Sibel Kekilli im Kieler "Tatort" Das Biest muss weg

Eine verliebte Veterinärin räumt Konkurrentinnen aus dem Weg: Der neue Kieler "Tatort" ist ein formvollendeter Psychokiller-Krimi nach "Dexter"-Vorbild. Komisch nur, dass Sibel Kekilli schon zum zweiten Mal als Sidekick eingeführt wird. Christian Buß fragt sich: Leidet der NDR an Amnesie?

NDR

Das kranke Kaninchen schient sie, ohne dafür auch nur einen Cent vom kleinen Besitzer zu nehmen. Auch das gütige Lächeln gibt es gratis. Später greift sich die Tierärztin dann eine Zecke vom Tisch und steckt sie in die Mikrowelle, auf dass das Insekt darin blutig zerplatze. Sagen wir mal so: Doktor Charlotte Delius (Sibylle Canonica) ist zumindest eine gespaltene Persönlichkeit.

Bald macht sie sich am Hund des Nachbarn zu schaffen. Sie wirft ihm ein Leckerli mit Magenkrämpfe verursachendem Zusatzstoff hin, Besitzer Hans Nielsson (Dirk Borchardt) bleibt nichts anderes übrig, als nachts mit seinem kranken Wauwi im Arm bei ihr zu klingeln. Den ansehnlichen Nachbarn hatte die elegante Frau Doktor schon vom Fenster aus beim Hanteltraining beobachtet, jetzt erscheint er ausgerechnet mit einer etwas vulgär gekleideten polnischen Blondine.

Für die verliebte Veterinärin ist klar: Das Biest muss weg. Am nächsten Tag schleicht sie sich mit einem schweren Elektroschockgerät, wie man es in Schlachthäusern benutzt, ins Nachbarhaus und knöpft sich die blonde Konkurrenz vor. Einen antiseptischen Schutzanzug hat sie auch dabei, sie will keine Spuren hinterlassen.

Serienentwicklung? Totalausfall!

Achtung, Psycho bei der Arbeit: Einen schönen schnörkellosen Krimi aus Killerperspektive hat Sascha Arango hier geschrieben; schon mit "Borowski und das Mädchen im Moor" sowie "Borowski und die Unterwelt" hat er zwei der psychologisch ambitioniertesten Kieler "Tatort"-Episoden geliefert. Sein Mörderinnenporträt nach "Dexter"-Prinzip hat Regisseur Stephan Wagner ( "In Sachen Kaminsky") nun konsequent lakonisch in Szene gesetzt. Mit einem Touch Chabrol, also mit gedrosseltem emotionalen Drive. Immer wieder sieht man hier Mensch und Tier verenden, ohne dass dazu allzu große Theatralik waltet.

Diese Konsequenz ist umso höher zu bewerten, da die Filmemacher mit einem echten Problem zu kämpfen hatten: Sie mussten die neue Assistentin des Kieler Kommissars Borowski (Axel Milberg) einführen. Obwohl die doch bereits zwei Folgen zuvor dem Publikum vorgestellt worden war. Schon vor einem Jahr war Sibel Kekilli ( "Die Fremde") als Sarah Brandt in der hingehauenen Biofutter-Folge "Borowski und eine Frage des reinen Geschmack" auf der Bildfläche erschienen - um dann in der nächsten Folge gar nicht mehr aufzutauchen. Man könnte fast annehmen, die zuständige Redaktion beim NDR leide an Amnesie. Ein Totalausfall in Sachen verantwortungsvolle Serienentwicklung.

Nun also lernen sich Kommissar und Sidekick noch einmal kennen. Nachdem Brandt und Borowski letztes Jahr bei einer Autopanne zusammengekracht sind, geraten sie nun bei einer internen Stellenausschreibung aneinander. Der Alte ist sofort von den Fähigkeiten der Jungen begeistert: Kekilli spielt ihre Brandt als Frau mit langsamen Gemüt, aber schnellem Köpfchen. Anfälle von schlechter Laune ihres Chefs lächelt sie stoisch weg, bei kriminalistischen Knobelaufgaben zeigt sie genialische Züge. An die psychologische Grandezza ihrer Sidekick-Vorgängerin, der von Maren Eggert verkörperten Psychologin Frieda Jung, kommt sie leider trotzdem nicht heran.

Was in Ordnung geht, wenn der Kieler "Tatort" auch weiterhin mit so starken Täterfiguren wie jetzt in "Borowski und die Frau am Fenster" auffährt. Wie Sibylle Canonica, bislang leider eher in Nebenrollen besetzt, die wahnhaft verliebte Veterinärin spielt, erinnert an die ganz großen Psychopatinnen der Filmgeschichte; nächste Verwandte wäre die späte Joan Crawford. Unter dem roten Dutt lauert das Grauen.


"Tatort: Borowski und die Frau am Fenster", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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Seite 1
Heinz-und-Kunz 30.09.2011
1. Auch gegen Titelzwang
Zitat von sysopEine verliebte*Veterinärin räumt*Konkurrentinnen aus dem Weg: Der neue Kieler "Tatort" ist ein formvollendeter Psychokiller-Krimi nach "Dexter"-Vorbild. Komisch nur, dass Sibel Kekilli schon zum zweiten Mal als Sidekick eingeführt wird. Christian Buß fragt sich: Leidet der NDR an Amnesie? http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,788630,00.html
??? Das dt. öffentlich-rechtliche Fernsehen soll an 'Dexter' rankommen. Wer's glaubt?
justus_jonas 30.09.2011
2. ?
Mittlerweile steht da: "Sein Mörderinnenportät nach "Dexter"-Prinzip". Und das mag ja stimmen. Abgesehen davon sollte man deutschen TV-Produktionen auch eine Chance geben, wenn sie gut gemacht sind. Die Amis produzieren zwar aktuell viele großartige Serien, aber auch doppelt so viel Schrott, der hierzulande nicht gezeigt wird/Aufmerksamkeit erfährt. Und das Sibel Kekilli eine großartige Schauspielerin ist, haben ja nun auch die US-Fernsehsender gemerkt und sie für eine Rolle im epischen "Game of Thrones" gecastet...
Usambaras 30.09.2011
3. ...
Zitat von sysopEine verliebte*Veterinärin räumt*Konkurrentinnen aus dem Weg: Der neue Kieler "Tatort" ist ein formvollendeter Psychokiller-Krimi nach "Dexter"-Vorbild. Komisch nur, dass Sibel Kekilli schon zum zweiten Mal als Sidekick eingeführt wird. Christian Buß fragt sich: Leidet der NDR an Amnesie? http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,788630,00.html
War das nicht so, dass die letzte Folge eigentlich vor der vorletzten gedreht wurde und somit auch vor selbiger gesendet hätte werden sollen ??? Nur kam halt irgendetwas dazwischen. Kann mich aber auch irren. Und was das schauspielerische Talent von Frau Kekilli angeht, so finde ich persönlich, dass die Leistung oftmals arg schwankt und zwar von superstark bis megaschlecht, da vollkommen hölzern.
KlaarName 30.09.2011
4. Chronologie
ist kein Konzept, das im TATORT Beachtung findet. Da hat Ballauf in Ddorf sechs Kinder (Anfang der 1990er) und 2011 taucht plötzlich ein angeblicher Sohn auf, der ihn entwicklungspsychologisch aus dem Konzept bringt. Logisch ist was anderes. Jede TATORT-Folge steht für sich allein, von gelegentlichen Anspielungen auf Ereignisse in der Vergangenheit mal abgesehen - Leipzig/Köln o.ä. Für eine Entwicklung der Personen ist da relativ wenig Spielraum. Klar, das ist etwas unglücklich, dass jetzt Borowski zweimal hintereinander mit der selben Schauspielerin ... Aber hat sich irgendjemand darüber aufgeregt, dass die Sawatzki erst in Ddorf Mordopfer (Die Frau an der Straße - 1993) und dann in Ffurt 2002 Kommissarin war? Gute Schauspieler schaffen es, die Rolle in den Vordergrund zu rücken. Leider gibt es zu viele bei denen es nach dem Motto läuft: Sie sehen heute Julia Roberts als Julia Roberts in der Rolle der ...
Usambaras 30.09.2011
5. ...
Naja, der musste ja nun wieder kommen. Ich bezog mich durchaus nur auf ihre "neue" Karriere.
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