Neue "Sherlock"-Staffel in der ARD Holmes und die nackte Haut

Ein Superheld gerät aus der Bahn: In der neuen Staffel der exzellenten TV-Serie "Sherlock" legen die Macher noch mal zu bei Tempo, Witz und Sex. Die übermenschlichen Fähigkeiten des Detektivs sind kaum noch kontrollierbar. Und dann verliebt er sich auch noch.

ARD Degeto/ BBC

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Das einzige Genre, mit dem man die neue Staffel der BBC-Serie "Sherlock" noch vergleichen kann, ist das Superhelden-Epos. Mit normalen Fernsehkrimis hatten schon die ersten drei Folgen, die im vergangenen Juli in der ARD liefen, kaum mehr etwas zu tun - so erzählerisch komplex und visuell überwältigend fielen sie aus. Die neuen Episoden, die ab diesem Donnerstag zu sehen sind, steigern die Reizdichte sogar noch. Unglaublich, aber tatsächlich geht es noch temporeicher, noch gewitzter, und ja, auch noch erotischer.

Die Auftaktfolge "Ein Skandal in Belgravia" schließt nahtlos an den Abschluss der ersten Filmtrilogie an. Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und Doktor Watson (Martin Freeman) waren in einem verlassenen Schwimmbad zum Showdown mit ihrem Erzrivalen Moriarty (Andrew Scott) eingetroffen. Wer hier wen in eine tödliche Falle gelockt hatte, war am Ende von "Das große Spiel" aber keinesfalls ausgemacht.

Auch der neueste Fall erlaubt kein klärendes Duell zwischen Oberschurken und Ausnahmedetektiv: Ein geheimnisvoller Anruf lässt Moriarty abrupt aus dem Machtkampf aussteigen. Die rätselhafte Schönheit, die hinter dem Anruf steckt, wird auch noch Sherlock dazu bringen, von seinen gewohnten Wegen abzuweichen. Bis sich klärt, wohin diese Wege führen, muss Holmes aber in atemberaubenden Tempo erst einen Besuch im Buckingham Palace absolvieren, dann mehrere unknackbare Codes knacken, in den internationalen Terrorismus verwickelt werden - und den ersten Liebeskummer seines Lebens durchstehen.

Viel nackte Haut ist beim "Skandal von Belgravia" zu bestaunen - was man auch als augenzwinkernden Kommentar zum Erfolg der ersten "Sherlock"-Staffel verstehen kann. Hauptdarsteller Cumberbatch haben die Filme zum internationalen Sexsymbol gemacht: Im Internet sammeln sich seine Fans unter dem Schlagwort "Cumberbitches", um von seinen hohen Wangenknochen und seine stechend blauen Augen zu schwärmen. Seiner Inszenierung als hochsensiblem Superhirn, das tragischerweise nur für intellektuelle Reize empfänglich ist, haben aber auch diverse Filmemacher nicht widerstehen können. Nach einem glanzvollen Auftritt in "Dame, König, As, Spion" wird Cumberbatch sowohl im neuen "Star Trek"-Film als auch in der "Herr der Ringe"-Fortsetzung "Der Hobbit" zu sehen sein, zudem ist eine Liebeskomödie mit Liv Tyler in der Planung.

Was verrät der Körper der Domina?

Dass Sherlock bei seinem Besuch im englischen Königspalast nur mit einem Bettlaken bekleidet ist und dieses auch noch im Zwist mit den royalen Bediensteten ganz zu Boden zu fallen droht, ist aber mehr als nur ein Häppchen für die Fans. Die geheimnisvolle Anruferin, die Moriarty gestoppt hat, gibt sich bald als stadtbekannte Domina Irene Adler (Lara Pulver) zu erkennen. Als sie Sherlock das erste Mal unter die Augen tritt, ist sie ebenfalls nackt - und erweist sich ihm damit nicht nur optisch als ebenbürtig. An ihrem makellosen Körper gleitet sein analytischer Blick vergebens ab. Kein Kratzer, kein Fussel, der ihm Aufschluss über Irene Adler geben könnte. Zum ersten Mal ist Sherlock den Reizen nackter Haut erlegen.

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"Sherlock": Update für das Superhirn

"Sherlock" wäre aber nicht das Fernsehereignis, das es weltweit ist, wenn sich die Geschichte fortan nur noch für Holmes und Adler interessierte. Dafür haben die Serienschöpfer Mark Gatiss und Steven Moffat ein viel zu faszinierendes Beziehungsgeflecht um ihre Hauptfigur gesponnen, um nicht aus dem Vollen zu schöpfen: Immer wieder bringt Sherlock Watson dazu, ihre Freundschaft grundlegend in Frage zu stellen; stößt er Pathologin Molly (Louise Brealey) unverzeihlich vor den Kopf; reibt sich an seinem älteren Bruder Mycroft (Mark Gatiss) und straft Inspector Lestrade (Rupert Graves) mit Verachtung.

In alle Richtungen schießt Sherlock messerscharfe Analysen und gnadenlose Kommentare ab. Und aus allen Richtungen kommen die Versuche, sein Genie in sowohl sozial als auch rechtlich verträglichere Bahnen zu lenken. Denn in den neuen Folgen wirkt Sherlock immer häufiger wie ein Superheld, der seine übermenschlichen Fähigkeiten nicht mehr zu kontrollieren versteht. Ständig giert er nach neuen Herausforderungen, jedes halbwegs anspruchsvolle Rätsel kommt ihm zupass, um seinen ruhelosen Geist zu beschäftigen. Wem er mit des Rätsels Lösung in die Hände spielt, schert ihn nicht. Die ewige Spider-Man-Weisheit, dass aus großer Kraft große Verantwortung folgt, muss er noch lernen.

Die Unberechenbarkeit der Hauptfigur bleibt denn auch der größte Spaß in "Sherlock". Ob zaghaft verliebt in "Ein Skandal in Belgravia" oder rücksichtslos anpackend in "Die Hunde von Baskerville", der etwas schwächeren zweiten Folge: Holmes schillert wie ein Irrlicht und weiß trotzdem ganz genau, wohin er will. Nur in "Der Reichenbachfall", der fulminanten Abschlussfolge der zweiten Staffel, kann eine Figur aus der zweiten Reihe noch mehr überraschen. Aber Holmes wäre nicht Holmes, wenn er die Herausforderung nicht annähme: Eine dritte Staffel ist bereits in Planung.


"Ein Skandal in Belgravia", Donnerstag, 17.5., 20.15 Uhr; "Die Hunde von Baskerville", Sonntag, 27.5., 21.45 Uhr, "Der Reichenbachfall", Montag, 28.5., 21.45 Uhr, jeweils ARD.



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Seite 1
asdf01 17.05.2012
1. ...
Die erste Staffel war bemerkenswert und durchaus überraschend gut. Bleibt zu hoffen, dass das Niveau gehalten werden kann. Die Amis sahen sich deshalb dazu genötigt, mal wieder einen eigenen, unmotiverten Abklatsch zu produzieren, mit Lucy Lui als weiblichem, chinesischem Watson... ein weiterer grotesker, absurder Fall von "political correctness gone bad", aber man wundert sich ja über nichts mehr...
chalchiuhtlicue 17.05.2012
2.
Ich hatte das Vergnügen, die drei Folgen bereits im Originalton zu sehen. Folge zwei ist leider etwas schwach, was aber von der cleveren Geschichte der dritten Folge mehr als nur Wett gemacht wird. Ich hoffe nur, daß die deutsche Synchronisation gut gemacht ist und den Humor des Originals gut rüberbringt. Leider werden Fernsehserien zu oft sehr schlecht synchronisiert, weswegen ich mir seit 10 Jahren TV-Serien und Kinofilme nur im (englischsprachigen) Originalton anhöre.
ygrek 17.05.2012
3. optional
[...] wird Cumberbatch [...] auch in der "Herr der Ringe"-Fortsetzung "Der Hobbit" zu sehen sein [...] Unsauber recherchiert, denn Cumberbatch wird dort eben nicht zu sehen sein. Er verleiht im englischen Original em Drachen Smaug sowie Sauron (in dessen geisterhafter Form) die Stimme. Dank der hierzulande üblichen Synchronisation wird der deutsche Kinogänger von Cumberbatch also nichts mitbekommen.
aikidoka 17.05.2012
4.
Zitat von sysopARD Degeto/ BBCEin Superheld gerät aus der Bahn: In der neuen Staffel der exzellenten TV-Serie "Sherlock" legen die Macher noch mal zu bei Tempo, Witz und Sex. Die übermenschlichen Fähigkeiten des Detektivs sind kaum noch kontrollierbar. Und dann verliebt er sich auch noch. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,833450,00.html
aikidoka 17.05.2012
5. Freue mich drauf
Zitat von sysopARD Degeto/ BBCEin Superheld gerät aus der Bahn: In der neuen Staffel der exzellenten TV-Serie "Sherlock" legen die Macher noch mal zu bei Tempo, Witz und Sex. Die übermenschlichen Fähigkeiten des Detektivs sind kaum noch kontrollierbar. Und dann verliebt er sich auch noch. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,833450,00.html
Schon die erste Staffel hatte meine Frau und mich fasziniert, endlich mal gutes Kino im Fernsehen. Im Gegensatz zu den letzten Scherlockfilmen im Kino (die auch gut sind), ist diese Serie in der heutigen Zeit angesiedelt und macht einfach Spaß und Lust auf mehr. An Holmes dachte ich immer aufgrund der alten schlechten Adaptionen an einen steifen Engländer mit Lupe und einem trotteligen Watson, aber dieser neuen Scherlock ist sehenswert. Kann nur jedem empfehlen sich auch die erste Staffel noch einmal anzuschauen, meine Frau und ich freuen uns auf die neuen Folgen. Viel Spaß dabei
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