanz dieser Story, dass sie die Frage nach den Rissen im Guten eines Berufsstands stellt, dem es eigentlich um nichts anderes gehen sollte: darum, zu helfen. Cath ist Gewerkschaftertochter, aufgewachsen mit der Überzeugung, gegen Missstände die Stimme zu erheben. Als sie es tut, weil Patienten stundenlang in ihrer eigenen Pisse liegen, zum Sterben heimgeschickt werden oder gar nicht erst durchkommen, wird sie rausgeschmissen.

Die Selbstgefälligkeit kommt ins Spiel

In einer Notaufnahme fünf Autostunden entfernt in Edinburgh heuert sie als Ärztin Allison Sutton an - ohne dass die Personalabteilung einmal nach ihr googelt, sei's drum. Es ist, als lässt Cath mit ihrem Job als Krankenschwester auch eine Haltung zurück: Sie reagiert nicht mehr nur, sie übernimmt, ganz Ärztin, die Kontrolle über ihr Leben. Alleinerziehend, enge Wohnung, ständig klammer, unzuverlässlicher Ex dort - lichtes Appartment, Tagesmutter im Haus, großherzige Kollegen-Liebe Andy (Emun Elliott) hier.

Doch Caths Überzeugung, besser zu sein als alle anderen, moralisch wie fachlich, verhärtet sich zu Selbstgefälligkeit. Figuren, die eigentlich für "die Guten" stehen, aber von der eigenen Grandiosität so berauscht sind, dass die Grenzen von Recht und Unrecht verschwimmen, gehören zu den spannendsten, siehe die TV-Serie "Breaking Bad", siehe das Schicksal von Whistleblower Julian Assange: weil sie ihr Gutsein selbst infragestellen.

Die tastende Unsicherheit, die Cath bei jedem hastenden Schritt auf den Gängen der Notaufnahme zu kaschieren sucht, sie wäre leicht erklärt: Sie ist die Neue. Dass sie auf einmal Können vortäuschen muss, auf einem Röntgenbild etwas zu sehen, die richtige Dosis Morphium anzuweisen, mit den richtigen Handgriffen zu intubieren oder Notschnitte zu setzen - es bringt sie ins Wanken. Und in ein Dilemma aus Abhängigkeiten. Das einzige Geländer, das ihr bleibt, ist ihre berufsethische Freundlichkeit, sich für nichts zu schade zu sein, "Sie sind eine von uns", sagt eine der Schwestern auch prompt.

Auf einmal Täterin

Cath, die nie lügt. Cath, die das Larifari im Gesundheitssystem für menschenverachtend hält, ist auf einmal selbst Täterin. Wie Jodie Whittacker zwischen zwei Atemzügen die Identitäten wechselt, und den Kraftakt, die Zweifel zu verbergen, in ihrer Mimik spiegelt, ist sagenhaft. Die Kamera immer ganz nah an ihrem Gesicht, ihrem Atmen.

Bis ein erster feiner Riss in ihrer druckerpapierdünnen Identität auftaucht - ein idealer Cliffhanger am Ende des ersten Abends. Dass der deutsche Titel darauf mit "Verrate mich nicht" anspielt, schiebt leider den Fokus weg von Cath auf ein Gegenüber. Das Original "Trust me" trifft Caths beißende Anstrengung dann doch präziser. Auch wenn der Rest der Besetzung weit mehr ist als Staffage, ist unübersehbar: Dies ist eine One-Woman-Show, und zwar völlig zu Recht.

Autor Dan Sefton und die beiden Regisseure Amy Neil und John Alexander, die bislang vor allem episodenweise britische TV-Serien mitgestaltet haben, haben hier nun einen Vierteiler hingelegt, der trotz der finalen Wendung als spannendes, abgeschlossenes Ganzes funktioniert. Muss er auch: Whittaker ist wegen des Langzeitgigs als Dr. Who raus. Aus der Not wurde nun ein Konzept: Eine zweite Staffel mit vier Folgen ist in der Mache, mit komplett neuem Ensemble und Setting.

Es ist wohl auch besser so. Das Schicksal der Serie wäre eine Abwärtsspirale aus Abhängigkeiten bis ins Absurde gewesen. Weit weg vom Kern des moralischen Dilemmas. Eine Lüge ist eine Lüge ist eine Lüge. Und einfach verdammt anstrengend.


"Verrate mich nicht" läuft ab 31. Januar, 20:15 Uhr, auf Arte.



insgesamt 4 Beiträge
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Anandamid 31.01.2019
1. Man darf gespannt sein
Ich gucke ARTE eigentlich immer nur, damit die Leute denken ich hätte Kultur. Was ganz sicher nicht stimmt ;-) Gerüchteweise ähnelt das Gesundheitssystem in Großbritannien ja eher einem in der 3. Welt.
schwarzmaler 31.01.2019
2. ...
Kurzweilig und spannend. Das Einschalten hat sich gelohnt.
Lisa_can_do 01.02.2019
3. Fiktion hinter Realität
ja, wir Deutschen sind dann schnell mal dabei, dass Gesundheitssystem in Grossbritannien zu bashen. Kann man auch, weil so schlecht, obwohl die meisten Deutschen so gar keine Ahnung haben, von keinem Gesundheitssystem. Aber so geschehen, das heißt "falsche" Ärztin mit einer gefälschten Prüfung bzw. das Dokument dazu, erfolgreiche Karriere in einem Hamburger Krankenhaus, beliebt bei Patienten, sehr gute Medizinerin, erfolgreich in der Forschung, also überhaupt gar keine Gefahr für die Patienten, im Gegenteil. Nur kriminell, weil eine große Prüfung nicht bestanden, Prüfungsdokument gefälscht und dann auch die Approbation, weil man alle Originale im Landesprüfungsamt vorlegen muss. Aber die Personaler der Klinik hatten es jahrelang nicht für nötig gehalten, doch mal die Original-Approbation einzufordern. Die reale Story ist fast "schöner" und auch dramatischer als die Filmstory, weil eine sympathische junge gutaussehende Ärztin mit hohem Beliebtheitsgrad bei Patienten und Kollegen eben doch kriminell ist, wenn der Abschluss gefälscht ist. Aber zum Glück haben sich die Engländer/ Schotten sich der Story angenommen und nicht wir Deutschen, die wir das Filmgeschäft nun noch schlechter können als Gesundheitswesen....
wally76 03.02.2019
4. Fall in Hamburg, @3
Naja, die Dame hat seinerzeit ja nicht nur eine große Prüfung nicht bestanden, sondern ab dem nicht bestandenen Physikum keine weitere Prüfung abgelegt (weil nicht an der Uni eingeschrieben). Also auch das zweite und dritte Staatsexamen nicht. Man hätte bei so starkem Berufswunsch ja auch in der Schweiz, Österreich oder Ungarn deutschsprachig (weiter-)studieren können, ich kenne einige, die so doch noch Ärzte geworden sind...
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