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SPD-Doku in der ARD: Triumph der Schnittbilder

Foto: WDR/ HMR Produktion

SPD-Doku im Ersten Genossen, jetzt bitte sofort locker!

Gegrillte Hähnchenflügel und Flügelkämpfe: Die ARD-Doku "Sozialdemokraten" von Lutz Hachmeister zeigt Politikprofis, die sich in Berlin an die Gurgel gehen - und an der Basis mit verkrampfter Lockerheit um die Gunst der Bürger buhlen. In den besten Momenten besticht der Film mit feiner Ironie.

Die Ränkespiele, das Personalkarussell, die Flügel- und die Machtkämpfe: Zweifelsohne bietet das Innenleben demokratischer Volksparteien auch im 21. Jahrhundert noch Stoff für große Dramen. Zumal, wenn es sich um die SPD der Post-Hartz-IV-Ära handelt, welche den Unmut der Wähler über das unpopuläre neoliberale Reformwerk auszubaden hat.

Der Dokumentarfilmer Lutz Hachmeister ("Schleyer - eine deutsche Geschichte") hat die SPD in ihrer Krise nach der Bundestagswahl 2009 aufgesucht und einige ihrer Protagonisten - vor allem den Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel - 18 Monate lang mit seinem Team begleitet: Vom Dresdner Parteitag 2009 bis zu den Wahlen in Hamburg und Baden-Württemberg im Frühjahr 2011, die der Partei die absolute Mehrheit im einen und die Juniorpartnerschaft in der grünen-roten Koalition im anderen Fall einbrachte.

Falls Hachmeister in diesen 18 Monaten das Drama der SPD gefunden hat, so hat er es gut versteckt. Über seiner Erzählung von der Partei, die sich aus dem Popularitätstief herauszukämpfen versucht, liegt die bleierne Banalität des Parteialltags - dargestellt in Bildern, die man im Journalistendeutsch Schnittbilder nennt. Jeder "Tagesschau"-Bericht aus dem politischen Berlin braucht sie: Während der Sprecher aus dem Off den Zusammenhang erklärt, behelfen sich die TV-Redaktionen mit alltäglichen Bildern aus der Parteizentrale, dem Bundestag, der Pressekonferenz. Dann kommen ein bis zwei Interviewausschnitte und zum abschließenden Kommentar noch mal Schnittbilder: Händeschütteln, Kramen in Papierstapeln, Schwenks durch die Sitzreihen.

Diese Szenen von den Rändern der politischen Bühne rückt Hachmeister in seiner Dokumentation in den Mittelpunkt - aber er macht es leider nur halbherzig. Denn zwischen die Parteitags- und Parteibürobilder, die Wahlkampfauftritts- und Büroszenen, die die 18 Monate Sozialdemokratie pflastern, setzt er dann doch die üblichen talking heads.

Dahin, wo es manchmal riecht

Und das ist langweilig. Denn wenn die Granden der gegenwärtigen Sozialdemokratie wie Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück oder Andrea Nahles das Auf und Ab der Umfrage- und Wahlergebnisse und der Flügelkämpfe in der üblichen Politprofi-Routine kleinreden und einordnen, wirkt der Film wie ein auf endlose 90 Minuten aufgeblasener "Tagesthemen"-Bericht über die Stimmungslage bei der SPD. Und das, mal ehrlich, ist wirklich nur was für eingefleischte Sozi-Fans. Da helfen auch die bissigen Kommentare des SPD-Renegaten Wolfgang Clement nicht.

Was sich über die heutige Sozialdemokratie lernen lässt, findet sich eher in den kleinen Unfällen und den Absurditäten beim Absolvieren der Parteirituale. Wenn eine Parteitagsabgeordnete nach dem Handy nestelt, das ausgerechnet zu bimmeln anfängt, während die "lieben Genossinnen und Genossen" eine Schweigeminute für verstorbene Altsozis einlegen. Oder wenn eine Junggenossin in weißer Bluse und mit Perlen-Ohrclip amüsiert schmunzelt, weil dem Genossen Gabriel bei seiner Aufrüttel-Parteitagsrede im November 2009 eine rhetorische Volte gelingt.

"Wir müssen raus ins Leben! Da wo es laut ist, da wo es brodelt, da wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt!", ruft Gabriel den Genossinnen und Genossen zu. "Unsere Politik wirkt manchmal aseptisch, klinisch rein, durchgestylt, synthetisch." Die Menschen, die Räume, die Möblierung, die sich in der Langzeitdokumentation des WDR immer wieder ins Bild drängen, wirken wie Belege dieses aseptischen Polit-Betriebes: Die braven Juso-Karrieristen, die mit früherworbener Profi-Attitüde besprechen, wann, wo und wie "der Sigmar" beim Parteitag am besten gepudert wird. Der Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs, wie er, umschwirrt von jungen Krawattenträgern, die SPD-Prominenz zur traditionsreichen Spargelfahrt des "Seeheimer Kreises" auf der Spree empfängt: "Willst du an diesem Promi-Tisch sitzen, oder neben dem Typen da hinter dir?"

Einschläfernd plätschert der Tango-Jazz

90 Minuten lang dominiert dieser einerseits schnoddrig-kumpelige, andererseits nach außen hin abschottende sozialdemokratische Ton die Szenerie. Lockerheit regiert krampfhaft. Keinesfalls möchte man dem Filmteam echte inhaltliche oder emotionale Einblicke in die erbitterten Flügelkämpfe gewähren. "Wenn ich die Wahrheit sage, bin ich verratzt", erklärt Andrea Nahles, als man sie nach dem Putsch gegen Kurt Beck im September 2008 fragt, in einem seltenen Moment der Aufrichtigkeit. Ihr Gegenspieler Johannes Kahrs beschwichtigt: Nein, dem Seeheimer Kreis sei es gar nicht darum gegangen, die Mehrheit zu gewinnen, versichert er und zitiert Helmut Schmidt: "Die SPD ist wie eine Möwe, sie hat einen linken und einen rechten Flügel und beide müssen sich bewegen, damit der Vogel fliegen kann."

Dass eben jener Kahrs vielen innerhalb und außerhalb der SPD als ziemlich intriganter Machtstratege gilt, scheint in diesem Film nur sehr am Rande auf: Nachdem die "Seeheimer" Ende November in einem internen Papier die vermeintliche " Hü- und Hott-Politik" von Sigmar Gabriel attackieren und das Dokument auch noch in der Redaktion von SPIEGEL ONLINE landet, zeigt der Film einen sichtlich angeschlagenen Parteivorsitzenden. "So'n Papier an den 'Spiegel' zu schicken", nuschelt Gabriel in seinem Büro, "das war schon übel."

Wenn es in Hachmeisters Dokumentation einen Protagonisten gibt, dann Sigmar Gabriel. Und das macht auch Sinn, denn kaum ein SPD-Kader verkörpert die typisch sozialdemokratische Synthese aus traditionell sozi-mäßiger Kumpelattitüde und Mediengewandheit so wie der untersetzte Vorsitzende aus Niedersachsen. Auch seine politischen Gegner und Konkurrenten können hier neidlos bewundern, wie er all die Zumutungen des Funktionärslebens mit stoischer Leutseligkeit erträgt - vom öffentlichen Kartoffelpellen bis zur Andrew-Lloyd-Webber-Arie, vorgetragen von einer verdienten Genossin beim Regionaltreffen des Sozialverbandes.

Überhaupt die Musik: Weil jede Polit-Veranstaltung ein Begleitprogramm braucht, liefert die Dokumentation ganz en passant und mit feiner Ironie noch ein Panoptikum sozialdemokratisch kuratierten Entertainments. Von der trällernden Musical-Hausfrau bis zum Altherren-Dixieland beim Wahlkampf-Grillfest in der Fußgängerzone, von der Andrews-Sisters-Travestie beim Jahrestreffen der "Netzwerker" bis zum vorschriftsmäßig ghettoisierten Migranten-Rap: Wer in der SPD nach oben kommen will, der muss all das durchstehen.

Und eines muss man Gabriel lassen: Das kann er. Da mag der Tango-Jazz des Trios "Vibratissimo" bei der Preisverleihung der Hertie School of Government noch so einschläfernd dahinplätschern: Der Parteivorsitzende lässt sich nicht beirren. Kein Gähnen, kein Augenrollen, kein verstohlener Blick auf's Smartphone. Einfach nur makellose Aufmerksamkeit.


"Sozialdemokraten - 18 Monate unter Genossen", ein Film von Lutz Hachmeister, 26. Juli, 22:45 Uhr, ARD.

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