Mystery-Serie von M. Night Shyamalan Eltern zu sein ist der größte Horror

Der neue Streamingdienst Apple TV+ rührt die Werbetrommel mit großen Namen aus Hollywood. Darunter M. Night Shyamalan, der mit der fulminant inszenierten Serie "Servant" jetzt sein Apple-Debüt gibt.

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Da kann doch was nicht stimmen, wenn das Bild so ausgeleuchtet ist, dass im Dunkel des Hintergrundes ein unnennbares Grauen zu hocken scheint. Da stimmt doch was nicht, wenn auf dem Soundtrack ganz unvermittelt Geigen zu sägen beginnen. Und etwas stimmt ganz offensichtlich nicht, wenn ein Vater sein Baby an den Beinen aus seinem Bettchen zerrt und seinen Kopf dabei achtlos gegen das Gitter schlagen lässt.

Die Filme des Regisseurs M. Night Shyamalan ("The Sixth Sense") sind vieles. Subtil ganz gewiss nicht. Er lässt den Zuschauer gern lange im Unklaren, was sich in seinen Geschichten unter der Oberfläche verbirgt, aber das hier etwas nicht stimmt, daraus machen seine immer hochsymbolisch aufgeladenen Bilder nie ein Geheimnis. Die Sache mit dem Baby ist übrigens schnell aufgeklärt, und keine Angst vor Spoilern, man sieht es schon im grandios beunruhigenden Trailer: Es handelt sich um eine lebensecht wirkende Puppe. Womit das eigentliche Mysterium im Kern dieser Geschichte aber erst beginnt.

Shyamalan ist einer der großen Namen, mit denen Apple sich schmückt, wenn der Konzern seinen neuen Streaming-Kanal TV+ bewirbt. Eine riskante Angelegenheit: Wohl kein anderer Regisseur wurde dermaßen in den Himmel geschrieben und in die Verrisshölle gestoßen wie Shyamalan. Über seinen letzten Film "Glass" schrieb der Kritiker der "Chicago Sun-Times": "Shyamalan telegrafiert die Twists der Story so offensichtlich, dass sie die Titanic hätten retten können."

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"Servant": So viele Geheimnisse

Dass seine Filme so eklatant darin versagen, echte Erzählwelten zu erschaffen und mit schnell durchschaubaren Taschenspielertricks arbeiten, scheint Teile des Publikums indes nicht zu stören. Seine günstig produzierten Mysterythriller setzen sich an den Kinokassen regelmäßig gegen die Superhelden-Blockbuster-Konkurrenz durch. Also doch ein schlauer Move von Apple, mit "Servant" für sein noch junges Hobby TV+ die Werbetrommel zu rühren?

Die Geschichte jedenfalls evoziert sofort die Marke Shyamalan, obwohl er die Serie nur produzierte und die ersten beiden von insgesamt zehn Folgen inszenierte (Drehbuchautor und Showrunner ist der Brite Tony Basgallop). Sie folgt der Familie Turner, die ganz offensichtlich große Probleme hat. Als der Zuschauer sie kennenlernt, zieht gerade die Nanny Leanne (Nell Tiger Free) in das düstere Stadthaus in Philadelphia ein. Sie soll sich künftig tagsüber um den kleinen Jericho kümmern, während seine Mutter Dorothy (Lauren Ambrose) wieder als TV-Reporterin arbeitet und Vater Sean (Toby Kebbell) zu Hause über neuen Gourmet-Gerichten brütet.

Zwischen den Eheleuten kriselt es ganz gewaltig, und schnell lüftet das Drehbuch den ersten von vielen Geheimnisschleiern: Der Säugling Jericho ist in Wahrheit am plötzlichen Kindstod gestorben; der Körper, den Dorothy im Arm hält und sanft wiegt, gehört eben jener Puppe, die ihr helfen soll, ein Trauma zu verarbeiten, das sie in eine katatonische Starre zwang. Jetzt scheint sie davon überzeugt zu sein, bei der Puppe handele es sich um ihr Kind. Leanne spielt das Theater mit - oder ist es für sie gar keins? Bei Sean schrillen jedenfalls die Alarmglocken, als sie auch in Dorothys Abwesenheit mit der Puppe spricht und sie im Kinderwagen spazieren fährt.

Gegen "Servant" lassen sich viele der bekannten Vorwürfe vorbringen, die Shyamalans Werk seit Jahren begleiten: Das Drehbuch nietet lediglich Genre-Versatzstücke aneinander; die Schockmomente kündigen sich mit Fanfaren an; das dramaturgische Gebäude wird notdürftig vom Geheimnis im Zentrum zusammengehalten. Und doch geschieht hier eine wunderbare Transformation: In Serienform funktioniert plötzlich das, was im Kino oft dahingestümpert wirkt.

Zum Teil liegt das daran, dass die zehn Episoden der ersten Staffel jeweils nur 30 Minuten lang sind, ein ganz wunderbares Format, das in Zeiten der Serienschwemme viel zu selten bedient wird. Wie dünn die Geschichte eigentlich ist, fällt in den reduzierten Häppchen zunächst gar nicht auf; stattdessen trumpfen Atmosphäre und filmische Umsetzung umso mitreißender auf.

"Servant" spielt ausschließlich im Haus der Turners, und Shyamalan macht mit seinem Team aus dieser bühnenhaften Anordnung ein beeindruckendes Horror-Kammerspiel. Die Bilder sind grandios düster, Bild- und Tonschnitt desorientieren immer wieder mit plötzlich platzierten Großaufnahmen und Störgeräuschen, und das Grauen, auf das die Geschichte zwangsweise zuläuft, wirkt mit Händen greifbar. Zudem legt Rupert Grint, der Ron Weasley aus "Harry Potter", einen sensationell furchteinflößenden Auftritt als Dorothys unsympathischer Bruder hin.

Ein fulminant inszeniertes guilty pleasure hat Apple TV+ mit "Servant" also im Angebot. Eine zweite Staffel ist schon bestellt, noch vor der Premiere der ersten. Möglich, dass das dürre Storygerüst die noch gerade so trägt. Dass Shyamalan allerdings öffentlich von sechs Staffeln fantasiert, klingt dann wieder nach dem Größenwahn, der ihn schon früher in Schwierigkeiten brachte.



insgesamt 3 Beiträge
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tomshield 29.11.2019
1. Die Filme des M. Night Shyamalan sind vieles -
- aber bis auf The sixth Sense alles andere als gute Filme. Man könnte auch sagen: dieser Regisseur zehrt nur noch einzig und allein von The sixth Sense. Der Rest kann getrost als furchtbare Gurken, im wohlwollenden Fall noch als halbwegs solide Inszenierte Durchschnittskost bezeichnet werden. Diese Serie betrachte ich zunächst einmal aus der Distanz mit großer Skepsis.
Tobi2995 30.11.2019
2. Weitere gute M. Night Filme
Also neben The Sixth Sense fand ich noch Unbreakable und The Village richtig gut. Und kommerziell erfolgreich waren die ja glaube ich auch. Da gibt es eine Menge Regisseure mit einer schlechteren Bilanz denke ich...
martinm70 30.11.2019
3. Klingt nicht sonderlich spannend
Eine Frau die eine Puppe für ihr echtes Kind hält und wo sich alles nur in einer Wohnung abspielt? Keine Ahnung wie man damit eine Staffel füllen könnte. Aber vielleicht gibts ja noch irgendwo einen Twist der es interessanter macht.
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