TV-Comedy "Shapira Shapira" Die schutzlose Kehle

Hipsterverulkung und Hakenkreuz-Malkurs: In seiner neuen TV-Show witzelt Shahak Shapira gegen erwartbare Ziele. Überraschend und toll ist jedoch ein angeklebter Emo-Bürzel.

Moritz Künster/ ZDF

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Die erste Folge von "Shapira Shapira" ist fast vorbei, als man sich fragt, ob man diesem Mann mit dem schiefen Grinsen trauen kann. Eine eher ungewohnte Perspektive auf einen Comedian, aber Shahak Shapira ist auch der erste, der an einen Reigen aus (eher dahinplätschernden) Stand-up-Schnipseln und (weitgehend mittelprächtigen) Sketchen einen Ausschnitt aus einer echten Therapiesitzung bei einem echten Therapeuten anhängt. Zumindest wirkt das alles echt, und so entscheidet man sich dann doch dafür, zu glauben, dass es tatsächlich nicht gespielt ist, wenn Shapira immer tiefer in seinen Sessel rutscht und sagt: "Nichts, was ich mache, macht mich glücklich." Das ist der Moment, in dem sein neues Format auf ZDFneo tatsächlich interessant wird.

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"Shapira Shapira": Komik und Therapie

Shahak Shapira sprühte vor zwei Jahren unbeanstandete Hasstweets auf den Gehweg vor der Twitter-Zentrale und stellte auf seiner Webseite "Yolocaust" Selfie-Simpel aus, die vor dem Holocaust-Mahnmal posierten. In seiner Online-Persona kommt er selbst eher keulig daher - vor diesem Hintergrund blieb sein TV-Comedydebüt bis kurz vor Ende ziemlich krawummslos.

Fast bieder wirkte die Einbindung der Sketche in einen Live-Stand-up-Rahmen mit teilweise arg knarzenden Überleitungen, die Einspieler selbst verwitzelten ebenfalls eher konventionelles Lachmaterial: Hipster sind dumm und lassen sich auch rostige Mülltonnen als "uniques Item" andrehen, Nazis sind auch dumm und können nicht mal ein vernünftiges Hakenkreuz malen, und wenn man irgendwas Lustiges über Schwule sagen will, müssen qualvoll zwangsläufig die Worte "Pimmel" und "Popo" fallen.

Pointen wie "In Berlin ist es vintage, in Bayern ist es Sperrmüll" reichen dann doch nicht ganz für die angekündigte Humorrevolution, und dass sich Nazimallehrer Bernd RoSS, an sich eine wirklich hübsche Idee, bei seinen Swastika-Variationen irgendwann versehentlich einen Hitlerbart anpinselt und ins knatternde Führer-Rrrrr fällt, ist leider auch eher erwartbar.

"Ich bin ein trauriger, funktionierender Mensch"

Neu, toll und tatsächlich potenziell revolutionär ist an "Shapira Shapira" dann aber dieser letzte Einspieler, ein Zusammenschnitt aus einem 50-minütigen Therapiegespräch, von dem man erst nicht weiß, ob es nur Psycho-Posse oder -Pose sein soll. So sicher und kalkuliert alles Vorangegangene wirkte, so wenig angefasst man von seinen Witzen war, so kühn und berührend ist es, wenn ein Großschnauzler wie Shapira einem so überraschend die schutzlose Kehle hinhält. Im Therapiesessel sitzt und über sich sagt "Ich bin ein trauriger, funktionierender Mensch." Und erzählt, dass er alle Freunde verloren habe, seit er sein Leben in die Öffentlichkeit verlagert hat, dass er nicht mehr rausgehe, sich zu Hause einmotte, keine wirkliche Freude mehr empfinde.

Man fragt sich nach diesem vielleicht Fünf-Minuten-Schnipsel natürlich, was dieser angeklebte Emo-Bürzel sein will, der so gar nicht zum Rest passen will. Auch in den kommenden Folgen soll die "Open Therapy", das Psycho-Äquivalent zu einem Open-Mic-Auftritt eben, fester Bestandteil der Sendung sein.

Im schlimmsten Fall wäre sie nur ein kokettes Habt-mich-lieb-ich-bin-lädiert, im besten kann sie tatsächlich so unaufdringlich aufklärerisch wirken, wie Shapira selbst die Intention dahinter erklärt: Er habe sich gedacht, viele Menschen seien noch nicht offen genug für eine Therapie, vielleicht helfe es also, wenn er zeigt, dass er das auch macht. Die erste Folge von "Shapira Shapira" kann man sich neben vielen zusätzlichen Sketchen in der ZDF-Mediathek ansehen. Seine komplette erste Therapie-Sitzung, die ebenfalls online anzuhören ist, ist womöglich die lohnendere Wahl.

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insgesamt 2 Beiträge
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dasfred 10.04.2019
1. Danke für den Tipp
Ich lasse Shapira gerade auf den Bildschirm streamen. Tolle Ergänzung zum sonstigen Comedy Programm. Noch neu und unverbraucht. Mal sehen wie er sich entwickelt.
irieb 10.04.2019
2. Ein Glück, ich fühlte mich schon so alleingelassen...
... nämlich, als ich mir die Kommentare auf Twitter durchgelesen hatte, die fast alle positiv waren ("genau mein Humor", "Lachtränen" etc.: hä?). Nein, das war wirklich ÜBERHAUPT NICHT witzig! Teilweise hatte man sogar den Eindruck, dass Shapira sich selbst auf seiner Standup-Bühne ein bisschen für die lauwarmen Gags schämte. Abgesehen von der gefühlt hunderttausendsten Hipsterverarsche: Gerade diese Bob-Ross-Szene, die von vielen Nutzer*innen besonders hervorgehoben wird: Schön und gut, sich über Nazis lustig zu machen, die kein Hakenkreuz malen können, aber dann gerade Bob Ross zu persiflieren... ein Internetphänomen, über das sich schon so viele amüsiert haben, dass der 100. Aufguss, diesmal in der Naziversion, nur noch wehtut, und dann auch noch in dieser quälenden Länge... Sorry, aber ich habe von der humoristischen Qualität keinen Unterschied zu den üblichen Verdächtigen unter den deutschen TV-Comedy-Flitzpiepen erkennen können. Und was die Selbstoffenbarung am Ende betrifft: Geht es nur mir so, dass der Therapeut mit seiner ellenlangen Metaphernkette ziemlich unfreiwillig komisch wirkte?
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