Puppen-Comedy »Spitting Image« Reichstag anzünden? Schlecht für die CO₂-Bilanz

Kein Witz ist zu böse: Der Bezahlsender Sky schickt Satirepuppen in den deutschen Wahlkampf. Der lustige Armin, ein Scholz-Schlumpf und Biohändlerin Baerbock müssen vor Heidi Klum bestehen. Und das ist richtig gut.
»Spitting Image«-Puppe von Annalena Baerbock: Bioladen-Unternehmerin mit Ambitionen

»Spitting Image«-Puppe von Annalena Baerbock: Bioladen-Unternehmerin mit Ambitionen

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MARK HARRISON / Avalon / Sky

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Ronald Reagan erwacht aus einem Albtraum, und statt die Krankenschwester zu rufen, drückt er auf den roten Atombombenknopf: So lernte das deutsche Publikum 1986 »Spitting Image« kennen – im Musikvideo zu »Land of Confusion« von Genesis. Im britischen Fernsehen waren die Puppen da schon seit zwei Jahren bekannt, die Ebenbilder von Gaddafi, Thatcher und Prinzessin Diana wackelten da Woche für Woche durch bissige Sketche zum Geschehen in Politik und Unterhaltung.

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Insofern ist es passend, dass 35 Jahre nach dem »Land of Confusion«-Clip (in dem Helmut Kohl einen Mini-Auftritt hatte), die »Spitting Image«-Folge, in der erstmals deutsche Prominente im Mittelpunkt stehen, eine Musikvideo-Parodie als Höhepunkt hat: »Deutsche Frau’n in dem Haus« raunt die Markus-Söder-Puppe und öffnet die Tür zum Kanzleramt, das von innen aussieht wie das Bordell aus dem Video zu »WAP«, dem Duett von Cardi B und Megan Thee Stallion – nur dass in der Rolle der Rapperinnen Annalena Baerbock und Angela Merkel zu sehen sind. Aus der »Wet Ass Pussy« des US-Originals wird im deutschen Refraintext »Oh mein Gott, gibt kein’ Stopp für ’ne Bitch on Top«.

Damit ist der Ton gesetzt für »Spitting Image: The Krauts’ Edition«, wie die Show nun heißt, die zur heißen Phase des Bundestagswahlkampfes am Donnerstagabend bei Sky Comedy anläuft. Neun Episoden und eine Best-of-Folge sind geplant. Neben Figuren aus der Politik werden auch Showgrößen wie Barbara Schöneberger, Joko und Klaas, Capital Bra, Jan Böhmermann, Jorge Gonzales, Markus Lanz, sowie Sportler wie Thomas Müller oder Lothar Matthäus Auftritte als Puppen haben.

Doch zum Auftakt steht das Politikpersonal im Zentrum des Geschehens – beispielsweise mit einer von Heidi Klum ausgerichteten Top-Politiker-Wahl, bei der Armin Laschet wieder und wieder in Lachen ausbricht und nur noch »der lustige Armin« genannt wird, oder Olaf Scholz als Diversity-Hoffnung mit blauem Schlumpfkopf auftritt. Subtilität war nie die Stärke der britischen Puppensatire.

Auch als es schon einmal, zwischen 1989 und 1991, mit »Hurra Deutschland« eine Puppencomedy im deutschen Fernsehen gab, war der Humor eher brachial. In der Erinnerung schien es eigentlich fast immer um Helmut Kohl zu gehen, als Interpret der Musiktitel, die zur Show veröffentlicht wurden, firmierte Kohl & die Gang. Der SPIEGEL war seinerzeit wenig angetan: »Bissig wie ein Gummibärchen, witzig wie eine Autopsie und spritzig wie ein Ölteppich auf dem Toten Meer«, befand Kritiker Peter Stolle.

Zum Glück merkt man der neuen »Spitting Image«-Reihe an, dass sich im deutschen Fernsehhumor seither einiges getan hat. Im Autorenteam findet sich Erfahrung aus der »Heute Show« oder aus Harald Schmidts Sendungen, angeführt wird es von Elmar Freels (»Knallerfrauen«).

Zumindest in der Auftaktfolge kommt mehrfach die Adolf-Hitler-Puppe zum Einsatz. Besonders gelungen ist dabei der Besuch von Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock in Hitlers Büro mit Blick auf den Reichstag – aus dessen Sicht von einer Käseglocke verschandelt. Hitler ist inzwischen im Politikberatungsgeschäft, aber er dringt mit seinen Vorschlägen zur Rettung der Kampagne bei Baerbock nicht recht durch. Reichstag anzünden? Schlecht für die CO2-Bilanz. Lieber ein Kochbuch schreiben? »Mein Mampf, oder was?«.

Die Puppen, die von den britischen »Spitting Image«-Machern hergestellt werden, funktionieren als Karikaturen der deutschen Prominenz, insbesondere die Mimik des Scholz-Schlumpfs und das präpotente Wackeln der Söder-Figur gefallen. Andere wie Jan Böhmermann oder Alice Weidel erkennt man eher erst auf den zweiten Blick.

Die »Bild«-Zeitung versuchte vor dem Sendungsstart die Erwartung auf Kontroversen zu schüren: Alice Weidel habe gedroht, sich anwaltlich beraten zu lassen. Sky will zu rechtlichen Angelegenheiten keine Auskunft geben, weist aber vorsorglich darauf hin, dass »auch polarisierende und überspitzte Darstellungen« von der Satirefreiheit gedeckt seien.

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Ganz und gar unkontrovers, dafür aber sehr vergnüglich sind die Einsprengsel aus dem internationalen Programm, das seit 2020 für einen britischen Streamingdienst wieder hergestellt wird. Unter dem Titel »The Santa Barbarians« bemühen sich Prinz Harry und Meghan Markle, im Prominenten-Biotop Santa Barbara Fuß zu fassen – sehr schön böse, wie zum Beispiel Ellen DeGeneres zugleich gehässig ist und sich für äußerst nett hält. Das Abba-Comeback und das texanische Abtreibungsgesetz kommen vor, auch für den deutschen Bereich sind wochenaktuelle Beiträge vorgesehen. Und hoffentlich noch weitere Musikvideo-Parodien.

»Spitting Image: The Krauts' Edition«: Sky Comedy, 1. Folge: Donnerstag, 16. September, 20.15 Uhr

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