Netflix-Phänomen »Squid Game« Hype um die Hölle

Jetzt ist es offiziell: Die blutige Kapitalismus-Satire »Squid Game« ist die erfolgreichste Netflix-Serie in der Geschichte des Streamingkonzerns. Eine Gewaltfantasie mit Wurzeln in der Wirklichkeit.
Schon jetzt fester Bestandteil des Pop-Universums: Die Maskierten aus »Squid Game«

Schon jetzt fester Bestandteil des Pop-Universums: Die Maskierten aus »Squid Game«

Foto:

Netflix

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Eine Serie aus Südkorea nimmt die Welt im Sturm. Heute Nacht gab Netflix über seine Social-Media-Kanäle bekannt: »Squid Game« ist die am meisten gesehene Serie des Konzerns überhaupt. In 90 Ländern stand sie auf Platz eins der Charts, 111 Millionen Haushalte schalteten die Serie ein – wobei nach Netflix-Logik zwei Minuten ausreichen, um einen Inhalt als gesehen zu zählen.

Ausgerechnet »Squid Game«. Eine Serie, die in neun zum Teil extrem blutigen Episoden vom Kampf von Arm gegen Reich, von Klassenkonflikten und sozialer Ungerechtigkeit erzählt. Von Hell Joseon.

Ein Begriff, der um 2015 in südkoreanischen Facebook- und Twitterposts ungemein populär wurde. Hell Joseon ist seine englische Übersetzung. Joseon ist der Name des Königreiches, das über fünf Jahrhunderte auf der koreanischen Halbinsel herrschte. Hell Joseon steht für alles, was in Südkorea falsch läuft. Für die hohe Arbeitslosigkeit unter der jungen Bevölkerung, für die wachsende Kluft in der Gesellschaft.

Der Arbeitslose Seong Gi-hun hat nicht einmal Glück beim Spiel: Szene aus »Squid Game«

Der Arbeitslose Seong Gi-hun hat nicht einmal Glück beim Spiel: Szene aus »Squid Game«

Foto: Netflix

Die Thematik ist im weiten Feld südkoreanischer Kulturprodukte nicht unbekannt. Der Regisseur Bong Jon-ho zeigte in seinem Film »Parasite« den Kampf zwischen Arm und Reich am Beispiel zweier Familien und gewann damit erstmals in der Geschichte die Oscarkategorie »Bester Film« für eine nicht-amerikanische Produktion.

In der Serie »Squid Game« seines Landsmannes Hwang Dong-hyuk kämpfen nun die Armen nur noch zur Unterhaltung der Eliten. Die Idee zu »Squid Game« kam dem Drehbuchautor und Regisseur im Zuge der Finanzkrise 2008. Damals, so sagte er jüngst in einem Interview , sei die Idee von Produktionsfirmen noch als zu gewagt zurückgewiesen worden. Gegenwärtig erobert also nicht nur K-Pop die Welt, sondern auch Werke über Hell Joseon.

Die Erfolgsgeschichte von »Squid Game« begann mit der Premiere am 17. September, der Hype war damals nicht vorauszusehen. Aber er schwappte schnell in die USA und nach Europa, begleitet von einem Strom an Memes und Challenges. Traditionelle koreanische Kekse wurden plötzlich in der »New York Times« besprochen. Ein südkoreanischer Internetprovider klagte, weil die Serie das Netz lahmlege, und Jeff Bezos gratulierte zum beeindruckenden und inspirierenden Erfolg.

Die Geschichte variiert den aus vielen Horrorfilmen bekannten Topos des Spiels auf Leben und Tod. Seong Gi-hun, arbeitsloser Chauffeur und hoch verschuldet, ist einer der Kandidaten, die von einer undurchsichtigen Macht auf eine Insel vor der südkoreanischen Küste eingeladen werden. Er und seine 455 Konkurrentinnen und Konkurrenten befinden sich in der gleichen, ausweglosen Situation: kein Geld und nicht die geringste Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Jetzt finden sie sich wieder an diesem abgelegenen Ort, in einer Halle mit übereinander gestapelten Betten, bewacht von Gestalten in roten Kutten und seltsamen Masken und einem Anführer, der die Gleichberechtigung aller proklamiert. Es finden sechs Spiele in sieben Tagen statt, die Verlierer werden disqualifiziert. Ein Euphemismus, denn die Disqualifikation ist gleichbedeutend mit dem Tod des jeweiligen Kandidaten. Für jeden toten Teilnehmer kommen 100 Millionen Won in ein überdimensionales Sparschwein, das für alle gut einsehbar von der Decke hängt. Dem Gewinner steht am Ende der Spiele ein Preisgeld von umgerechnet 33 Millionen Euro zu.

Wie konnte diese böse Gewaltfantasie schlagartig so populär werden? Die Frage nach den Gründen für den Erfolg von »Squid Game« ist allgegenwärtig. Die viel zitierte Kapitalismuskritik ist zwar über kulturelle Grenzen hinweg verständlich, aber weder besonders subtil noch allzu neu. Die Problematik der wachsenden sozialen Ungleichheit lässt sich global kommunizieren, garantiert jedoch keinen Streaming-Hit. Und stilistisch ist »Squid Game« oft schmal, die Dialoge etwas zu gestelzt, die Protagonisten eindimensional.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Doch ist es ziemlich leicht, über diese Schwächen hinwegzusehen, wenn die Spiele beginnen. Dann wirkt »Squid Game« in den besten Momenten wie ein Fiebertraum, der die Zuschauer mit aller Macht in das dunkle Paralleluniversum einer bisher unbekannten Kindheit zurücksenden will. Pinkfarbene Treppenhäuser, Escher-like und mit dem Donauwalzer von Johann Strauss unterlegt, durch die sich die Teilnehmer hindurchzwängen müssen. Riesenhafte Spielplätze mit bis zur Decke gepinselten Wolken und einer riesenhaften Puppe, die bei der kleinsten Bewegung mit Gewehrsalven antwortet. Das erinnert manchmal an die Bilder des Fotografen Andreas Gursky, wenn die Masse der Spieler und ihrer Bewacher immer wieder miniaturisiert wird und mit der großen, bunten Kindheitskulisse verschmilzt.

Die »Squid Game«-Ästhetik birgt dazu einen starken, globalen Wiedererkennungswert. Man kann sich gut vorstellen, wie dieses Jahr an Halloween weltweit Menschen auf Partys in roten Overalls und schwarzen Masken umherirren werden. Sie ist ein kleines, dunkles Universum mit klug gesetzten Gaming-Referenzen, das womöglich bald eine Fortsetzung finden wird. Ob die Kindheitshölle für eine zweite Staffel gegen eine erwachsenere Version ausgetauscht wird?

Als die Protagonisten für einen Moment dem Ort des Grauens entfliehen, nachdem sie sich in einer Mehrheitsabstimmung als Folge des ersten Spiels für das vorzeitige Ende des Wettbewerbs entschieden hatten, konstatiert ein alter Mann lapidar: »Das Leben hier draußen ist noch viel höllischer.« Die Folge trägt den Titel »Hölle«, obwohl sie keines der grausamen Spiele enthält, nur der Alltag wird gezeigt.

Sie endet mit der Rückkehr der Teilnehmer in den Kindheitsalbtraum der Spiele. Sie haben die Wahl, aber draußen gibt es nur Hell Joseon. Dieser dunkle Teil Südkoreas, der auch in »Squid Game« erzählt wird und weiterhin in der Gesellschaft allgegenwärtig ist. Das ist spannend anzusehen, doch interessanter als die Serie ist ihr globaler Hype. Noch nie wurde eine moderne Hölle so erfolgreich verkauft.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.