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Wotschi, das Maskottchen der Olympischen Winterspiele in Sotschi

Wotschi, das Maskottchen der Olympischen Winterspiele in Sotschi

Foto: ZDF

Rudi Cerne schweigt genüsslich, Kati Witt findet Olympia richtig sportlich, und wir sind uns immer noch unsicher, wer das ZDF-Maskottchen in Sotschi ist - eine Zwischenbilanz nach einer Woche Olympia-TV.

Was uns freute: Rudi Cerne. Als Moderator verbreitet er eine fast altmodische Seriosität, als Kommentator des Paarlaufs auf dem Eis demonstrierte er eine selten gewordene Bescheidenheit. "Ich lasse sie dann einfach mal allein mit den beiden", flüsterte er vor der Kür des deutschen Paares Sawtschenko/Szolkowy - und schwieg.

Was uns wunderte: Katarina Witts Verwunderung. "Beeindruckend, wie sportlich das Ganze ist!", staunte sie am ersten Tag der Spiele über die Snowboard-Wettbewerbe. Sportlich? Bei Olympia? Hätte ihr vielleicht vorher jemand sagen sollen.

Was uns irritierte: Das ZDF. Suchte tagelang nach einem Namen für sein Olympia-Maskottchen. Und wir dachten: "Wieso soll Katrin Müller-Hohenstein jetzt umbenannt werden?" Es stellte sich aber heraus: Es ging gar nicht um sie, sondern um dieses graue Etwas, was sie immer penetrant in die Kamera hielt. Das heißt nach Zuschauerabstimmung jetzt "Wotschi". Ein Name, so phantasielos, dass man ihn gleich für eine ARD-Vorabendserie verwenden sollte.

Wo wir nicht mehr durchblicken: Beim Skispringen. Früher war die Weite wichtig und die Haltungsnoten nur ein bisschen. Wer fünf Meter weiter sprang als die anderen, gewann. Vorbei! Heute wird auch ein "Windfaktor" mit einberechnet, nach der Formel: Windwert X (Hillsize - 36) /20. Wird die Anlauflänge während des Wettkampfes verändert, kommt auch noch der "Gatefaktor" hinzu. Lieber gar nicht mehr auf den Sprung oder die Weite achten, sondern nur noch auf die Gesamtpunktzahl danach.

Weshalb man lieber Eiskunstlauf schauen sollte? Bloß nicht! Schnee von gestern sind die schier unendlich langen Sekunden voller Spannung, bei denen die Akteure nach ihrer Kür fröhlich in die Kamera winkten und auch Schmach-Wertungen wie "5.5 aus Österreich" mit Würde ertrugen und zusammen mit dem Publikum bei einer 6.0 vom eigenen Wertungsrichter kreischten. Jetzt wird irgendwann eine Gesamtpunktzahl eingeblendet. Gesamtpunktzahlen sind die Spannungstöter des Sports. Sollte mal jemand dem Fernsehen sagen.

Was hat es mit der "Lücke" auf sich? Das ist die Zeit zwischen der ersten Entscheidung am frühen Morgen und der nächsten irgendwann mittags. Eine Zeit von ein paar Stunden, in der im Prinzip nichts passiert, also Curling, Frauen-Eishockey und so. Weshalb die Sender dann tatsächlich diese Sachen zeigen oder Hintergrundberichte vom Biathlon liefern: "War das jetzt der Befreiungsschlag für das deutsche Team?" (ARD-Laberfürst Markus Othmer am Freitagmorgen) Oder gar Gerhard Delling frei und viel zu lange moderieren darf. Gibt's denn keine Vorläufe in irgendwas, die man stattdessen zeigen könnte?

Wen wir vermissen: Georg Thoma! Sein Neffe Dieter macht sich zwar ausgezeichnet als TV-Experte fürs Skispringen und hat in dieser Funktion all die Steifheit abgelegt, die ihn noch als Springer auszeichnete, aber keiner konnte die Spannung für den TV-Zuschauer mit einem lapidaren Satz von 0 auf 100 treiben wie sein Onkel Georg: "Jetsch kummt de Dieter!" Da stand man sofort im TV-Sessel, zitterte vor Aufregung, und das Adrenalin lief einem fast zu den Ohren hinaus.

Was war der Satz des Tages? "Eigentlich habe ich mit Langlauf angefangen, um Wintersport zu machen." (Axel Teichmann nach dem 15-Kilometer-Rennen, bei dem ein Norweger sogar in kurzer Hose startete) Worauf wir uns noch freuen: Männer-Eishockey. Biathlon (nach dem Befreiungsschlag). Bob. Staffel-Wettbewerbe aller Art. Das Ende des Curling-Turniers. Und auf alle Pullover von KMH.

Welche Frage wir uns alle stellen: Kommt noch irgendwas mit Rodeln?

Dirk Brichzi
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