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Netflix-Serie: Haftbefehl heißt jetzt Kalifa

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Hip-Hop-Serie "Skylines" bei Netflix Kings of Krankfurt

Kleine Drogendeals und fette Plattenverträge: Die Netflix-Serie "Skylines" zeigt das Zusammenspiel von Geld und Hip-Hop. Als Pate für die Hauptfigur diente Gangsterrap-Star Haftbefehl.

Als Titelsong der Serie läuft eine Kurzversion von Haftbefehls Frankfurt-Hymne "069". Im Original-Track von 2015  hatte sich der Künstler großspurig als krimineller Hip-Hop-Unternehmer in Szene gesetzt, der die Stadt mit Rap und mit Drogen versorgt - die Heroin-Leichen auf der Straße genauso wie die Koks-Junkies in den oberen Etagen der Banken-Türme. Dabei verbreitete Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhan, an einer Stelle des Originaltracks ("Rothschild-Theorie") auch antisemitische Stereotype. Die Passage ist aus der Serienversion getilgt; die satte Analogie auf Frankfurt als Stadt der Banken und der Kranken ist geblieben.

Schon im kurzen Vorspann des Gangsterrap-Panoramas "Skylines" ist also ein Widerspruch aus Distanzierung und Umarmung eingebaut. Das ist gut so, denn die Grundfrage hinter solch einem Serienprojekt muss lauten: Wie tauche ich in den Kosmos des Hip-Hop ein, ohne gänzlich den Selbstinszenierungen der Akteure auf den Leim zu gehen? Wie filme ich mich durch Weed-Wolken oder Rap-Kampfkaskaden, ohne den klaren, kühlen Blick für die Verhältnisse zu verlieren?

Bei der Netflix-Serie durfte diese Unterfangen besonders schwierig gewesen sein, denn für den Hauptprotagonisten stand ein Hip-Hop-Star Pate, der die Selbstinszenierung des Gangsterrap wie kein anderer in Deutschland beherrscht: eben Haftbefehl. In "Skylines" trägt Haftbefehl (kurz: "Hafti") den Namen Kalifa (kurz: "Kalle"). Der Schauspieler und Ex-Rapper Murathan Muslu trägt den pittoresken Undercut-Pony des Vorbilds, ist ansonsten schlau genug, billige Imitationen zu vermeiden.

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Netflix-Serie: Haftbefehl heißt jetzt Kalifa

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Die biografischen Grunddaten der Serienfigur und des realen Rappers aber sind gleich: kriminelle Vergangenheit in Offenbach, Hip-Hop-Unternehmertum in Frankfurt, Rückfälle ins alte Gangsterverhalten durch die Brüder von einst.

Koks im Studiokeller, Krach in der Chefetage

Beim Serien-Rapstar Kalifa werden diese Rückfälle von seinem älteren Bruder Ardan (Erdal Yildiz) ausgelöst. Der hatte einst mit Geld aus Drogenhandel und Einbrüchen die ersten Aufnahmen von Kalle in Offenbach finanziert und fordert nun Gegenleistung ein: Er will in Kalles Hip-Hop-Firma Skyline Records im Studiokeller Koks abpacken, während der Bruder acht Stockwerke höher mit den Chefetagen der Musikindustrie verhandelt.

Das kleine Kokspäckchen und der große Plattendeal, Revierkämpfe und Businesspläne, das alles gehört in "Skylines" zusammen. In einer Parallelmontage sieht man, wie ein junger Produzent einen gut dotierten Vertrag unterschreibt, während nebenan einem Dealer mit einem Hammer die Hand zertrümmert wird. Die Managerin versucht Kalifa, den - wie er im Radio genannt wird - "King of Krankfurt", auf die Zustände hinzuweisen: "Wir sind hier nicht auf der Straße!" Der Gangsterrap-Millionär kontert: "Genau das sind wir: Straße im achten Stock."

Fiktion und Realität: Serien-Rapper Kalifa (l.), Haftbefehl

Fiktion und Realität: Serien-Rapper Kalifa (l.), Haftbefehl

Foto: Netflix; Frank Hoensch/ Getty Images

"Skylines"-Showrunner Dennis Schanz gelingt es, die oft paradoxen Anziehungsdynamiken von Rap und Geld zu zeigen. Da sind die Manager, die sich in ihren Kunstwelten im 10. oder 20. Stock nach Realness sehnen; da sind die Siedlungskinder, die davon träumen, dass sie ihre Tracks in Penthouses tragen.

Hip-Hop, das große Aufstiegsversprechen

Die Serie ist schlank und smart gefilmt; sie vermisst die Bankenstadt von unten nach oben und bringt so das Phänomen Deutschrap recht gut auf den Punkt. Hip-Hop ist die einzige Musikrichtung (neben Schlager), mit der hierzulande viel Geld zu verdienen ist. Hip-Hop ist die einzige Musikrichtung, die hierzulande den Anspruch erheben kann, echten Lebenswelten abgerungen zu sein - auch wenn das oft nur Verkaufsfolklore sein mag. Diese Authentizitäts- und Aufstiegsversprechen sind in der Frankfurt in der Vertikalen nachzeichnenden Serie jeden Moment präsent.

Die zweite zentrale Figur von "Skylines" ist nicht von der Straße, sondern aus reichem Hause: Jinn (Edin Hasanovic) ist der Sohn eines Investors und träumt von einer Karriere als Hip-Hop-Produzent. Ob bei seinem Job als Nachtportier oder wenn er mal wieder nicht schlafen kann, weil die Schwester, bei der er wohnt, einen lautstarken Lover mitgebracht hat - ständig frickelt Jinn am nächsten Beat für einen befreundeten MC. Dann klopft Skyline Records an die Tür.

"Skylines" funktioniert als eine Art Loyalitätenkarussell, das durch vielgestaltige Abhängigkeitsverhältnisse rasant am Laufen gehalten wird: Jinn muss seinen MC-Kumpel abservieren, um bei Skyline mitmischen zu dürfen; Kalifa riskiert sein Unternehmen, weil er seinem kriminellen Bruder hilft; ein Plattenkonzern will Skyline ganz groß rausbringen, fordert dafür aber, die harten Jungs aus dem Programm zu nehmen. Das klingt dann so: "Unser Aufsichtsrat muss sich erst daran gewöhnen, dass ein Typ, den sie nur als Gangsterrapper aus den Medien kennen, ein verantwortungsvoller Geschäftspartner sein kann. Die haben einfach keine Lust auf Gefährder-Ansprachen."

Zugegeben, es gibt einige Musikbiz-Stanzen, aber die Serie zeigt eben auch, unter welchen komplexen Bedingungen Rap geschaffen und vermarktet wird. Beratend stand Haftbefehl-Produzent Ben Bazzazian zur Seite, er baute auch alle Beats von der Serienfigur Jinn. Die Rap-Texte von Kalifa stammen indes von Azzi Memo, der auf dem Haftbefehl-Label Azzlacks veröffentlicht. Zudem gibt es Auftritte von Szenegrößen wie Nura oder MC Bogy, allesamt wirken wesentlich überzeugender als die Auftritte der realen Rap-Größen in der zweiten Staffel von "4 Blocks".

Was auch damit zu tun hat, dass hier die Entstehung von Hip-Hop dezidiert ins Bild gesetzt wird. Eine der stärksten Szenen ist es, wenn Produzent Jinn einer gewalttätigen kurdischen Drogendealerin in Bomberjacke (Carol Schuler) beibringt, wie sie ihre Aggressionen in Battle-Eleganz transformieren kann. Erst kaskadiert die junge Frau Texte, in denen sie sämtliche Menschen in ihrer Umgebung mit der Uzi niederzumähen droht, dann findet sie im Rückgriff auf alte kurdische Lieder eine ganz eigene Wortmelodie, um ihre Wut in die Welt zu tragen.

Dafür muss man die Serie unbedingt mögen: Ihr gelingt es, hinter Gewalt und Geschäft das pure Rap-Glück aufleuchten zu lassen.


"Skylines", ab Freitag bei Netflix

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