"Sommerhaus der Stars" bei RTL Schatz, ich muss brechen

"Das sind Kartoffeln, die kannst du essen" - schon in seiner ersten Folge belegt das "Sommerhaus der Stars" einmal mehr, wie sehr junge Frauen auf die praktischen Lebenstipps älterer Männer angewiesen sind.

Laura Müller (r.) und Michael Wendler erzählen den anderen, wie sie sich kennengelernt haben
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Laura Müller (r.) und Michael Wendler erzählen den anderen, wie sie sich kennengelernt haben

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"Okay, Schatz, das ist der Moment zum Abschnallen", sagt die ehemalige "Bachelorette"-Ausschussware Johannes, und seine Freundin Yeliz, ehemalige "Bachelor"-Ohrfeigenapplikatöse, schnallt sich, dankbar für diesen Hinweis des lebenserfahrenen Mannes an ihrer Seite, ab und steigt aus dem Auto, wofür sie keine weitere Anweisungen braucht.

Toll.

Es sind kleine Szenen wie diese, die die erste Folge von "Das Sommerhaus der Stars" auch in dieser Staffel so amüsant deprimierend machen, weil sie einen sofort hineinziehen in die Verhältnisse einer Beziehung, genau genommen von acht Beziehungen auf einmal - die einen alle im Grunde ja nichts angehen, aber bereitwillig vor einem ausgebreitet werden wie eine Käseplatte mit ziemlich hohem Stinkeranteil.

Wem diese erste Folge noch zu lahm war, der mäkelt auch, wenn in den ersten zehn Minuten von Shakespeares "Titus Andronicus" noch niemand zu Pastete verarbeitet wird. Tatsächlich wurden wie in einer ersten, groben Bleistiftskizze schon einmal die Konflikte skizziert, die in den nächsten Wochen mit verlässlich grellen Farben ausgemalt werden sollen:

Menowin Fröhlich, der sagt, er wollte "schon immer mal gewinnen" - und den bedrohlichen Unterton nachträglich aufpinselt, als die Vorschau zeigt, dass er zu diesem Zweck auch gern mal ungut aggressiv werden kann.

Willi Herren, der eklig scheinheilig in anderer Leute Privatgekröse wühlt.

Yeliz Koc, die sagt: "Ich kann nicht spülen."

Dann Quentin Parker, Mann an der Seite von "Otto"-Darstellerin Jessika Cardinahl, der sich vielleicht nicht nur des amerikanischen Akzents wegen als "Arschitekt" vorstellt - und womöglich tatsächlich eine ungute Fixierung auf die Untenrum-Aspekte der menschlichen Existenz hat, da er ja auch so gern vom "Bumsen" spricht, dann leider nicht nur verbal die Schlepphoden auspackt und auf erste Fremdhintern patscht.

Schließlich natürlich der Wendler, der schon bei der Anfahrt auf das Sommerhaus fauchend und schnurrend den nackten Arm seiner 18-jährigen Freundin Laura benagt und in diesem Format so offensichtlich so gern den alternden Potenzborz spielen möchte.

Ein Paar übergrellt alle anderen

Tatsächlich übergrellt diese letzte Paarung beim Auftakt alle anderen Beziehungsblessuren, weil man beim Zuschauen nicht glauben will, was man da sieht. Es sind dabei gar nicht einmal die 28 Jahre Altersunterschied, die zwischen den beiden liegen. Es ist die bizarre Kluft zwischen der Behauptung, Laura sei "sehr reif", und der gezeigten Wahrheit eines hochüberforderten Mädchens, das sich wie ein fehlgeprägtes Entenküken ohne Wendlerbegleitung nicht vom Schlafzimmer zu den anderen in die Küche traut.

"Ich habe jetzt die Schule erfolgreich beendet", sagt sie und meint damit, dem Vernehmen nach: ein Jahr vor dem Abi abgebrochen. "Das sind Kartoffeln, Schatzi, die kannst du essen", sagt der Wendler, glücklich gemeinsam in der Küche angekommen, zu ihr. "Ehrlich? Die ess' ich", sagt Laura, und dann zeigt ihr noch eine der anwesenden Erwachsenen, wie sie die Pellkartoffeln am besten schält, weil sie an ihnen zuerst herumknibbelt, als fummele sie schlecht abgeschreckte Eier aus der Schale.

Und dann wieder der Wendler, der eklig in Aussicht stellt, es könnte in dieser Staffel wohl zum ersten Mal in der Geschichte des "Sommerhauses" zum vollzogenen Geschlechtsverkehr kommen.

Mike tröstet Elena, die ihre kleine Tochter vermisst
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Mike tröstet Elena, die ihre kleine Tochter vermisst

Schon am zweiten Tag fließen dann die Tränen. Ex-Vox-Auswandererin Steffi weint, weil sie ihre Hunde vermisst, die "Love Island"-Gestrandete Elena weint, weil sie ihre kleine Tochter vermisst, Laura greint, weil der Wendler, das "Bebi", nicht kuscheln will, sondern lieber mit den anderen sprechen. Man möchte dem verantwortlichen Musikmenschen, der oder die an dieser Stelle mit angemessen kalter Präzision die Zeile "Oh Daddy Dear, You Know You're Still Number One" aus "Girls Just Wanna Have Fun" unterlegte, von Herzen danken. Und dem Kollegen oder der Kollegin, die die Schätzfragen im ersten Paarspiel so feinsinnig auf die höchstpersönlichen Druckpunkte der jeweiligen Kandidaten legte:

  • Wie viele Männer sich lieber eine dümmere Frau wünschen? "Du bist intelligent, aber mehr so emotional intelligent", sagt Johannes zu Yeliz: "Ich freue mich immer, wenn ich nach Hause komme und du hast gekocht."
  • Wie lange ein Durchschnitts-Sexakt dauert? "Mal Hand aufs Herz, welche Frau will denn 30 oder 40 Minuten Sex haben?", fragt der Wendler, "da ist ja schon alles wundgescheuert."
  • Wie viel Prozent der Deutschen noch nie fremdgegangen sind? "Ich bin noch nie fremdgegangen", sagt Senay, die Frau von Menowin. "Bei mir ist's umgekehrt", sagt Menowin.

Schlimmster Moment von vielen: Willi Herren singt

Am Ende muss Laura sich dann noch übergeben. "Schatz, ich muss brechen, Bebi", sagt die wendlersche Kindsbraut, um sich dann grinsend in Schwangerschaftsmutmaßungen zu aalen und mit kindlicher Gimpelhaftigkeit von Willi zu näheren Wendlersex-Details ausfragen zu lassen, bevor der dann leider anderweitig benötigt wird, um hochaggressiv den armen Auswanderer-Roland als Aggressor zu bezeichnen.

Schlimmster Moment von vielen schlimmen Momenten der Auftaktsendung: Willi brüllsingt ein mit dem ganz groben Holzhammer gedengel-dichtetes "Sommerhaus-Lied" auf die Titelmelodie der "Gummibärenbande".

Wie gesagt: Noch wurde im Sommerhaus niemand geschlachtet. Aber die Pastetenformen stehen schon bereit.



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
Blitzlicht81 24.07.2019
1. Danke
Während des Schauens der Sendung habe ich mich schon auf Ihren Artikel gefreut. Sie haben mich nicht enttäuscht, vielen Dank!!!
leftplaying 24.07.2019
2. Entschuldigung, aber..
..wieso genau Berichtet der Spiegel über dieses "Format"? Welchen Mehrwert haben die Leser*innen nun davon? Wer wirklich nichts besseres mit seinem/ihrem Leben anzufangen hat, als sich unwichtige, dumme Menschen anzusehen, wie sie unwichtige, dumme Dinge tun, wird sich die Sendung ansehen und braucht keine Zusammenfassung. Der Rest von uns kann glaube ich auch so drauf verzichten.
herrin 24.07.2019
3. Ich hab da mal reingeschaut, aber.....
Es war mir zu peinlich und zu belanglos. Den Großteil kannte ich nicht. Und habe auch keine Lust darauf, dies nachzuholen. Den Teil, den ich kenne, den möchte ich nicht näher kennenlernen. Insofern wird Teil 2 für mich nicht in Frage kommen. Ich frage mich nur, wer solche Prominenz benötigt. Und, ob sich diese Prominenz noch durch andere Qualitäten äußert oder definiert als durch das, was ich da gesehen habe.
andy70 24.07.2019
4. Schmerzliche Fakten
Es mag bei Frau Rützel verschämt zwischen den Zeilen durchklingen, aber das Sommerhaus der Stars ist verdammt unterhaltend und die Insassen liefern bis zur Schmerzgrenze. Dass die Männer hier tonangebend wären, mag auf den ersten Blick so scheinen. Allerdings müssen sich die Frauen, die sich nur mit anderen Mitteln dem Geschlechterkampf stellen, auch nicht verstecken. Jedenfalls eignet sich das Format immer wieder hervorragend dazu, sich als Zuschauer moralisch überlegen zu fühlen, obwohl doch eigentlich - zugegeben in einer extremen Form - nur der Spiegel vorgehalten wird...
jui8aa 24.07.2019
5. Besser als gedacht....
Die Sendung war besser als ich dachte! Der Artikel hierüber in gewohnter Qualität. Nur leider kam die Frau die bekannt ist, weil sie "gefangen wurde" (Otto der Film) nicht vor ;) Aber die Sendung hatte gestern wahrscheinlich ein Potenzial von acht Rützel Artikeln :)
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