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Song-Contest-Helfer Raab Schlag die ARD

Deutschland und der Eurovision Song Contest: Das klang zuletzt nur noch nach Blamage. Jetzt soll Stefan Raab die dröge ARD-Vorauswahl aufmöbeln. Der Sender lud zur Pressekonferenz - und bezog gleich Prügel von seinem neuen Star.
Von Peer Schader

Ach du lieber Schreck, das wird ein Schock fürs Land: eine Castingshow, in der die Kandidaten wirklich singen können, in der sich niemand sorgen soll, blamiert zu werden - und in der der Beste am Ende nicht mal unbedingt gewinnen muss. "Wenn Sie sagen: Wir müssen in Oslo möglichst weit vorne landen, dann ist das hier vielleicht die falsche Herangehensweise", sagt Stefan Raab vorne auf der kleinen Bühne im Restaurant neben der Berliner Reichstagskuppel, dem Ort, den er sich ausgesucht hat, um von seiner "nationalen Aufgabe mit historischer Tragweite" zu erzählen: der Rettung des Grand Prix, zumindest aus deutscher Perspektive. Und das bedeutet für Raab eben auch: "Man darf nicht davon ausgehen, dass Deutschland den ersten Platz belegen kann."

Wie bitte? Und wozu dann der ganze Aufwand, wenn wir nicht mal gewinnen wollen? Weil es "so viel mehr Spaß" macht, sagt Raab. Wichtiger ist ihm, dass das Publikum wieder mitfiebert, dass das ganze Land hinter dem Künstler steht, der im Mai für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Norwegen antritt - und dass man diesen Künstler auch danach noch hören mag.

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ARD-Retter Raab: "Trümmerfrau des Song Contest"

Foto: Steffen Kugler/ Getty Images

Dass das geht, hat Raab schon mal bewiesen, nicht nur mit seinem eigenen Auftritt, sondern auch mit dem von Max Mutzke, der zuvor in "TV total" gecastet und von den Zuschauern gewählt wurde. Jetzt versucht Raab es erneut, nur eine Nummer größer. "Unser Star für Oslo" heißt die Show, für die der Entertainer mit der ARD zusammenarbeitet, die zwei der acht Vorauswahlshows zeigt. Die übrigen sechs laufen bei Raabs Haussender Pro Sieben.

Eigentlich lohnt es sich schon allein dafür einzuschalten: Um zu sehen, wie Raab, der mal als Spaßmacher mit der Ukulele bei Viva anfing, jetzt mit dem ARD-Logo in der Bildschirmecke seriöses Musikfernsehen macht. "Ich muss der ARD auch mal ein bisschen zu Hilfe kommen", sagte Raab am Donnerstagabend in Berlin, weil die Journalisten sich so gern danach erkundigen, wie schlimm die Verhandlungen mit der ARD, die lange Zeit als gescheitert galten, denn wirklich waren. "Die ARD hat für ihre Verhältnisse einen revolutionären Schritt gemacht."

"Es ist eine Liebesheirat!"

Und irgendwie ist da ja auch was dran: Es ist das erste Mal, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender in diesem Maß mit einem privaten kooperiert. Vielleicht ist genau das die richtige Taktik, um ein größtmögliches Publikum anzusprechen. Obwohl nicht ganz sicher ist, wie viel ARD überhaupt noch in "Unser Star für Oslo" steckt.

Die Pressekonferenz in Berlin jedenfalls war eine waschechte Raab-Veranstaltung. ARD-Programmdirektor Volker Herres durfte zwar damit einleiten, dass man sich in diesem Jahr darauf freue, "zum Punktezählen wieder den Taschenrechner zu brauchen", und einmal kam zwischendurch auch der NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber zu Wort, der die Kooperation mit harter Arbeit im Senderverbund durchgesetzt hat. Den Rest aber erledigte Raab alleine. Nicht ohne per Trailer darauf zu verweisen, dass der Song Contest in den vergangenen Jahren für Deutschland "ein musikalisches Waterloo" gewesen sei, die Platzierungen eine "Schmach" und die Auftritte der deutschen Vertreter "zweifelhafte turnerische Darbietungen".

Bei der ARD kann man sich schon mal drauf einstellen, dass das nicht die einzige Schelte war, die sie von ihrem Kooperationspartner bekommen wird - auch wenn der sich nun freundlich gibt und den Partner für seinen Mut lobt: "Schreiben Sie: Es ist eine Liebesheirat!"

Immerhin haben davon auch die Zuschauer was: im besten Fall eine Sendung, die es sich anzusehen lohnt, weil nun wirklich ein neuer Künstler aufgebaut werden soll. 4500 Kandidaten haben sich in den vergangenen Wochen beworben - das ist im Vergleich zu "Deutschland sucht den Superstar" mit seinen 35.000 Möchtegern-Stars keine besonders hohe Zahl, aber anders als die RTL-Castingshow braucht Raab ja auch nur diejenigen, die wirklich eine Stimme haben: "Bei uns werden die Kandidaten ernst genommen."

"Eher mutzkig als hornig"

20 Bewerber sind ausgewählt worden, ab jetzt entscheidet das Publikum in den Live-Shows, wer weiterkommt. In den ersten beiden Sendungen, die von Matthias Opdenhövel ("Schlag den Raab") und Sabine Heinrich (vom WDR-Radio EinsLive) moderiert werden, müssen jeweils fünf Kandidaten gehen. Danach wird Woche für Woche weiter ausgesiebt, bis es Mitte März zwei Finalisten gibt, von denen die Zuschauer den Sieger wählen - und den Titel, den er singen soll, gleich mit.

Wahrscheinlich werde die Entscheidung des Publikums diesmal etwas "mainstreamiger" ausfallen als in den "TV total"-Wettbewerben, aus denen neben Max Mutzke ja auch noch Stefanie Heinzmann hervorging - aber das liege nun mal daran, dass der Rahmen diesmal ein viel größerer sei, so Raab. Auch wenn er glaubt, dass kein zweiter Guildo Horn gewinnen wird: "Es wird wahrscheinlich eher mutzkig als hornig."

Auch bei "Unser Star für Oslo" gibt es eine Jury, und dafür, dass sie in den Liveshows nur Ratschläge geben darf, eigentlich aber nichts zu entscheiden hat, ist sie recht prominent besetzt: Zum Auftakt am 2. Februar sitzen Marius Müller-Westernhagen und Yvonne Catterfeld neben Raab, in der zweiten Woche kommen Sarah Connor und Peter Maffay, danach noch Xavier Naidoo, Jan Delay, Sasha, Stefanie Kloß von Silbermond, Ich+Ich-Sänger Adel Tawil und andere.

Raab nimmt das ernst mit der "nationalen Aufgabe" und findet: "Man kann da gar nicht pathetisch genug sein." Dabei hat er sich vorgenommen, bei aller Ernsthaftigkeit den Spaß an der Sache nicht zu verlieren. "Wir sehen uns als Trümmerfrauen des Eurovision Song Contest", scherzte er zum Ende der Pressekonferenz in Berlin. Herres und Schreiber haben mitgelacht. Hoffentlich geht das auch den Kollegen in den ARD-Gremien so, wenn Raab dann endlich bei ihnen auf dem Schirm ist.