Sex-Talk bei Maischberger König Trieb und Hofnarr Hirn

Voll enthemmt auf Kukident: Mit einer Gruppe betagter Herrschaften besprach Sandra Maischberger die Sex-Eskapaden Berlusconis. Die Lifestyle-Veteranen Rolf Eden und Rainer Langhans entpuppten sich als unschlagbar unterhaltsames Gespann - ließen die Diskussion aber leider um sich selbst kreisen.

WDR

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Die Vibrationen der sagenhaften Partynächte Silvio Berlusconis haben Deutschlands öffentlich-rechtliches Spätprogramm erreicht: Am Dienstag zu sehr später Stunde veranstaltete Sandra Maischberger mit einem halben Dutzend aufgeschlossener älterer Menschen eine kleine Bunga-Bunga-Runde, in der sie sich mit Sexdienstleisterinnen und Hormonexperten aller Art angeregt über das mögliche Liebesleben des Cavaliere austauschte.

Wobei: Das klingt jetzt spektakulärer als es in Wirklichkeit war. Tatsächlich nahm man die mutmaßlichen Grenzüberschreitungen des italienischen Ministerpräsidenten zum Anlass, um sich ein paar generelle Gedanken über die Entfesselung der Triebe im fortgeschrittenen Alter zu machen.

Und das hätte tatsächlich eine Ergänzung zur bisherigen Berlusconi-Debatte darstellen können. In der öffentlichen Auseinandersetzung geht es ja oft weniger darum, dass ein Regierungschef möglicherweise seine Macht missbraucht, um Sexpartys mit Minderjährigen organisieren zu lassen, sondern vielmehr darum, dass sich da ein 74-Jähriger herausnimmt, 28 Frauen zu seinem Vergnügen um sich scharen. Was zwei ganz unterschiedliche Dinge sind: Das eine ist ein Verbrechen, das andere Zeitvertreib. Kein sonderlich vertrauenerweckender, zugegeben. Komischerweise scheint man sich hierzulande weniger über das mögliche Verbrechen als über die Freizeitgestaltung aufzuregen.

So gesehen hätte die Maischberger-Runde unter der Fragestellung "Trieb statt Hirn: Warum hat Sexualität solche Macht?" der Diskussion ein paar neue Wendungen abringen können. Waren hier doch mit Playboy-Veteran Rolf Eden, Freigeist-Senior Rainer Langhans, einem Therapeuten und zwei Sexdienstleisterinnen ein paar der wenigen Menschen versammelt, die Berlusconis offiziell noch nicht ganz ausgeleuchteten Eskapaden mit Verständnis begegneten.

Ein Mann, der mit Frauen umgehen kann?

Nur die Fernsehjournalistin Maria von Welser, einst Moderatorin des Frauenmagazins "Mona Lisa", fand deutliche Worte der Empörung über das mutmaßliche Treiben des umtriebigen Politikers: "Ich glaube, es macht keinen Spaß mit einem älteren Herrn ins Bett zu gehen - pardon, Herr Eden!"

Eden, 81, reagierte leider sehr zeitversetzt auf diese Vorlage. Er musste wohl erstmal wach werden. Statt Auskunft über sein schon häufig öffentlich gemachtes, viagragestütztes Liebesleben zu geben, verzettelte er sich erstmal in einer senilen Solidaritätsadresse an Berlusconi, offensichtlich ein Bruder im Geiste: "Er muss das Gesetz ändern. Jeder muss nun mal die Politik zu seinen Gunsten nutzen."

Keine hilfreiche Ergänzung zu den demokratiefeindlichen Einlassungen Edens war die schwärmerische Ferndiagnose, die die ehemalige Gelegenheitsprostituierte Elke Päsler dem Italiener zukommen ließ: "Es ist eben ein Mann, der mit Frauen umgehen kann." Das spielte riskant jenen zweifelhaften Legitimationsversuchen von Sexdienstleistungen zu, die besagen, dass der Beruf Hure ja auch immer etwas mit Berufung zu tun hätte. Zum Glück räumte anschließend Hurenaktivistin Stephanie Klee, die jahrelang für die Anerkennung der Prostitution als Profession stritt, schnell mit möglichen Freier-Illusionen auf: "Es geht nicht um den Spaß, es ist unser Beruf. Nicht wir leben unsere Sexualität, sondern der Kunde lebt seine."

Und der Sexualwissenschaftler Ulrich Clement stellte in beruhigend-sonorem Therapeutentonfall Mutmaßungen darüber an, wie diese Sexualität bei Berlusconi beschaffen sein könnte: Um den Sex ginge es bei ihm vielleicht ja gar nicht, eher um Ängste, die er durch das Kaufen von Frauen überwinden zu können glaubt. Das war eine Möglichkeit, mit der Eden, inzwischen aufgewacht, gar nichts anfangen konnte. Er machte stattdessen eine schnöde Rechnung auf: "Mit ein, zwei Frauen schläft er, die anderen verschont er. Geht ja in dem Alter gar nicht anders."

Diesseits von Eden

Aber eigentlich schien der Playboy, der über seine fast sieben Jahrzehnte Beischlafaktivitäten Buch geführt hat und der der gerade mit der Dokumentation "Big Eden" auf der Berlinale für Furore gesorgt hat, gar nicht so sehr über die Konkurrenz aus Italien parlieren zu wollen. Sondern lieber über sich selbst. Er könne nun mal nicht zwei Wochen lang mit ein- und derselben Partnerin schlafen: "Die haben mir Spaß gemacht, die 1000 Mädchen."

Als perfekte Ergänzung zu Eden entpuppte sich Ex-68er und Ex-Dschungelcamper Rainer Langhans, 70, der sich abgesehen von medialer Abstinenz in jeder Art von Verzicht übt. Er sieht das Körperliche auf dem Rückzug: "Wir stehen vor einer Kulturrevolution: Wir werden immer geistiger", erklärte er. Ende der Sechziger führte Langhans eine öffentliche Liebesbeziehung mit Uschi Obermaier, der damals begehrtesten Frau des Landes, ja vielleicht der Welt; heute lebt er seit über 30 Jahren keusch. Einer der Gründe dafür: "Wenn du einen geistigen Orgasmus erlebt hast, willst du keinen körperlichen mehr."

Der kettenbehangene Eden und der lustig gelockte Langhans waren das beste Gespann, das man seit langem in einer Talkshow gesehen hat: König Trieb und Hofnarr Hirn. Doch auch mit gemeinsamer Power brachten die beiden Selbstdarsteller kaum mehr als eine Ahnung in die Ausdeutung der Eskapaden Berlusconis: Egomanie, so ist das wohl bei den meisten älteren Herren, könnte ein sehr viel wichtiger Beweggrund für dessen Handeln sein als Erotomanie.

Weiter führte die Talk-Runde der Hinweis von Aktivistin Klee, dass Sex im Alter eben immer öffentlicher werde. Darüber hätte man gerne mehr gehört. So sei inzwischen auch Prostitution im Seniorenheim durchaus salontauglich. "Warum", so Klee, "soll ich einen guten Kunden nicht auch im Altenheim weiter betreuen?"

Eine Sache, die für Rolf Eden dann aber doch nicht in Frage kommt. Allerdings: Auch er denkt gelegentlich ans Lebensende. Auch davon berichtete er bei Maischberger. 250.000 Euro, so hat er testamentarisch festgelegt, soll die Frau bekommen, die dabei ist, wenn er beim Liebesakt das Zeitliche segnen sollte.

Seitdem hat der Greis und Berlusconi-Verteidiger alle Hände voll zu tun, seinen Terminplan für Sterbehelferinnen und Beischlafkandidatinnen zu koordinieren.

insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
tommahawk 09.03.2011
1. Mist!
Zitat von sysopVoll enthemmt auf Kukident: Mit einer Gruppe betagter Herrschaften besprach Sandra Maischberger*die Sex-Eskapaden*Berlusconis. Die Lifestyle-Veteranen Rolf Eden und Rainer Langhans entpuppten sich als unschlagbar unterhaltsames Gespann - ließen die Diskussion aber leider um sich selbst kreisen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,748464,00.html
Ihr Bericht zeigt mir, dass ich etwas Großes verpaßt habe! Grrr..., das muss eine gute Sendung gewesen sein. Bitte bitte: Wann wird die wiederholt?
frubi 09.03.2011
2. .
Zitat von sysopVoll enthemmt auf Kukident: Mit einer Gruppe betagter Herrschaften besprach Sandra Maischberger*die Sex-Eskapaden*Berlusconis. Die Lifestyle-Veteranen Rolf Eden und Rainer Langhans entpuppten sich als unschlagbar unterhaltsames Gespann - ließen die Diskussion aber leider um sich selbst kreisen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,748464,00.html
Das die Frauen es solange mit dem Eden in einen Raum ausgehalten haben, ist schon ein Wunder. Eden ist wenigstens ehrlich. Das muss man ihm lassen. Seine Äußerungen zu Sex mit 16 jährigen und das dieser völlig in Ordnung sei, macht mich allerdings ein wenig stutzig. Es mag zwar rechtlich einwandfrei sein, zumindest in Deutschland, aber moralisch ist das unterste Schublade. Ansonsten finde ich es ganz gut, dass bei Talkshows mal nicht die übliche Sau durchs Dorf getrieben wird.
janne2109 09.03.2011
3. das war
mit Abstand die unergiebigste Sendung von Maischberger
Wooster 09.03.2011
4.
Zitat von sysopVoll enthemmt auf Kukident: Mit einer Gruppe betagter Herrschaften besprach Sandra Maischberger*die Sex-Eskapaden*Berlusconis. Die Lifestyle-Veteranen Rolf Eden und Rainer Langhans entpuppten sich als unschlagbar unterhaltsames Gespann - ließen die Diskussion aber leider um sich selbst kreisen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,748464,00.html
Allein das Wort "Sexdienstleisterin" zeigt die Verquer- und Verklemmtheit auch des SPIEGEL. Die Frauen heißen: Nutten. Und ich mein' das nicht abwertend. Abwertend ist diese verniedlichende Umschreibung, die's auch bei anderen Dingen leider gibt: Ein Müllplatz ist plötzlich ein "Park" (Entsorgungspark) usw.
Badibu 09.03.2011
5. ..
Zitat von tommahawkIhr Bericht zeigt mir, dass ich etwas Großes verpaßt habe! Grrr..., das muss eine gute Sendung gewesen sein. Bitte bitte: Wann wird die wiederholt?
sie koennen sie in der mediathek des Ersten jederzeit per internet sehen. Einfach googeln. Ich werd' mir das wohl auch heute abend reinziehen.
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