Netflix-Serie "She's Gotta Have It" Lose liiert mit drei Männern

Sex-positiv, pansexuell und polyamourös: Spike Lee hat seinen Film "She's Gotta Have It" in eine Netflix-Serie übertragen. Deren Protagonistin: Nola Darling, eine selbstbestimmte Frau in Brooklyn.

Netflix

Von Julian Brimmers


Es ist kompliziert. Politisch, kulturell, im Job und im Privaten ist alles und jeder in Widersprüche verstrickt, aus denen man sich eine Identität zusammenbaut. Dabei gilt es, sein eigenes Vokabular und seine Ideale ständig dem sozialen Wandel entsprechend zu hinterfragen.

Die Millennials aus Spike Lees Netflix-Serie "She's Gotta Have It" ("Nola Darling" in der deutschen Fassung) leben in dieser Paradoxie von fluiden Zuständen und der Notwendigkeit, sich über möglichst passgenaue Schlagworte zu definieren. Egal ob "liberal", "libertär" oder "konservativ", "cis", "queer" oder "sapiosexuell", solche Labels sind immer nur Annäherungen. Doch man sollte sie sich draufschaffen, bevor jemand anders es für einen übernimmt.

Nola Darling, die Hauptfigur aus Lees gleichnamigem Spielfilmdebüt von 1986, haderte mit dem Label, das man ihr gegeben hatte: "Freak". Gemeint war hiermit die Stigmatisierung einer sexuell selbstbestimmten Frau Ende 20, die sich partout nicht zwischen drei Liebhabern entscheiden mochte.

Brooklyn 2016

Die TV-Serie überführt den Plot des Films nun in das Brooklyn von 2016. Die Nola Darling von heute arbeitet als freischaffende Künstlerin, mittlerweile lose liiert mit drei Männern (einem Geschäftsmann, einem Model, einem Fahrradladen-Hipster) und einer Frau. Anders als im Film stellt diese Konstellation weniger einen Wettbewerb um Nolas exklusive Zuneigung, als eine Projektionsfläche für das eigentliche Kernthema der Staffel dar - Nolas Identitätsfindung als Frau und Künstlerin. Nola labelt sich jetzt lieber selbst - als "work in progress", vor allem aber als "sex-positiv, pansexuell und polyamourös".

In der Serie steht das einstige Schockthema Promiskuität nicht mehr groß zur Debatte. Es geht um Selbstachtung, die soziale Verantwortung von Kunst und die Frage, wem die durchgentrifizierte "Republic of Brooklyn" eigentlich noch gehört. Das Viertel ist nicht länger nur die Bühne für Lees Figuren, sondern wird durch seinen strukturellen Wandel selbst zum essenziellen Teil der Handlung.

Zwischen Film und Serie liegen 31 Jahre, fünf weiße und ein schwarzer Präsident sowie über 45 fiktionale und dokumentarische Spike Lee-Produktionen. Die 31 Jahre machen sich auch in der Arbeitsweise Lees bemerkbar. Der wohl größte und provokanteste Auteur des New Black Cinema hat gelernt, seine Aufgaben zu verteilen, vor allem, um seine rein männliche Perspektive aufzubrechen. Die Serie ist ebenso sehr das Produkt von Lees Ehefrau und Produzentin Tonya Lewis-Lee, seiner Schwester Joie Lee, der Autorinnen Radha Blank und Eisa Davis sowie der zweifachen Pulitzerpreisträgerin Lynn Nottage.

Für "She's Gotta Have It" war die Dramatikerin Nottage als Autorin und Produzentin beteiligt. "Es gab lebhafte Diskussionen im Writers Room", lacht Nottage. "Wir sind alle leidenschaftliche Künstler mit klaren Vorstellungen. Spike war dabei stets zugegen - er wollte unseren weiblichen Stimmen zuhören und sich aktiv in der Debatte engagieren."

Eine Art Bestrafung und die Loslösung davon

Lee wollte auch einen unverzeihlichen Fehler aufarbeiten. Gegen Ende des '86er-Films kommt es zur Vergewaltigung Nolas. Ob gewollt oder nicht, die Vergewaltigungsszene suggerierte eine Art Bestrafung, durch die Nola zur Vernunft kommen und ihr Sexualverhalten normalisieren sollte. "Die Original-Nola war diese fortschrittliche, polysexuelle Frau und am Ende wurde sie Opfer eines sexuellen Übergriffs. Spike und ich sprachen viel darüber. Auch öffentlich hat Spike immer wieder betont, dass diese Szene die erste Sache sei, die er in seinem Leben überarbeiten und neu thematisieren wollen würde", sagt Nottage.

In der Serienhandlung sieht es wie folgt aus: Am Ende der ersten Folge wird Nola auf dem Weg zu ihrer Wohnung von einem Mann attackiert, schafft es aber, sich aus der Situation zu lösen. Ihre Wut kanalisiert sie in einem anonymen Street Art-Projekt, das ihr größeren Ruhm als ihre Porträtmalerei einbringen wird. "In den USA sehen wir gerade, wie all diese mächtigen Männer für ihr sexuelles Fehlverhalten vom Sockel gestoßen werden. Unsere Serie adressiert die Erfahrung einer Frau, die objektiviert wurde und ihren Körper und ihre Sexualität zurückfordert", sagt Nottage. "Im Autorenteam waren wir uns über die Dringlichkeit dieses Themas bewusst - nicht zuletzt, weil wir einen frauenfeindlichen Präsidenten haben. Neu ist nur, dass die Welt diesen Kämpfen, die Frauen seit Äonen ausfechten müssen, Gehör schenkt. Die Zeit ist reif."

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Netflix-Serie "She's Gotta Have It": Es ist kompliziert

Dabei geht es Spike Lee und seinem Team um den Spagat zwischen lebhaft inszeniertem Straßentheater und ernstem Unterton, das gelingt auch weitestgehend. Überraschende Defizite zeigt "She's Gotta Have It" in Bereichen, in denen man Spike Lees komödiantischeren Filmen meist blind vertrauen konnte: Der zeitgemäßen Darstellung von Popkultur und wirklich zündenden Gags. So wirken die hier gebotenen Vorstellungen von Graffiti und Clubkultur in etwa so bemüht wie die Hashtags in Episodentiteln wie "#NolasWahl (3 Unumstößlich)", "#LBD (Kleines Schwarzes)".

Wirklich problematisch wird es aber, wenn Lee und sein Team den ins Absurde gesteigerten Humor nicht nur zum Comic Relief nutzen, sondern versuchen, ganze Nebenhandlungen darauf aufzubauen. So wie in der Erzählung von Nolas Freundin Shemekka, einer Stripperin, die bei einen Arbeitsunfall mit ihrem frisch aufgespritzten Gesäß beinahe ums Leben kommt. Diesem fast schon parodistischen Ansatz steht der Anspruch der Serie gegenüber, jeden Sachverhalt und Charakter realitätsnah und mehrdimensional zu zeigen, wodurch die Handlung beizeiten etwas erlahmt.

Typische Spike Lee-Didaktik

Zum vorläufigen Finale besinnt Lee sich auf eine der stärksten Szenen seiner Vorlage aus den Achtzigern. Nola beschließt, ihre drei männlichen Partner bei einem Thanksgiving-Dinner miteinander zu konfrontieren. Die unangenehme Situation rechtfertigt sie damit, dass sich unwohl zu fühlen, Gutes bewirken könne: Man würde zu Reaktionen gezwungen, zu Bewegung und Weiterentwicklung. Einen Joint später entwickelt sich der angespannte Abend zur von Prince inspirierten Tanznummer.

Diese typische Spike Lee-Didaktik lässt sich auf alle Hauptthemen der Serie anwenden: Auf die Schockstarre der Trump-Wahl, die Realität der Gentrifizierung, auf sich wandelnde Sexualvorstellungen, und immer wieder auf den Wunsch zur Selbstdefinition. "In der amerikanischen Kultur sind wir von Labeln besessen. Wir benutzen sie, um andere herabzuwürdigen und zu unterdrücken. Millennials wie Nola dekonstruieren diese Begriffe und deuten sie um. Sie benutzen diese Selbstbeschreibungen als Werkzeuge der Befreiung. Das ist ein großer Unterschied zur Vorgängergeneration", sagt Nottage.

In einer langen Einstellung der vorletzten Folge dreht sich Nola vor der Kamera zu einem Song von Meshell Ndegeocello. Nach und nach erscheint im Hintergrund das Zitat der großen afro-amerikanischen Dichterin Audre Lorde: "Wenn ich mich nicht für mich selbst definierte, würde ich in den Fantasien anderer zermalmt, und lebendig verspeist."


"She's Gotta Have It" (zehn Folgen), Staffel 1 auf Netflix



insgesamt 9 Beiträge
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fletcherfahrer 09.12.2017
1. Euphemismus!
Eine Frau ist "pansexuell" oder "sexuell selbstbestimmt". Ein Mann wäre einfach nur ein geiler Bock.
rihad007 09.12.2017
2. Kleiner Hinweis
Damit niemand vergeblich sucht: Diese Serie wird auf Netflix unter dem Titel "Nola Darling" geführt.
Mehrleser 09.12.2017
3.
Ja, Männer müssten in diesem Rollenmodell stets damit rechnen, von ihren Partnerinnen als übergriffige Sexualverbrecher angeklagt und von der Öffentlichkeit sofort verurteilt zu werden. Man stelle sich die Handlung mit umgekehrten Geschlechtern vor, die Empörung der Aktivistinnen würde nicht lange auf sich warten lassen.
h.hass 09.12.2017
4.
Früher pimperte man/frau einfach gern in der Gegend herum - heute ist man/frau "sex-positiv, pansexuell und polyamourös". Hört sich ja auch viel bedeutender und irgendwie intellektueller an. Ohne Pulitzerpreisträgerinnen und "große afroamerikanische Dichterinnen" läuft so ein Projekt natürlich nicht, und natürlich darf es bei so einer Serie nicht nur um "Millenials" gehen, die gern rumvögeln, nein, es muss um eine Dame sein, die ihren "Körper und ihre Sexualität zuzrückfordert". Hier werden nicht bloß irgendwelche Sex- und Beziehungsgeschichten erzählt, hier werden in polysexueller, dekonstruierender Didaktik die ganz großen Themen abgehandelt, natürlich mit Pussy-Donald im Hintegrund, der Nola metaphorisch in den Schritt greift...
fletcherfahrer 09.12.2017
5. Ja, man muss es nur...
Zitat von h.hassFrüher pimperte man/frau einfach gern in der Gegend herum - heute ist man/frau "sex-positiv, pansexuell und polyamourös". Hört sich ja auch viel bedeutender und irgendwie intellektueller an. Ohne Pulitzerpreisträgerinnen und "große afroamerikanische Dichterinnen" läuft so ein Projekt natürlich nicht, und natürlich darf es bei so einer Serie nicht nur um "Millenials" gehen, die gern rumvögeln, nein, es muss um eine Dame sein, die ihren "Körper und ihre Sexualität zuzrückfordert". Hier werden nicht bloß irgendwelche Sex- und Beziehungsgeschichten erzählt, hier werden in polysexueller, dekonstruierender Didaktik die ganz großen Themen abgehandelt, natürlich mit Pussy-Donald im Hintegrund, der Nola metaphorisch in den Schritt greift...
...umschreiben können. ich habe es in Post 1 nur etwas direkter ausgedrückt.
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