ZDF-Serie "Sibel & Max" Frau Doktor, retten Sie den Vorabend!

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Schichtwechsel beim ZDF: Die Forsthäuser mit ihren gütigen Patriarchen wurden geschlossen, dafür halten gestresste Großstädterinnen im weißen Kittel Einzug - und mit ihnen ein moderat modernes Frauenbild. Wie jetzt bei der Doc-Dramedy "Sibel & Max" mit Idil Üner.

Für die von Üner gespielte Dr. Sibel Aydin ist das Leben eine einzige wonnevoll ausgelebte Überforderung. Am Geburtstag geht es aus der Nachtschicht im Krankenhaus direkt zur Liebe am Nachmittag im edlen Hamburger Hotel Atlantic samt Erdbeernaschen mit dem verheirateten Liebhaber. Und von da zur eigenen, perfekt durchorganisierten Party.

Damit nicht genug: Spät in der Nacht erscheint der aufgebrachte Vater eines Mädchens, das vom halbwüchsigen Sohn der alleinerziehenden Ärztin geschwängert worden sein soll. Dann kippt auch noch eine hochschwangere Freundin um. Günstigerweise ist der aufgebrachte Vater ebenfalls Arzt, sodass Dr. Sibel und er schnell in die Notfallklinik düsen können, um dort die Schwangere, die übrigens auch noch von ihrem Ehemann misshandelt wird, zu verarzten.

Können Sie folgen? Lust und Frust, Liebe und Fruchtbarkeit treten in den ersten zehn Minuten der am Samstag startenden Vorabendserie "Sibel & Max" extrem geballt auf. Welche Hauptdarstellerin soll so was schultern?

Göttinnen in Weiß

Idil Üner schafft das! Vor zehn Jahren wurde sie mal gerüchteweise als Bond-Girl gehandelt, und wenn es Gerechtigkeit im deutschen Filmbetrieb geben würde, wäre die 1998 durch Fatih Akins Hamburger Gangster-Melodram "Kurz und schmerzlos" bekannt gewordene Schauspielerin der erste deutsch-türkische Superstar geworden.

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ZDF-Serie: Klein, aber mit Durchblick
Dass das ZDF Üner, 43, nun als Super-Ärztin besetzt, ist, zugegeben, nur ein kleiner Trost. Das Zweite beweist damit aber immerhin den Willen, ernsthaft das Vorabend-Spießer-Panoptikum vom Schlage "Forsthaus Falkenau" für die etwas kompliziertere Gegenwart umzucasten.

Schon im Oktober ging ChrisTine Urspruch, die "Dr. Alberich" aus dem Münster-"Tatort", als kleinwüchsige Kinderärztin "Dr. Klein" an den Start. Und nächste Woche folgt Bettina Lamprecht, bekannt als furios schlecht gelaunte Schwägerin in der Ego-Comedy "Pastewka", als auf Krawall und Mitmenschlichkeit gebürstete Krankenschwester.

Göttinnen in Weiß: Ob die Brachial-Umdeutung des Falkenau-Patriarchats ins Pflege-Matriarchat wirklich im Sinne des anvisierten mittelalten weiblichen Publikums ist, muss sich noch zeigen. Auch könnte man anmerken, dass das Abnudeln der immer gleichen Feel-Good-Soul-Kamellen vor besinnungslos sonniger Kulisse auf Dauer ganz schön zusetzt. Der in Wirklichkeit scheußlich verwahrloste Hansa-Platz auf der Drogenumschlagsseite von Hamburg-St.-Georg etwa kommt in der "Sibel & Max"-Variante einladend leuchtend daher.

Macht aber nichts. Wenn Idil Üner bei der Spontanbehandlung der schwangeren Freundin im bunten Abendkleidchen und im schönsten Ärztinnensingsang Worte wie "Plazentaablösung", "engmaschige CTG-Überwachung" und "regelmäßiger Ultraschall" raunt, ist das fahle Förster-Grün der Falkenau-Ära endgültig Geschichte.


"Sibel & Max", Sonnabend, 19.25 Uhr, ZDF

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10 Leserkommentare
carlogesualdo 31.12.2014
blabla55 31.12.2014
amdorf 31.12.2014
BruceWayne 31.12.2014
fiftysomething 31.12.2014
grandsport 31.12.2014
Metternich 31.12.2014
!!!Fovea!!! 31.12.2014
ATLien 31.12.2014
christian simons 31.12.2014

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