"Sommermädchen 2011" bei ProSieben Kurventrip ins Wachkoma

Man muss schon sehr busenfixiert sein, um bei "Sommermädchen 2011" auf ProSieben nicht wegzudämmern: Der Privatsender suchte die "coolste, attraktivste Frau Deutschlands", bietet aber eine Mischung aus Schwimmkurs und Deutsch als Fremdsprache - Gogo-Girls bevorzugt!

ProSieben

Von Daniela Zinser


Also, es war echt voll krass: Weil, erst hat die Jade gesagt, dass die Alexa so ein Alkoholproblem hat oder so. Und dann hat die Alexa gesagt, dass die Jade Luft im Kopf hat. Dabei war es das Silikon, warum die halt nicht tauchen konnte. Und dann haben die echt übertrieben derbe Armdrücken gemacht.

Das war leider auch schon der Höhepunkt der ersten Folge von "Sommermädchen 2011" am Donnerstagabend bei ProSieben.

Man hatte nicht gerade das Gefühl, dass nach dem "Sommermädchen 2009" unbedingt noch eines kommen müsste, nach nicht gerade berauschenden Quoten im knapp zweistelligen Bereich und Kritiken, die eine neue Dimension des Demütigungsfernsehens oder gleich den Offenbarungseid des Mediums konstatierten. ProSieben aber fand, sagt ProSieben, es war Zeit für ein neues Mädchen. Weil es doch auch sexy war damals.

Aber diesmal soll alles viel hochwertiger sein. Statt 16 sind es nun elf Mädchen, weil, es ist ja auch 2011. Statt Charlotte Engelhardt und Steven Gätjen moderiert das südländische Powerpaar Giovanni und Jana Ina Zarrella die Show, die nach Zurschaustellung von Kind, Haus und Pizzeria wohl neue Herausforderungen suchten. Es gibt keinen "Bodycheck", bei dem früher die aussortierten Mädchen in den Pool geworfen wurden.

Vorbildung als Gogo- oder Table-Tänzerin von Vorteil

Mehr als tausend Frauen haben sich für diesen Blödsinn beworben. Südlich von Barcelona, in einer "Vier-Millionen-Euro-Villa" wie aus dem Playmobil-Katalog, müssen elf Auserwählte nun sieben Wochen lang - natürlich - alles geben und möglichst viele Perlen, sprich Punkte, sammeln. Wer am wenigsten hat, fliegt am Ende jeder Folge raus. Übrig bleibt die "mutigste, klügste, attraktivste und coolste Frau Deutschlands". Da möchte man dann erst mal weinen, weil es doch sehr trübe aussehen muss mit den Frauen in Deutschland.

Ein Sommermädchen braucht ja vor allem einen Bikini und Brüste, BH-Größe 75C mindestens. Offenbar ist eine Vorbildung als Gogo- oder Table-Tänzerin von Vorteil, davon gibt es mindestens drei. Die Kamera versenkt sich gerne tief ins Tal zwischen den Hügeln, die durch Auf- und Abhüpfen gekonnt in Szene gesetzt werden. Gehüpft wird eigentlich immer. Aus Freude über die große Badewanne, vor Aufregung, und manchmal ist den Mädchen offenbar auch einfach so nach Hüpfen.

Einen dreifachen Hüpfer ist natürlich der Gewinn wert, der dem Sommermädchen winkt: Ruhm, Ehre, ein Auto, 100.000 Euro, ein Fotoshooting fürs Männermagazin "FHM" und ein Moderatorinnenjob beim ProSieben-Promi-Magazin "taff".

"Die beste Frau Deutschlands lebt nicht wie die Schweine im Stall!"

Laura hüpft besonders gerne. Die Moldauerin ist Gogo-Tänzerin, kann sich "ab und zu nicht kontrollieren", findet sich nicht nur schön, sondern auch sexy und "will eine Karriere im Fernseher starten". Die Kamera hält drauf, man muss schon sehr busenfixiert sein, um da nicht wegzudämmern.

Auch die Spiele können es nicht herausreißen. Im Grunde ist das Ganze eine große Werbeveranstaltung für die DLRG (Seepferdchen!) und "Deutsch als Fremdsprache". Zuerst müssen die Mädchen vom Fünf-Meter-Brett springen und nach den Schlüsseln für ihre Doppelzimmer tauchen. Das Problem: Die meisten haben Angst vor Wasser und jeder Art von Höhe - und können nicht schwimmen. Aber, das weiß Giovanni, "wer ins Rampenlicht will, muss auch mal ins kalte Wasser springen". Aus diesem Spannungsfeld lassen sich dann mindestens 30 quälend lange Minuten basteln, angefüllt mit viel Brust und Bikini. Da hüpft die Laura, die Chantal weint, eine erspringt Champagner für alle, und zwei müssen die Nacht im Schlafsack in der Vorhalle verbringen.

Und so geht es weiter, auch beim "Bungeespringen". Für den Abflug aus 70 Metern Höhe gibt es die ersten Punkte. Fürs Auswendiglernen von zehn Begriffen ("Beauty-Case, Meerblick, Akrophobie, Selbstüberwindung...") beim Hochfahren noch mehr. Noch Fragen? Die "Germany's Next Topmodel"-Mädchen wirken da fast wie Heldinnen.

Sprachlich bewegt sich alles ungefähr auf Kleinkind-Niveau. Grammatik- und Vokabelfehler werden liebevoll integriert, der Italiener Giovanni und die Brasilianerin Jana Ina sind da Vorreiter. Das Moderatorenpaar hat sich die Tätigkeitsbereiche aufgeteilt: Jana Ina bestätigt beständig das Offensichtliche ("Sie fährt hoch", "Sie ist gesprungen") und bringt den Mädchen grundlegende Verhaltensregeln bei: "Die beste Frau Deutschlands lebt nicht wie die Schweine im Stall!" Also putzen! Giovanni gibt den verständnisvollen verbindlichen Übervater, der Mut zuspricht und stolz auf alle und alles ist.

Aufstehen. Stolz. Zähneputzen. Stolz.

Durch ständige Wiederholung prägen sich Vokabeln nicht nur besser ein, der Zuschauer, der zwischendurch mal ins Langeweile-Koma gefallen ist, kommt problemlos wieder rein. Gut anknüpfen lässt sich an alles, was stolz macht. Aufstehen. Stolz. Zähneputzen. Stolz. Die Zimmernachbarin als faul und hässlich anschwärzen. Stolz. Vor Freude mit den Brüsten wackeln. Stolz.

Besonders stolz ist Chantal. Die hat nicht nur ein Stoffschaf und nach den beiden Turmspringen die meisten Perlen, sondern auch eine traurige Kindheit. Weil sie immer gemobbt wurde, ist sie so schüchtern. Oder andersrum. Jedenfalls muss sie ganz oft weinen. Jade fragt sich deshalb öffentlich und ausgiebig, ob Chantal das Zeug hat zum Sommermädchen. "Sie ist eine schwache Persönlichkeit und sollte das auch bleiben." Dass Jade danach die Treppe hinunterfällt, ist rein zufällig. Und erst mal heulen.

Trotz Wirbelstauchung und blauer Flecken muss Jade, Physiotherapeutin und Tänzerin, dann antreten. Beim Wetttauchen tauchen ihre Brüste leider als erste auf - das Silikon, 625 Gramm auf jeder Seite. Das ist wie Airbags, sagt Jade. Deshalb muss sie in der letzten Challenge gegen Alexa ran. Die wurde von den anderen Mädchen als Unbeliebteste aussortiert. "Alexa ist einfach nur bekloppt im Kopf, viel zu alt (31) und nicht so hübsch", sagt Jade. Und ruft ihr beim Armdrücken ein saftiges "I'm from Brooklyn, Bitch" zu. Schließlich hat Jade drei Jahre in New York gelebt. Genützt hat es nix. Sie verliert. Aber dass sie trotz Treppensturz so viel Kraft aufwenden konnte, das findet Jade schon beachtlich von sich.

Also, und voll krass, die Alexa, die ist jetzt weiter und hat jetzt noch sechs Folgen Zeit, um Sommermädchen zu werden oder so. Und das mit ihrem Alkoholproblem, also die ist ja auch voll stark und so. Und total ehrlich und authentisch. Und wenn die anderen sie nicht leiden können, dann heult sie eben ein bisschen und hüpft. Am Ende wird sie stolz auf sich sein.

insgesamt 110 Beiträge
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Smartpatrol 08.07.2011
1. Frage
Zitat von sysopMan muss schon sehr busenfixiert sein, um bei "Sommermädchen 2011" auf ProSieben nicht wegzudämmern: Der Privatsender suchte die "coolste, attraktivste Frau Deutschlands", bietet aber eine Mischung aus Schwimmkurs und Deutsch als Fremdsprache - Gogo-Girls bevorzugt! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,773014,00.html
Wie schafft man es, bei so etwas nicht einzuschlafen? Bzw. so etwas zu sehen? Bzw. auf die Idee zu kommen Pro7 einzuschalten? Bzw. auf Privatsendern irgendetwas von Substanz zu suchen? Bzw. überhaupt noch den Fernseher anzuknipsen?
sinta, 08.07.2011
2. .
---Zitat von Sponartikel--- Gehüpft wird eigentlich immer. ---Zitatende--- Bester Satz aus dem Artikel, ich musste sehr lachen. ;)
latinistin 08.07.2011
3. ....
haha, wie lustig....ich habs nicht gesehen, aber der artikel ist echt amüsant.....so alles und nichts sagend wie die sendung zu sein scheint.... wenigstens haben die mädels auf dem bild zum teil figuren jenseits der gntm-vorstellungen....ein hoch auf die hagelschäden.....:-D
makutsov 08.07.2011
4. Boulevard
Boulevard-Voyeurismus verpackt als Boulevardkritik . Interessant.
Langdon_Olga 08.07.2011
5. Bitte bitte lieber Spiegel ....
Zitat von sysopMan muss schon sehr busenfixiert sein, um bei "Sommermädchen 2011" auf ProSieben nicht wegzudämmern: Der Privatsender suchte die "coolste, attraktivste Frau Deutschlands", bietet aber eine Mischung aus Schwimmkurs und Deutsch als Fremdsprache - Gogo-Girls bevorzugt! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,773014,00.html
werft doch endlich eure Praktikanten raus ! Der Moderator der letztjährigen Sendung heißt Steven Gätjen, nicht Sven!
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