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"Sing meinen Song": Probiert's mal mit Gemütlichkeit

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TV-Format "Sing meinen Song" Geil, leider

Kein dümmlicher Reality-Wettkampf, sondern prima Unterhaltung für den Massengeschmack - Jonas Leppin hat sich "Sing meinen Song" angeschaut und musste feststellen: Die Show mit Xavier Naidoo ist die beste Musiksendung im deutschen Fernsehen. Echt.

Ach, Yvonne Catterfeld. Oder Christina Stürmer. Hartmut Engler. Ich weiß, was Sie bei den Namen erwarten: Ein paar schnelle Wortspiele, einige geschliffene Beleidigungen über Pur und dann ein Finishing Move, der das Vox-Format "Sing meinen Song" mitsamt seinem radiotauglichen Pop-Brei zur Strecke bringt. Einzig: Es macht keinen Sinn.

Denn auch die zweite Staffel des Tauschkonzerts war allerbeste Fernsehunterhaltung. Sollen sie mich doch rausschmeißen oder mein "Spex"-Abo kündigen: "Sing meinen Song" ist zurzeit die beste Musiksendung im deutschen Fernsehen.

Wer möchte, kann das noch einmal in der Highlights-Sendung am Dienstagabend überprüfen: Yvonne Catterfeld singt "Küssen verboten" von den Prinzen als lässige Jazz-Nummer. Andreas Bourani soult sich mit "Funkelperlenaugen" durch den Musik-Baukasten von Pur. Der bisher eher unbekannte Sänger Daniel Wirtz macht aus dem Christina-Stürmer-Song "Ich kriege nie genug" eine Grunge-Nummer. Und in einer Sendung singt Hartmut Engler "Du musst ein Schwein sein".

Saukomisch war das, gleichzeitig aber auch entspannt, wie Gastgeber Xavier Naidoo da mit einem halben Dutzend prominenter Musiker und einer Liveband in der Abendsonne von Südafrika saß und man sich gegenseitig die Lieder der anderen vorsang. Jede Sendung eine Künstlerbiografie, ein wenig Small Talk, etwas Werbung. Dazu gab es Cocktails. Manchmal war man sogar gerührt.

Als Musikformat für den Massengeschmack hat "Sing meinen Song" damit in diesem Jahr vollends sein Publikum erreicht: Nach dem Deutschen Fernsehpreis 2014 gab es diesmal Rekordquoten und einen Rekordmarktanteil - bei den werberelevanten Zuschauern bis zu 15 Prozent.

Billy-Regal für Musiksendungen

Wirklich bemerkenswert macht das Format aber seine komplette Reduzierung auf die Musik. "Sing meinen Song" gelingt es, die Sendezeit fast vollständig mit den Coversongs zu füllen. Die sind oft so gut, dass man ihnen kaum entfliehen kann, wenn man die Originale kennt. Wie gut das gerade in den Markt passt, zeigten vor Kurzem die Album-Top-Ten, die zum ersten Mal komplett mit deutschsprachigen Künstlern besetzt waren.

Für einen Privatsender selten ist auch die Tatsache, dass es in den Sendungen keinen Wettbewerb gibt, keine gescripteten Konflikte. Im Gegenteil: Völlig unaufgeregt rücken die Teilnehmer zusammen, zeigen sich vertraut und feuern sich gegenseitig an. Die beiden Prinzen Krumbiegel und Künzel wirkten etwa so unbefangen vor der Kamera, dass es schon an Authentizität grenzte.

Die fehlende Reibung scheint jedoch der größte Vorwurf zu sein, den man dieser Sendung machen kann: So wurde auf "Zeit Online" im üblichen Was-bedeutet-das-für-unsere-Kinder-Duktus bereits "eine nationalistisch-völkische Grundierung" identifiziert , weil kein Künstler den Gastgeber Naidoo auf seine Auftritte vor Verschwörungstheoretikern ansprach. Auch eine SPIEGEL-ONLINE-Kritik störte sich an dem respektvollen Umgang untereinander, der an ein Treffen der Anonymen Alkoholiker erinnere.

Offenbar ist es für viele kaum auszuhalten, wenn eine Unterhaltungssendung im deutschen Fernsehen einmal ihrer einzigen Aufgabe nachkommt: unterhalten. Und das jeweils ohne pädagogischen Beipackzettel zur Künstlerbiografie.

"Peinlich, wenn es danebengeht"

Da wäre noch was: Auch bei "Sing mein Song" ließen sich die Teilnehmer nicht lange bitten und bekamen vor Rührung feuchte Augen oder sie sprangen begeistert auf, wenn Andreas Bourani mal in eine höhere Tonlage wechselte. Woher die Euphorie? Oder anders gefragt: Ernsthaft?

Ein Anruf bei Tobias Künzel von den "Prinzen". "Diese ganze emotionale Spannung gab es wirklich. Bei den Auftritten wurde nichts wiederholt oder vorgegeben", sagt Künzel über Südafrika. "Man fühlt sich geehrt, wenn die anderen mit so viel Ernst und Inbrunst deine Songs singen."

Auch als Profimusiker sei man aufgeregt gewesen, vor dieser "Fachjury" zu singen: "Sitzt der Text? Singe ich richtig? Merke ich mir den Ablauf? Es ist dann so peinlich, wenn es danebengeht", sagt Künzel.

In den zwei Wochen Südafrika herrschte ein ziemlich straffer Zeitplan für die Teilnehmer: Fast jeden Abend eine Sendung, tagsüber wurden Einspieler und Aufsager produziert. Die größte Leistung der Produktionsfirma muss es offenbar gewesen sein, in der Ferne eine Art Klassenfahrt-Gefühl erzeugt zu haben. Man sei sich in kurzer Zeit sehr vertraut geworden, so Künzel. Es hätte keinen Skeptiker oder Stänkerer gegeben.

Was wünscht man diesem Format?

Von dem positiven Image profitieren nun auch die Künstler, die "Sing mein Song" bisher alle als Werbeplattform für ihre Alben und Touren nutzen konnten. "Für mich ist es ein gutes Zeichen, wenn sich so viele Menschen eine Sendung anschauen, bei der es nur um Musik und Gespräche geht", sagt Künzel.

Was wünscht man diesem Format also? Den Mut, sich von seinen sicheren Künstler-Konstellationen zu verabschieden, um wirklich großes Musikfernsehen zu schaffen: Warum nicht Tocotronic Marteria covern lassen? Kraftklub einen Song von Helene Fischer? Clueso versucht sich an einem Titel der Beatsteaks?

Auch Xavier Naidoo hat schon einen Wunschkandidaten: Reinhard Mey. In einer Sendung rief er in die Nacht von Südafrika: "Reinhard, wenn du das siehst, eigentlich musst du mal hier auftauchen." Sollte es jemand wie der Liedermacher in die Primetime von Vox schaffen, dann hätte das Format sein Versprechen wirklich erfüllt.


"Sing meinen Song - Die 'Songs des Abends'", 14.07., 20:15 Uhr, Vox

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